2018 – Saint-Quentin-La-Poterie

Da sitzen wir nun also leicht benommen nach einer neunstündigen Fahrt auf der schönen Terrasse unserer Tauschpartner und schauen in den Garten, der so ganz anders aussieht als im letzten September, wo wir ihn entdeckten. Damals war das Gras total verbrannt, die Sträucher und Blumen lechzten nach Wasser wie im gesamten Süden Frankreichs  — und der Regen lieβ sechs Monate auf sich warten. Dann allerdings kam er, und nicht gerade sparsam, denn nun ist der Garten so grün wie es grünt wenn Spaniens Blüten blühen…Rosen und Geissblatt erfreuen unsere Augen und Nasen!

Das Haus ist sehr angenehm, ebenerdig, mit vielen Fenstern und Türen, die Luft und Licht herein lassen. Wir genieβen den für uns kaltgestellten Rosé und verbringen den ganzen ersten Abend hier drauβen,  machen Pläne für den nächsten Tag – die dann alle ins Wasser fallen, da es am nächsten Morgen regnerisch trübe ist. Also nix mit Sonnen im Liegestuhl, auf geht’s, die Umgebung zu erkunden!

Hm, unser 2000 Seelen Dorf liegt an diesem Samstagmorgen wie ausgestorben da und wir fahren gleich zum Markt in das nur fünf Kilometer entfernte Städtchen Uzès, dessen Türme uns schon von Weitem anlocken. Dieses ehemalige Herzogtum wurde in den sechziger Jahren liebevoll restauriert, es ist eine Art Knotenpunkt zwischen Nîmes, der Gard-Brücke und Montpellier.  Am Markttag ist natürlich kein Parkplatz im Zentrum zu ergattern und wir müssen  – inzwischen bei stechender Sonne – zehn Minuten laufen, um in eine der berühm- ten Platanen-Alleen zu gelangen, die das Wahrzeichen jedes Städtchens in Südfrankreich ist. Wir schlendern zwischen den Ständen, die den Straβenrand säumen und den Boutiquen hin, und ich finde sofort das lang gesuchte Paar Sandalen. Gutgelaunt geht es weiter, bis wir zum Marktplatz „Place des Herbes“ gelangen, auf dem schwer was los ist. 

Es gibt unwahrscheinlich viele Deutsche, Holländer, Belgier und Engländer hier – fast mehr als Franzosen. Wir kaufen Obst und Gemüse ein – die Preise sind im Vergleich zu Paris traumhaft niedrig! – und ich lasse mich von zwei netten Frauen dazu überreden, zum ersten Mal in meinem Leben zigarettendünne, grüne wilde Spargel zu kaufen, um sie in der Pfanne in Butter zu braten und zu Kartoffelbrei zu reichen (göttlich!). Die Kirschen allerdings schmecken noch nach dem vielen Regen  – und die Kommentare der Einheimischen sprechen Bände, was das Wetter betrifft:

Normalerweise baden wir hier schon Ende Mai – leider ist daran in den nächsten Tagen  nicht zu denken.

Zufrieden fahren wir zurück nach Saint-Quentin-La-Poterie und können nun tatsächlich bei wundervollem Vogelgezwitscher eine wohlverdiente Siesta im Garten genieβen. Erst am späten Nachmittag geht es wieder los, denn die französische Provinz ist ja immer für eine kulinarische Überraschung gut, so auch hier.

Gladys, unsere Schweizer Tauschpartnerin  hat uns dringend  das „Festival der Kichererbsen“ (jawohl !)  ans Herz gelegt. Dieses erstreckt sich über DREI  Tage im Nachbardorf  Montaren und soll „sehenswert“ sein. Also gut. Wir fahren diesmal in eine andere Richtung des Départements Gard und wie schon gestern und heute Morgen, stellen wir fest, wie „unaufgeregt“, um nicht zu sagen langweilig die Landschaft hier meistens ist. Sie hat absolut nichts zu tun mit der Schönheit und Abwechslung der Drôme oder des Vars, also unserer geliebten Provence. Hier ist es relativ flach (einzig Uzès liegt auf einem 167 Meter hohen Hügel. Nîmes liegt nur 30 Meter über dem Meeresspiegel und Arles ganze 10), die Weinfelder wechseln sich mit Wiesen und Bäumen ab und das war’s auch schon. Das Schönste sind die endlosen Platanenalleen, die sich als grüner Dom über unserm Auto wölben.

Nun also Montaren-et-Saint-Médiers  (merke: je kleiner das Dorf – 1854 Bewohner – desto länger der Name), das wir ohne unsern Tom-Tom vielleicht nie gefunden hätten, zumal wir kurz vor dem Eingang des Dorfes endlos durch die Pampa umgeleitet werden, bis wir endlich zum Parkplatz kommen. Es ist kurz vor sechs, wieder schwül-heiβ und schon auf dem Weg vom Parkplatz zum Zentrum kommen uns ganze Gruppen von jungen, bis an die Hüften nackten Männern entgegen. Aua, sowas mögen wir gar nicht.

Aber nun kommt‘s: wir hatten uns kurz vor Abfahrt das Weblog des Festivals  angesehen und fanden es ganz nett ansprechend gemacht mit „Besichtigung von Privatgärten“, diversen Ständen – an denen wir natürlich die (hier angebauten?) Kichererbsen zu finden gedachten und diversen musikalischen Genüssen. Resultat: die „Privatgärten“  waren so dürftig, dass der bescheidenste deutsche Schrebergarten dagegen ein buntes Paradies ist!  Die dazu gehörenden Bewohner sind eine Anhäufung von Jungdreiβigern, zu denen man früher „Hippies“ gesagt hätte und die sich heutzutage vornehm „Alternative“ nennen. ALLE mit Babys und Klein- kindern im Schlepptau und leider alle irgendwie schmuddelig oder „débraillés“, wie man auf Französisch sagt. Nicht direkt  unhöflich, aber SEHR egozentrisch:  die Kinderwagen bleiben eben da stehen, wo sie stehen, auch wenn sie das übrige Publikum stören sollten. Alle nuckeln sie an Bier- oder Colaflaschen und haben schon in ihrem Alter mehr Bauch als wir in unserem.

Wir sehen uns also höflich die „Gärten“ an, bleiben konsterniert fünf Minuten vor zwei Gendarmen stehen, die in YMCA-Art versuchen, das Publikum zu erziehen, sich beim Aperitif in den diversen Bars zu benehmen,  also im Rapperstil zu einer Art Musik herumhüpfen.Sie geben so tolle Reime von sich („singend“ !) wie: „Quand on a été aux toilettes, il faut se laver les mains avant de les mettre dans les cacahuètes (Erdnüsse) …“ Das wird grölend vom zu erziehenden Publikum quittiert und wir wenden uns mit Grausen dem hübschen Schloss zu auf dessen Vorplatz ein paar Stände mit den obligaten Sandwiches/Döners/Pizzen usw. gibt.

Wir versuchen rauszukriegen, wo es denn nun eigentlich die Kichererbsen gibt und  werden abgespeist mit dem unglaublichen Satz „Versuchen Sie’s mal im Dorfladen nebenan“! Gottergeben kaufen wir einen Becher (leider schlechten) Weins und setzen uns auf ein Steinmäuerchen, um ihn zu trinken und um zu lästern. Muss auch mal sein…

Nachdem auch das angekündigte musikalische Programm  nicht unserm Geschmack entspricht, verlassen wir das Dorf, weil unsere schöne Terrasse lockt. Immerhin – man ist ja dickköpfig – finden wir doch noch einen Stand, an dem wir einen Salat von Kichererbsen und Schafskäse erstehen  und freuen uns, ihn zum Abendbrot zu verspeisen. Ja, aber wenn’s nicht soll sein: die Dinger sind hart und schlicht nicht genügend gekocht. Nein, was haben wir gekichert!!

Am Sonntagmorgen sind wir zurück in Uzès, zum Flohmarkt. Diesmal führe ich Mi auf Seitengassen durch die wirklich hübsche kleine Stadt, wo sie schöne rote Gläser findet und wir den besten „Palmier“ unseres Lebens essen. („Schweineohr“ ist weniger hübsch als „Palme“, nicht?). Und nicht nur den: es gibt dort einen reizenden kleinen Laden, der den Trüffeln gewidmet ist („La Maison de la Truffe“) – und da kaufen wir einfach sentationelle Trüffel-Chips! Nachmittags regnet es und wir tun mal nix. Navi Tom-Tom ist sauer über den Regen und gibt aus Protest seinen Geist auf.

Die nächsten drei Tage sind alle „gewitterträchtig“ und wir vertreiben uns die Zeit, um uns mit einem guten Rosé einzudecken und indem wir Nîmes besuchen. Dort gefällt es uns nun leider gar nicht. Die Altstadt ist klein und „nett“ aber nicht elegant und jeder zweite Laden verkauft entsetzliche Torero-Kostüme. Überhaupt ist die ganze Stadt quasi nur auf den Stierkampf ausgerichtet, wovon nicht nur die antiken Arenen (die gerade mal wieder restauriert werden) sondern auch diverse Statuen, Denkmäler und sogar ein Museum Zeugnis ablegen. Nur das sehr moderne „Carrée d’Art“ gefällt uns gut.

Bevor wir aber die als wunderbar gepriesenen Gärten der Stadt erreichen, geht es schon wieder mit dem Regen los und wir quälen uns durch die an Einbahnstraβen überreiche Stadt nach Hause. Denn die seltenen Sonnenstunden müssen blitzschnell ausgenützt werden:

Am vorletzten Tag haben wir dann endlich strahlende Sonne und blitzblauen Himmel. Wir gehen erst im Dorf auf unseren Markt, kaufen Leinenhosen, Spargel, wunderbare Tomaten, Zucchini und Frühlingszwiebeln zu einem Spottpreis ein und fahren sofort weiter zum Höhepunkt der Gegend, dem berühmten Pont-du-Gard. In den Neunzigern waren wir schon einmal hier, allerdings im Februar, wo ein eisiger Wind, der Mistral, durch das Tal des Gardon fegte.

Damals musste man noch keinen Eintritt zahlen. Nun ist die Brücke „UNESCO-Welterbe“ geworden – das sollte eigentlich heiβen, dass sie uns allen gehört – na eben, und deshalb müssen wir alle jetzt acht Euro fünfzig berappen, um die Ehre zu haben, sie betreten zu dürfen. Ich meckere erst mal. Es ist mir nämlich noch nie passiert, dass man auf einem noch so groβ gearteten Parkplatz (zum Beispiel in Amerika) NICHT den Eingang zu dem Ort, den ich besuchen will, finde. Hier ja! Wir gehen leider auch erst einmal in die falsche Richtung – und das bei fast 30 Grad im Schatten. Etwas säuerlich frage ich am endlich gefundenen Eingang nach dem Grund. Hört, hört: „Ganz einfach, die UNESCO erlaubt nicht das noch so kleinste Schildchen und schon gar nicht groβe, wir müssen schon für Kleinigkeiten jahrelang um Antwort betteln und auβerdem ist die ganze Anlage ja privat“. Hä? Das kann ja wohl kaum sein, wenn es Welterbe ist. Der PARKplatz ist doch nicht der eigentlichen Anlage zuzurechnen, irgendwas stimmt doch da ganz und gar nicht.

Nachdem wir zur Kenntnis genommen haben, dass es mal wieder für Kinder ermäβigten Eintritt gibt (dabei schmeiβen DIE doch Bonbon-, Schoko- und Kaugummipapiere auf den Boden!)  aber nicht für uns Senioretten, gehen wir also los. Schöne Anlage, sie muss Millionen gekostet haben! Und dann stehen wir wieder staunend davor:

Wie haben tausend Männer das in nur drei Jahren schaffen können? Wikipedia gibt Auskunft:

Etwa 1000 Mann arbeiteten drei Jahre lang an dem Bauwerk. Ihnen standen Meissel, Schlägel, Winkel,Wasserwaage, Schaufel und Baukräne (!) mit Flaschenzügen (!!) als Werkzeuge und Hilfsmittel zur Verfügung. Die Baukräne wurden von Männern angetrieben, die in einer Tretmühle liefen.

Nett, zumal es da sicher die 5-Tage-Woche noch nicht gab.Wir gehen erst mal auf die Brücke. Der Blick geht von hier bis zu den Türmen des Schlosses von Uzès. Links hinauf geht es erst auf Treppen und dann auf einem ziemlich steilen Pfad bis zu einem Aussichtspunkt, von wo aus man einen anderen Blick auf die Brücke hat.

Von da aus wandern wir durch das ganze Gelände auf einem interessanten Lehrpfad, wo man Einiges über die Nutzpflanzen und Bäume der Gegend erfährt. Und da tue ich im Geiste Abbitte für mein Gemecker vom Mittag. Wenn man nämlich die Horden von Touristen beobachtet, von denen viele offenbar das Wort Papierkorb für Chinesisch halten und die wirklich NUR den Weg vom Eingang zur Brücke und zurück machen, ohne die gesamte Anlage auch nur eines Blickes zu würdigen, kann man wirklich Mitleid haben mit dem gesamten Personal, das hier arbeitet. (Was aber nicht hindert, dass ich es psychologisch für schlauer hielte, 4,50 Euro fürs Auto und 4 Euro für den Eintritt zu verlangen).  

Nach diesem Besuch geht es schleunigst wieder auf die Liegestühle, denn die Sonne muss man ausnutzen – wer weiβ, wie es morgen wird.

Am letzten Morgen gehen wir durch das Dorf, um wenigstens sagen zu können, dass wir nicht NUR auf dem Markt waren – dabei ist der das Nützlichste hier, denn der Glockenturm, von dem man einen „360 Grad-Blick auf die Umgebung“  haben soll, kostet immerhin stolze 5 Euro. Und da wir die Umgebung ja nun wirklich ausgiebig betrachtet haben, können wir uns vor Lachen kaum halten und giggeln darüber und übers Kichererbsen-Festival während wir fröhlich, erholt und guter Dinge nach Hause fahren!

WAS BLEIBT: Der schöne Garten. Und die Trüffel-Chips sind ein Hit bei uns geworden!

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