Dezember 2021 – NEUJAHR IN CANNES

Wir gehen früh los, es ist noch stockdunkel – aber erstaunlicherweise singen die Vögel in unserem Garten sogar am 2. Weihnachtsfeiertag ! Bevor wir die Möwen erreichen, sind es nur fünf Stunden mit dem Superzug TGV. Und wie immer ist es ein glücklicher Schock, plötzlich das Mittelmeer kurz nach Marseille auftauchen zu sehen.

Von allen Städten an der Côte d’Azur, in denen wir uns aufgehalten haben, ist Cannes für mich die eleganteste. Alles hier ist königlich: jede Palme auf der Croisette, die bis zu 30 Meter hoch wird, jedes Hotel ist ein Palast und der Preis für jedes Zimmer ist ebenfalls, gelinde gesagt – gigantisch ! Kein Vergleich mit unserer hübschen kleinen Wohnung im Stadtteil „Kalifornien“, in dem sich prächtige Villen in üppiges Grün schmiegen. Wir residieren zum zweiten Mal in einem modernen Gebäude, das auch seinen ganz eigenen Stil hat und uns mit Blumen und einem Wachhund empfängt.

Wir finden uns schnell wieder zurecht. Es ist so schön, ein helles und farbenfrohes Interieur mit Blick auf einen kleinen Garten zu haben – auch das Meer ist nur 600 Meter entfernt.





Unser bevorzugter Weg zum Rosengarten, der sich direkt am Strand der Spitze von La Croisette befindet, führt durch eine Straße, die von einer wunderschönen Mimose geradezu erleuchtet wird. Sie ist insofern außergewöhnlich, als sie runde Blätter hat, schon im Dezember blüht und so stark duftet, dass wir sie schon aus fünf Metern Entfernung riechen können.

Diese „roseraie“ ist einfach prächtig und je nach Herbstwetter (denn Winter wird es hier eigentlich nie wirklich) blühen noch mehr oder weniger Rosen. Wir schnurren geradezu in der Sonne, es ist herrlich hier, was für ein Glück!

Dann nehmen wir die 2 km in Angriff, die uns von Le Suquet, der Wiege der Stadt, trennen. Wir staunen jedes Mal aufs Neue über die Menschen, die jetzt in einem Meer baden, dessen Temperatur ich nicht einmal wissen will. Diese Strandpromenade ist einfach umwerfend – vor allem, wenn elegante Italienerinnen mittags bei 18° im Schatten lässig im Nerz flanieren!

Die Helligkeit des Himmels versetzt uns jedes Mal in Entzücken – kein Vergleich zur Pariser Gegend im Winter.

Oft müssen wir eine Weile warten, bis wir uns auf zwei dieser berühmten blauen Stühle setzen können, die die Strandpromenade säumen, weil viele Leute sie trotz des Verbots zum darunter liegenden Strand mitnehmen. Karten spielen mach dort natürlich viel mehr Spaβ…

Ganz zu schweigen von den Exzentrikern am Neujahrstag. Das letzte Mal, 2019, sahen wir am 1. Januar um 11 Uhr morgens ein Paar in Smoking und langem Kleid, das es sich auf einem riesigen aufblasbaren Sofa (!) am Strand bequem gemacht hatte und, natürlich für alle gut sichtbar, Champagner trank und lässig die Flaneure auf dem Kai grüßte, die sie mit ihren Handys knipsten…

In diesem Jahr wurde das Feuerwerk wegen des Covid  leider im letzten Moment abgesagt, und alle waren traurig darüber, denn das ist hier wirklich etwas Außergewöhnliches. Schlag Mitternacht erstrahlt die Bucht.

Also trösten wir uns so gut es geht, denn das Bistro, auf dessen Terrasse wir mittags immer unseren „Spritz“ tranken, wird gerade renoviert. Das, welches wir als Ersatz wählen, ist leider nicht das richtige: hohe Preise und noch nicht mal Oliven oder Chips als Beilage. Der Kellner behauptet:

Wegen des Covids verboten!

Ja von wegen, der sollte sich mal bei der Konkurrenz umschauen! Ich rege mich richtig auf darüber (das sind nämlich genau die, die stöhnen, dass so wenig Touristen kommen !) und um mich abzulenken, schlägt mir meine beste Freundin einen Schaufensterbummel vor. Wir haben viel Spaß dabei, über die Auslagen zu lästern, denn im Allgemeinen finden wir die Modelle ziemlich hässlich, und bei den extravaganten Preisen ist das auch gut so.

Wir kommen am Festspielpalast vorbei, wo das prunkvolle alte Karussell Kinder und Eltern lockt und nicht weit davon der ungewöhnliche „Europäische Bonbon“ von Laurence Jenkell zu bestaunen ist.

Beim Schlendern schauen wir uns die Speisekarten aller Restaurants am Strand von La Croisette an und finden, dass hier wirklich übertrieben wird: Die billigste PASTA kostet 28 € und die „Pizza mit Kaviar oder Trüffeln“ (ich fasse es nicht!) das Doppelte. Uns verschlägt es glatt den Appetit.

Schon sind wir am hübschen Segelboothafen, bevor wir den Aufstieg nach Le Suquet beginnen.

Wie alle Dörfer und Städte in der Provence des Mittelalters wurde auch Cannes auf dieser Anhöhe 66 m hoch über dem Meer erbaut, um das Leben der Einwohner vor den Piraten und Sarazenen zu schützen, die immerhin drei Jahrhunderte lang die Gegend unsicher machten !

Als wir hinaufsteigen, eröffnet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt und in der Kirche Notre-Dame de l’Espérance erwartet uns eine große Überraschung, nämlich eine hundert Jahre alte Krippe.

Mehr als die Hälfte der 70 typischen Krippenfiguren, hier „santons“ genannt, sind Originale! Gilles Mangiantini hat 2010 damit begonnen, das Ganze zu restaurieren. Die Szene ist von unbestreitbarem Charme, denn nicht nur Stall mit der Heiligen Familie, den Hirten, den Heiligen Drei Königen inmitten von Ziegen, Kühen, Schafen, Elefanten und Dromedaren sind zu sehen, sondern auch das dazugehörende Dorf.

Am Himmel oben schweben sogar Engel. Aber nur, wenn man 1 € bezahlt ! Natürlich tue ich das und wie von Zauberhand wird die Szene hell und lebendig.

Die Engel fliegen tatsächlich mithilfe eines einfachen, waagerecht aufgehängten Fahrrad-Rades, das mit Blechflügeln besetzt ist, auf die ein uralter Föhn bläst. Der Schmied hämmert, was das Eisen hält, das Wasser des Brunnens gluckert – und von Weihnachtsliedern begleitet, ist der Effekt überwältigend !

Deutlich kitschiger ist diese „verschneite“ Inszenierung vor dem Rathaus von Le Canet, wo wir wenig später mit dem Bus hinauffahren, denn zwischen dem blauen Himmel und den Orangen sieht es nicht gerade nach den Alpen aus.

Als wir über kleine Fußwege wieder in die Stadt hinuntergehen, stellen wir einmal mehr fest, wie zubetoniert diese Stadt ist. In den Gartenanlagen der am Berg gebauten Villen gibt es kaum noch Erde zu sehen : Jeder will hier seinen eigenen Pool haben ! Wir hatten dies bereits in dem Viertel „La Bocca“ beobachtet, in dem wir 2015 gewohnt hatten, wenige Tage vor dem schrecklichen Unwetter am 3. Oktober, bei dem 20 Menschen in den Fluten ertranken. Einige Stunden zuvor waren wir aus unserer Unterkunft „Pierre et Vacances“ ausgezogen, die über einen wunderschönen Infinity-Pool verfügt. Dort hatten wir das Gefühl, zwischen Himmel und Meer zu schwimmen.

Mittags hatten wir in der hellen Bahnhofshalle noch einen Kaffee getrunken, bevor wir in unseren TGV zur Rückfahrt stiegen. Am nächsten Tag war dieselbe Halle zur Hälfte zerstört, das Gewitter war unfassbar heftig gewesen.

Heute gehen wir von Le Suquet hinunter zur großen Markthalle Forville, um uns mit Obst und Gemüse einzudecken. Dort gibt es viele kleine Landwirte aus der Umgebung , die uns ihre Ware zu einem Preis anbieten, von dem man in Paris nur träumen kann!

Außerdem haben sie Humor – denn die Aufschrift über dem Tor ändert sich je nach Lust und Laune, aber immer mit Wortspielereien. In der Bäckerei nebenan finden wir nicht nur ein leckeres Vollkornbrot, sondern auch ein riesiges „Pan bagnat“. Das ist ein riesiges Br¨ötchen, welches für zwei reicht, gefüllt mit Salatblättern, Thunfisch, Oliven, Eierscheiben und fruchtigem Olivenöl, mmm! Am nächsten Tag gibt es die legendäre „Pissaladière“ , das sind Zwiebelringe, die lange mit den „herbes de Provence“ gebraten und auf einem hauchdünnen Teig gereicht werden. Und beim Feinkosthändler „ERNEST“ in der Rue Meynadier finden wir die beste weiße Blutwurst, die ich je gegessen habe, ein Genuss!

Am Samstag – vor der Pandemie! – ist den ganzen Vormittag über viel los, nicht nur in der Halle, sondern auch in den Cafés auf der anderen Straßenseite, aus denen Live-Musik kommt. Es gibt keinen einzigen freien Platz mehr, jeder hat einen Drink in der Hand. Wir begnügen uns nolens volens damit, einen Blick auf den Mini-Flohmarkt mit einigen hübschen Gemälden zu werfen.

Bevor wir wieder zu unserem Feriendomizil zurückkehren, machen wir als brave Touristen eine Fahrt mit dem „Petit Train“. Morgen wird es der Panoramabus sein, mit einer einer Rundfahrt bis zu den Stadtgrenzen. Unser vom Fremdenverkehrsamt ausgestellten Pass berechtigt uns – zum Preis von 15 € für 8 Tage – alle Verkehrsmittel zu nutzen, die die Stadt uns zur Verfügung stellt. Insbesondere die kleinen Elektro-Busse, die überall in Cannes verkehren sind höchst praktisch.

Natürlich gibt es auch hier Tage, an denen die Sonne nicht scheint. Dann sitzen wir zu Hause, schmökern in Büchern und schwelgen in Erinnerungen früherer Aufenthalte. Zum Beispiel an den Tag, an dem wir einen Ausflug zum Karneval von Nizza gemacht hatten.


Im Februar 2012 waren wir auf die Ehrentribüne eingeladen, um uns die „Blumenschlacht“ anzusehen. Ich hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, was Kostüme und Wagen betraf.


Das Sahnehäubchen des Tages war, dass wir mit einem riesigen Strauß von Mimosen nach Hause kamen – ein Traum!

Heute ist die Sonne verschleiert, und wir beschließen, zum entferntesten Punkt auf der Ostseite der Stadt zu laufen, nämlich zum an der Spitze der Croisette gelegenen Yacht-Hafen. Dort finden wir eine prima Sportanlage und vergnügen uns eine Weile mit den Geräten. Auch der Rückweg ist ein angenehmer Spaziergang unter riesigen Bäumen aller Art. Am Ende des Tages kündigt uns ein herrlicher Abendhimmel für morgen Sonnenschein an. Leider wird er nur unsere Rückfahrt verschönern.

Aber vorher gibt es noch einen besonderen Leckerbissen. Wir haben das große Vergnügen, den Film „La bonne année/ Ein glückliches Jahr“ von Claude Lelouch mit den wunderbaren Schauspielern Lino Ventura und Françoise Fabian im Fernsehen wiederzusehen. Und da die Handlung hier auf der Croisette in Cannes spielt, ist das natürlich TOP!

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