28.2.2022 – Fast Frühling in Paris

Freitag, 25. Februar 2022. Der wolkenlose, strahlend blaue Himmel über Paris passt herzlich wenig zu der gedrückten Stimmung, die uns alle seit gestern erfasst hat. Die Ukrainer, die unter diesem Möchtegernzar zu leiden haben, tun uns unendlich leid. Aber da ich, auβer einer Geldspende, konkret nichts dazu tun kann, das zu ändern, habe ich beschlossen, nun gerade der Schönheit und der Freude darüber den Vorrang zu geben !

Per Bus durch die Stadt zu gondeln, macht besonders Spaβ wenn diese ziemlich leer ist. Es herrschen Skiferien und die Pariser, die es sich leisten können, sind entweder in den Bergen oder im Süden – offenbar eine Menge, denn in nur 25 Minuten bin ich schon am Trocadéro, ein Rekord für einen Freitagnachmittag.

Im Museum der modernen Kunst, MAM genannt, wird bis Mai zurzeit Yves Saint Laurent geehrt, der vor 60 Jahren in Paris seine erste groβe Modenschau präsentierte. Neunzehn seiner Modelle werden gezeigt. Die möchte ich mir ansehen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich – seitdem ich in den 80ern in einem Konzert von Konstantin Wecker dort mit ihm das Lied „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ gesungen habe – nie wieder drin war. Bis ich vor einem Jahr das Monumentalbild „Die Fee Elektrizität“ von Raoul Dufy entdeckte und sofort begeistert war (siehe Kapitel „Paris erwacht“). Ein Journalist schrieb über dieses Werk Worte, die mich heute ganz besonders anrühren:

Dufy ist ein Wohltäter. Zu einer Zeit, wenn man in Angst vor dem nächsten Tag lebt, wenn die Zeitungen voll von schrecklichen Morden sind, hier der Sänger der Freude, der Maler des Lichts, Anmut, Frische, Freude. Der Anblick eines Gemäldes von Dufy, einer seiner Aquarelle, wo sich die lebhaftesten Töne vermählen, die meist klingenden, die seltensten, die chromatische Harmonik und Dreistigkeit raffiniert wie in Matisse findend, uns ermannt, uns tröstet, von unseren Köpfen die Traurigkeit der Wirklichkeit wegdrängt.

Hier fängt der Rundgang mit drei festlichen Roben an. Ich schwelge in den Farben. Danach geht es Etage um Etage tiefer, wo jeweils die Affinität des Modeschöpfers zu den Malern der Moderne gezeigt wird. Er sagte von sich selbst im Jahr 2000 in einem Interview:

Ich bin ein gescheiterter Künstler. Ich hatte für mich nur die verrückte Liebe zur Malerei und zum Theater. Aber das ist alles nur Intuition. Ich kenne ihre Regeln nicht. Ich habe mich damit begnügt, die Werke von Braque, Matisse, Picasso, Andy Warhol und Wesselmann zu plündern.

Das tat er dann allerdings meisterhaft.

Ich habe von den neunzehn Modellen gleich drei passende für mich gefunden und gehe beschwingt auf die von der Sonne überfluteten Terrasse, um eine heiβe Schokolade zu trinken und den Blick auf die Seine und den Eiffelturm zu genieβen. Dabei überlege ich, ob ich mir auch noch die anderen Ausstellungen, die ihm im Picasso-Museum, im Beaubourg, Orsay und Louvre gewidmet sind, ansehen werde. Sein eigenes Museum in der Avenue Marceau ist auf alle Fälle einen Besuch wert.

Tags darauf schlage ich der besten aller Freundinnen vor, ‚meinen‘ Bus 95 zu nehmen, der uns in rasantem Tempo (es ist Mittag und unser Fahrer hat offensichtlich Hunger !) bis fast an die Seine bringt. Hier waren wir seit Ende November nicht mehr. Wir wollen die gut vier Kilometer bis zum Bahnhof Gare de Lyon spazieren, denn von dort aus kann sie den direkten Vorortzug nach Saint Maur nehmen.

Auf dem Weg gehen wir an einem der schönsten Métro-Eingänge, gegenüber der Comédie Française, auf dem Platz Colette vorbei. Er heiβt „Der Kiosk der Nachteulen“ und wurde von dem Künstler Jean-Michel OTHONIEL am 20. Oktober 2000 dort eingeweiht. Er hat uns Parisern dankenswerterweise Farbe und Fantasie ins Stadtbild gebracht.

Den Bären gefällt er ganz offensichtlich auch ….!

Wir gehen unten direkt ans Wasser – im September bin ich hier geradelt, heute sehe ich das Panorama aus der Fuβgängerperspektive, es ist immer wieder einfach schön.

Man kann unserer Bürgermeisterin Anne Hidalgo ( “ la drame de Paris“ wird sie hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge genannt) viel vorwerfen, aber es ist unter ihrem Wirken wirklich gelungen, diese Uferpromenade zu einem angenehmen Erlebnis für Groβ und Klein zu gestalten. Daher grüβen wir zu ihren Fenstern im Rathaus hinauf.

Ein kurzer Abstecher hinauf zum berühmten Kaufhaus „Samaritaine“, wo die erst vor einem Jahr gepflanzten Magnolien zum ersten Mal blühen.

Danach geht es weiter unten auf dem Kai entlang, wo wir die Troddelkätzchen der Pappeln und Platanen bewundern. Und natürlich DIE Weide, an der Spitze der Île de la Cité die jedes Jahr aufs neue die erste ist, die in Paris grün wird. Einige vorwitzige Kastaniendamen haben sich übrigens auch schon mit grünen Spitzentaschentüchern versehen – wenn das man gut geht, denn nächste Woche soll das Wetter drastisch umschlagen.

Wir gehen weiter und schauen zu Notre Dame hinüber, die immer noch auf ihr neues Dach wartet.

Und danach beenden wir unsern Gang an einem besonders lauschigen Plätzchen an der Seine, wo man den Frühling nun wirklich spürt. SCHÖN !

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