2007 – Badeferien in Palau / Sardinien

Es regnet mal wieder, als wir an dem sehr kühlen 28 Juli 2007 in Richtung Süden starten. Zwei Stunden später halten wir zum Tanken an einer Raststätte der „Autoroute du Sud“. Viele gebräunte Menschen kommen uns entgegen, denn sie müssen am 1. August wieder arbeiten. « Und was hattet ihr für Wetter »? höre ich in mindestens drei Sprachen nämlich holländisch, deutsch und englisch. Das ist ja auch kein Wunder bei diesem verregneten und kalten Sommer.Entsetzt über die total verdreckten Toiletten der Tankstelle, sagt Mireille extra laut: » Bienvenue en France – Willkommen in Frankreich! » Worauf ein kleines Mädchen seine Großmutter etwas verstört fragt, was denn gemeint sei. Diese antwortet mit schmalem Mund: » Es gibt Leute, die Frankreich nicht mögen. » Stimmt, dieses Frankreich, wo jeder nur an sich denkt und nie Rücksicht auf die Nachfolgenden nimmt, mögen wir beide ganz und gar nicht! Vor allem, weil wir jedes Mal an den deutschen Autobahnen die picobello Toiletten bewundern und finden, dass die ‘Globalisierung’ eigentlich auch im Guten abfärben sollt

Ab Dijon wird es endlich heller. Wir kommen gut voran und fahren parallel zur Autobahn über Dôle in Richtung Genf und Lyon. Für die letzten dreißig Kilometer biegen wir auf eine kleine wunderschöne Landstraße ab, nach Meximieux.

Auf der ganzen Fahrt haben uns nickende, große gelbe Blumen die Sonne versprochen und nun ist sie endlich da! Ein schönes großes Zimmer mit Bad und Balkon erwartet uns in unserem Drei-Sterne-Hotel. Nur zwanzig Minuten später sind wir schon auf bequemen Liegestühlen in der Sonne am Schwimmbecken ausgestreckt und genießen den Blick auf das blaue Wasser, auf den dito Himmel mit weißen Wattewölkchen und auf den Garten, der mit Zypressen, Olivenbäumen, Bougainvilleas und Platanen den Süden bestens repräsentiert. Doch auch hier ist es nicht ganz so, wie es sein sollte, denn das Wasser des Pools ist ziemlich kalt – aber der erste „Schwom“ des Jahres muss nun heute sein, also hinein!

Später am Nachmittag fahren wir zur mittelalterlichen Stadt Pérouges, die mir vor Jahren von Freundin Janine gezeigt wurde, und die Mimi noch nicht kennt. Ich spiele Fremdenführerin. Dieser Ort ist wirklich sehr hübsch aber auffallend leer und leblos. Es muss gar nicht so lustig sein, da zu wohnen, wo kein Stein ange- rührt werden darf, weil alles unter Denkmalschutz steht.

Wir genießen unseren Aperitif auf dem Dorfplatz und vor allem das sich anschließende Abendessen auf einer sonnigen Terrasse – so etwas hatten wir schon seit Wochen nicht mehr.

Am nächsten Morgen fahren wir bei strahlender Sonne in Richtung Lyon weiter, allerdings nur eine ganz kurze Zeit auf der Autobahn, da uns die Radiomeldungen über Staus, Unfälle und die doch recht happige Mautgebühr gar nicht gefallen. Es ist Sonntag, also dürfen die Laster in Frankreich nicht auf den Landstraßen fahren. So nehmen wir die berühmte « Nationale 7 » und  gondeln an der Rhône entlang. Bis auf die hässlichen und überall gleich aussehenden ‘Industrie- zonen’ ist es eine wundervolle Fahrt durch pittoreske kleine Dörfer. Diese liegen am Sonntag wie ausgestor- ben da, denn alle Frauen stehen in der Küche und alle Männer holen entweder den sonntäglichen Nachtisch und die Baguette beim Bäcker oder sie gießen sich noch schnell im Bistro mit den « copains » einen hinter die Binde.

Das Wetter wird immer schöner, ab Valence gibt es keine einzige Wolke mehr. Endlich! Es ist ja wirklich kein Wunder, dass so viele Menschen hier im Süden leben wollen. Natürlich hat auch dieser seine Nachteile, wie wir sehr schnell feststellen werden. Aber erst einmal können wir uns gar nicht satt sehen an den goldgelben Kornfeldern, die sich mit grünen Weinbergen abwechseln und an den wundervollen Platanenalleen, durch die wir nur so sausen. Die Ardèche grüßt von rechts herüber, wir spielen lauthals Musik bei weit offenen Auto- fenstern und genießen von Herzen diesen Sommersonntag.

So allmählich bekommen wir Hunger und suchen nach einem geeigneten Picknickplatz an der Rhône. Wir finden ihn auch, direkt am Fluss, müssen ihn aber schon nach fünf Minuten fluchtartig aufgeben, so ungestüm schüttelt uns der eiskalte Mistral durch. Dieser Nordwind hat natürlich durch das schnurgerade Rhônetal einen fantastischen Korridor, wo er sich so richtig austoben kann. Aber bitte ohne uns. Wir wechseln also ganz einfach über eine uralte Steinbrücke auf die andere Seite des  Stroms, wo ich einen Pappel- und Platanenhain ausgemacht habe, der uns vor dem Wind schützt. Nach dem Picknick bietet sich eine Siesta an. Ich finde wieder einmal, dass es doch nichts Schöneres gibt im Sommer als, gewiegt vom Gesang der « cigales », sich von unten die goldgrünen Blätter gegen den blauen Himmel anzuschauen.

Unser rotes Twingo-Auto sieht heute auch besonders hübsch aus – vielleicht ist es sich seines Seltenheitswerts bewusst, denn seit ein paar Wochen wird es nicht mehr hergestellt. Mimi hat beschlossen, es so lange zu fahren, bis es nicht mehr geht.

Zwei Stunden später genießen wir in Cavaillon das erste Eis dieses Sommers. In der Melonenstadt muss es natürlich ein Meloneneis sein. Später, am Etang de Berre, gleich neben dem Flugplatz Marignane, sag Mimi plötzlich: » Du, schau mal das gelbe Flugzeug! »  Gleich darauf  zähle ich sogar fünf « canadairs », die vor uns urplötzlich wie fette, ungraziöse Vögel auftauchen und sofort zum Teich abdrehen. Mi bedauert es sehr, auf der Autobahn nicht so einfach anhalten zu können. Ich aber komme in den höchst seltenen Genuss, das Wasserladen dieser « himmlischen Feuerwehr »  mit ansehen zu dürfen. Wenn man bedenkt, wie oft diese mutigen Männer ihr Leben gegen skrupellose Waldbrandstifter einsetzen, muss man sie einfach bewundern.

Nun also Marseille. Das letzte Mal war ich Anfang Februar hier, um für Gymnasiasten « Die weiße Rose » zu spielen und da war es klirrend kalt. Jetzt ist es angenehm warm und sogar das Warten auf dem Parkplatz vor unserem Fährschiff  « Danielle Casanova » berührt uns nicht besonders. Die Dame hat übrigens nichts mit DEM Casanova zu tun, sondern sie war eine korsische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg. (Ich komme von der Résistance in Deutschland und in Frankreich nicht los – es war einfach eine zu schreckliche Epoche.)

Wir sind eines der ersten Autos, das von den Männern durchgewinkt wird und zentimetergenau (!) in einem der fünf Parkgeschosse abgestellt wird. Wir nehmen unseren schon vorsorglich für die Nacht gepackten Rucksack mit und los geht’s, auf die Kabinensuche. Diese ist so schön und komfortabel, dass Mimi mir spontan um den Hals fällt –  es ist nämlich ihre erste Schifffahrt bei Nacht. Es gibt zwei gute und relativ breite Betten, Sessel, Fernsehen, Dusche und Toilette, alles pieksauber. Und es gibt ein Bullauge. Das ist das Schönste – und hat uns nur ganze fünf Euro mehr gekostet – denn seinetwegen fühlt man sich nicht so eingesperrt. Wir machen uns nur kurz frisch und gehen dann daran, das Schiff zu entdecken.

Wirklich gar nicht übel für eine Fähre, mit drei verschiedenen Restaurants (von Selbstbedienung bis piekfein), einem großen Salon mit Bühne, einer Bar und einem Außenpool. Dieser ist zwar klein, aber den Kindern verkürzt er die Wartezeit bis zum Abendessen.  Wir sehen uns den herrlichen Blick über Marseille an: Da Mimis Mutti aus dieser Stadt stammt, zeigt mir ihre Tochter stolz als erstes den Blick auf die Kathedrale « La Bonne Mère »,  das Wahrzeichen der Stadt.

Dann den Hafen, der jetzt nach Sonnenuntergang besonders schön und kunstvoll beleuchtet wird. Doch so langsam werden wir unruhig, denn wir sind schon eine Stunde über die Zeit und immer noch nimmt die Autoschlange all derer, die auch mitfahren wollen, nicht ab. Achthundert Autos gehen in den Schiffbauch und zweitausend Passagiere!

Neben uns liegt genauso ein großes Fährschiff wie unseres, die « Napoleon », die eigentlich nach uns in Richtung Korsika starten soll. Aber gemeinerweise drängelt sie sich vor und wir erfahren erst am nächsten Morgen von einer netten Bademeisterin die ganze traurige Geschichte. Wenn nämlich  ein Schiff von Marseille ablegt, muss ALLES auf den anderen Schiffen im Hafen zum Erliegen kommen, denn vor ein paar Jahren ist ein schrecklicher Unfall passiert: Eine der beiden Fähren hatte beim Ablegen die andere nur ganz leicht gerammt. Das Schlimme war aber, dass die Matrosen auf dem gerammten Schiff dabei waren, die Autos durchzuwinken. Ein Auto stürzte durch eine, durch das Rammen entstandene, Lücke in das Hafen- becken! Der Fahrer konnte sich retten, aber seine Frau starb. Seitdem gibt es diese neue Regelung, die uns glatte zwei Stunden Verspätung kostet. Aber in der Nacht hat der Kapitän Vollgas gegeben und etwas aufgeholt.

Wir haben Windstärke 5, was Mimi gar nichts schmecken will – und ihr Frühstück deshalb auch nicht. Mir geht es sehr gut, ich habe herrlich geschlafen bei dem Geschaukel und finde für uns beide ein lauschiges Plätzchen am Schwimmbecken, wo wir die zwei Stunden bis zur Ankunft in Sardinien mit Lesen überbrücken. Etwas stört mich dabei ganz erheblich, nämlich die nur auf Französisch gesprochenen Ansagen auf dem Schiff. Dabei wissen die Korsen doch ganz genau, dass mindestens die Hälfte der Passagiere Italiener bzw. Sarden sind. Aber stur, wie sie nun mal sind, kosten sie ihre sprachliche « Macht » voll aus.

Die Ankunft per Schiff ist genau wie das Ablegen für mich immer ein magischer Moment. Um 12 Uhr mittags erreichen wir Porto Torres, die groβe Hafenstadt im Norden Sardiniens und fahren sofort in Richtung Palau. Draußen ist es heiß und sehr windig. Dieser Wind wird uns auch bis auf zwei, drei Tage den ganzen Aufenthalt über hier treulich begleiten. Wir kommen an abgeernteten, von der Sonne verbrannten Feldern vorbei, doch entlang der Landstraße begleiten uns wundervolle, sehr hohe, blühende Oleanderhecken, abgestuft von weiß über hell- und dunkelrosa bis hin zu tiefrot.

In Palau finden wir leicht unser Appartement und verlieben uns auf Anhieb in den traumhaften Blick von der Terrasse über das Städtchen bis hin zum Hafen, zum Meer und zu den Inseln La Maddalena. So werden die « 7 Schwestern », nämlich San Stefano und die fünf anderen kleinen Inseln genannt.

Seit einem Jahr ist dieser  schon mein dritter Haustausch mit „Trocmaison“. Meine Tauschpartnerin ist für die Zeit,  in der wir ihre Wohnung benutzen, in meiner in Paris. Das ist eine sehr praktische und angenehme Sache wenn man die Anzeigen zu lesen versteht und sich gut vorher mit den Partnern abspricht. Jede(r) macht für seine Gäste einen praktischen „Führer durch die Wohnung“ (mit Fotos), der vorher verschickt wird. Wenn die Gäste ankommen, ist man entweder da, um sie zu begrüβen und die Schlüssel zu übergeben oder man hinterlegt sie beim Nachbarn und lässt – nebst einer Flasche Wein, Konfekt oder Obst zur Begrüβung – eine Liste mit praktischen Ratschlägen für ihren Aufenthalt. Bisher waren wir letztes Jahr schon in Umbrien und Ostern ebenfalls in Sardinien, aber weiter unten im Südosten.

Als erstes gehen wir gemütlich einkaufen und flüchten dann für eine Siesta in einen kleinen Kiefernwald unten am Meer, denn direkt am Strand ist es viel zu windig. Nachdem wir die Preise der umliegenden Restaurants studiert haben und feststellen, dass kein einziges davon auch nur einen halb so schönen Blick aufs Meer hat wie wir von unserer Terrasse aus haben, fahren wir beschwingt ‘nach Hause’. Wir richten uns ein, kochen uns was Schönes und genießen dann stundenlang den ersten Sonnenuntergang und das Angehen der Lichter über Palau und dem Meer.

Montagmorgen: das darf ja wohl nicht wahr sein! Der Himmel ist grau, total bewölkt. Mimi ist so sauer, dass sie nach dem Frühstück noch mal eine Runde schlafen geht und ich nehme meine Uhr ab. Von jetzt an sind Ferien, wir werden dreimal pro Tag im Freien essen und ansonsten nur das tun, was uns Spaß macht. Ich richte mich also auf der Terrasse gemütlich ein, schaue mir die Aussicht an und genieße die Stille. Obwohl wir sehr nahe am Zentrum wohnen, höre ich nur die Vespas und das Tuckern der kleinen Fischerboote. Pünktlich um 12 Uhr kommt endlich die Sonne heraus und gleich darauf auch Mi.

Nachmittags fahren wir an einen wunderbaren weißen, sauberen Strand mit herrlich klarem, türkisfarbenem Wasser. Leider gibt es hier keinen einzigen Baum und Mi braucht absolut Sonnenschutz oder Schatten. Also los, dafür haben wir ja unser Schweizer « Designerstrandzelt » gekauft. Wir haben es schon einmal zur Probe im Garten von Saint Maur aufgebaut und es schien uns gar nicht mal so schwierig. Tja, nur gab es dort keinen Wind, während er hier mehr als heftig weht!

Wir müssen also kämpfen:  mit der Zeltplane, die partout nicht am Boden bleiben will, mit diesen blöden Engerlingen, die nicht in die Löcher wollen, mit der Sonne, die dann doch wieder so scheint, dass Mi nicht genügend Schutz hat… Kurz und gut: Am Ende der zehn Tage werden wir es FAST ganz leicht hinkriegen aber erst einmal sind wir von der Anstrengung ermattet. Die Italiener um uns herum haben alle höchst interessiert zugeschaut, allerdings ohne ihre Hilfe anzubieten, und wenn man davon absieht, dass wir mit allen möglichen Tricks den Wind bekämpfen müssen (Steine aufs Dach, Dach mit den Zehen festhalten usw.) und nicht einmal zum Baden kommen, haben wir eine sehr schöne Zeit…

Während wir uns fragen, wovon die vielen schwarzen Verkäufer eigentlich leben, die uns alle fünf Minuten etwas Anderes andrehen wollen (von Badetüchern über Sonnenbrillen bis Modeschmuck und Uhren), picknicken wir. Auf der Fahrt hierher haben wir gestern an einem der zahlreichen Verkaufsstände, die am Straßenrand überall auf Kunden warten, eingekauft: Große Stücke von wunderbar würzigem Parmesan- und Schafskäse, die so preiswert sind, dass wir es kaum fassen können. Dazu gibt es leckere Pfirsiche sowie kleine Olivetti -Tomaten, die regelrecht im Mund zerplatzen und so gut schmecken, wie Tomaten eben eigentlich immer schmecken sollten. Wir hatten ja schon beim letzten Haustausch Ostern in Cala Gonone festgestellt, dass die Preise im Supermarkt und bei der Gemüsefrau auf Sardinien sehr viel ziviler sind als die in Paris. Deshalb verzichten wir ebenfalls leichten Herzens auf Restaurantbesuche.

Am nächsten Tag, dem 1. August, strahlt die Sonne! Leider ist ab heute in ganz Italien Urlaub angesagt. Daher kommt Nachbarin  ‚SIMONE‘ mit ihrer Familie an – und aus ist es mit unserer Ruhe! Typisch italienisch? Nein. Sondern leider typisch für eine ganz bestimmte Kategorie von Menschen, zu denen in Saint Maur auch unsere liebe Nachbarin von oben und der Portugiese von nebenan gehören. Diese Leute scheren sich nie darum, dass die halbe Straße nolens volens mithören muss, wenn sie sich lauthals auf ihrer Terrasse unterhalten und sie können offenbar nicht leise reden. Nur so existieren sie nämlich. Wir sind immer froh, wenn sie mal für ein paar Stunden verschwinden.

Jeden Tag probieren wir nun einen anderen Strand aus. Überall ist es schön, immer gibt es vorgelagerte Inselchen, eben das Maddalena Archipel, die den Blick aufs offene Meer verstellen. Überall ist es sauber, das Wasser ist wunderbar klar, in allen Schattierungen von fast gelb im flachen Wasser am Ufer bis hin zum tiefen Kobaltblau. Der Wind weht immer noch so heftig, dass wir ohne unser Sonnenzelt auskommen müssen und uns sogar einmal zum hoch exklusiven kleinen Strand neben dem Yachtclub von Porto San Rafael flüchten, dort wo die sehr teuer aussehenden Villen unter Bougainvilleas und anderen Blumenranken förmlich verschwinden.

Hier gibt es ein Pinienwäldchen, in dem Mi ihren Schatten und ich meinen sonnigen Platz finde. Außerdem werden wir Zeugen des italienischen Lebens und das ist recht lustig. Jan Weiler  hat das in seinem Buch « Maria, ihm schmeckt’s nicht » ganz wunderbar beschrieben und genau das sehen wir nun auch : » Um an den Strand zu gehen, benötigen zehn Italiener mindestens zwanzig Handtücher (je eins zum Abtrocknen und eins zum Liegen), acht Luftmatratzen in Tierform, zwei große Plastiktüten mit Schwimmbrillen, Flossen, Hemden und Hosen zum Umziehen, je zwei Badehosen und Bikinis (Tanten: Einteiler), Schaufeln und Eimer (auch für Erwachsene), Strandzelte, zahlreiche Telefoninos, Mineralwasser, Klappstühle (ganz wichtig !), Sonnenschirme, Bälle, ein Volleyballnetz und Mützen. Dafür für jeden Einzelnen ein Sonnenöl. Am Strand sind Italiener Weltklasse. Es gibt eigentlich nur zwei Strandtypen hier. Nummer eins ist die Echse (la lucertola). Sie liegt still in der Sonne. Man denkt, man beobachtet eine Leiche auf Urlaub doch ab und zu bewegt sie die Finger oder dreht den Kopf. Alle paar Stunden erhebt sich die Echse, um sich ans Wasser zu stellen und geradeaus zu gucken. Nach ein paar Minuten wird ihr das allerdings langweilig und so legt sie sich wieder in die Sonne, ein bisschen ausruhen.

Den anderen Typus nenne ich den Strand-Derwisch. Er kann einfach nicht da liegen oder sogar schlafen, er muss unbedingt etwas tun, sich bewegen, am besten mit anderen Derwischen gemeinsam: Beachvolley- ball spielen, planschen, rumlaufen, Löcher buddeln, Fußball. Mittags geht es zurück ins Haus (oder auf einen « kleinen Salat » für drei Stunden ins Restaurant). Die Sachen bleiben zurück. Es besteht keine Gefahr, dass sie geklaut werden, denn nach der Logik dieser Leute sind ja ALLE Italiener in der Mittagszeit zu Hause, also KANN niemand etwas stehlen. »

An diesem Tag sehen wir nicht nur Derwische und Echsen. Wir sehen noch dazu einen « Sumo », offenbar den Bruder eines wunderschönen schlanken Italieners. Dieser hat eine ebenso schöne Frau und beide sind stolze Eltern von winzigen weiblichen Zwillingen. Diese werden nach Kräften gehätschelt, gefüttert, herum- getragen bis sie ihr Bäuerchen gemacht haben und schließlich schön im Schatten in das berühmte Strandzelt gebettet. Die Eltern übergeben an Sumo und gehen schwimmen. Und dieser unglaublich fette und wirklich nicht besonders schöne Mann wird sich nun derart liebevoll um die beiden kleinen Wesen kümmern, und sie in allen mög-lichen Stellungen fotografieren, dass er uns fast schön vorkommt.

Am Ende des Tages kämpfen alle drei Erwachsenen mit dem offenbar ebenfalls nagelneuen Strandzelt und diesmal schauen WIR genüsslich zu, wie sie es nicht wieder in die Verpackung reinkriegen!

Zwischendurch kommen immer mal wieder andere Leute vorbei und müssen natürlich die kleinen Mädchen lautstark bewundern. Darunter ist ein altes Ehepaar, sie mit langem blondem Haar (was in dem Alter wirklich nicht mehr kleidsam ist, wie wir finden), Hut und Kleid, Bikinioberteil unterm Einteiler zum Sonnen nach dem Bad. Er zieht sich verschämt hinter Büschen um und kommt dann sehr distinguiert in Badeshorts wieder, die Hose sorgfältig gefaltet über dem Arm.

Währenddessen liegt sich nebenan ein junges Paar lautstark in den Haaren: sie  bezichtigt ihn des Seiten- sprungs und er bekommt fast eine Nervenkrise. Bis es ihm zu dumm wird und er sagt: « Basta! Es reicht, ich gehe.“ Daraufhin sie ganz ruhig mit (un)feinem Lächeln: « Aber ich habe die Flugtickets! » Wenig später, als wir schwimmen gehen, sehen wir sie sich gegenseitig am Strand abfotografieren. Überschrift: « Der Tag des großen Krachs ».

Alle diese Szenen haben uns Appetit auf ein Eis gemacht und in Palau erwartet uns das originellste Exemplar unseres  Lebens: ein Joghurt-Eis mit karamellisierten Feigen übergossen! Es ist göttlich und kostet nur 1,50 pro Cornetto (in Paris mindestens das Doppelte). Daher muss ich natürlich auch  noch Mascarpone mit Schokolade und Amaretto probieren, die ebenso zum Niederknien sind.

Als wir schleckenderweise am Hafen ankommen, werden wir von überall mit Angeboten für einen Tag auf dem Wasser überhäuft und wir beschließen, für morgen zu reservieren, denn es soll endlich mal windstill werden. Wir entschei- den uns für ein kleineres Boot, das nur sechzig Leute fasst, und vom Besitzer Paolo und zwei Helfern gefahren wird. Wir buchen acht Stunden mit « typisch sardischem Mittagessen an Bord » für nur fünfunddreißig Euro. Vorige Woche waren es noch dreißig und nächste Woche am « Ferragosto », also am feiertäglichen 15. August werden es wohl vierzig Euro sein…

Der nächste Morgen ist strahlend schön und tatsächlich windstill. Wir sind schon um kurz vor zehn bestens installiert: Mi unten im Schiffsbauch wegen des Schat-tens, ich oben an der Reling, einem netten jungen Paar gegenüber. Ausgeruht wie ich bin, versuche ich ein Gespräch mit ihnen in Gang zu bringen, aber die beiden sind weder untereinander noch überhaupt gesprächig. So konzentriere ich mich lieber auf die herrlichen Ausblicke auf verschiedene Felsformationen: da haben wir zum Einen den riesigen « orso », den Bären, der schon zu Homers Zeiten das Wahrzeichen dieser  Gegend war.  Aber auch die etwas Bescheideneren, der « Indianer », die « Bulldogge » oder das « Eichhörnchen » werden im Vorbeifahren bewundert genauso wie die « Hexe », la strega.

Unser Paolo  ist gut gelaunt und sehr gesprächig – leider nuschelt er furchtbar und ich verstehe nur selten etwas von seinen sicher sehr interessanten Erklärungen. In einer wunderbaren Badebucht halten wir an und stürzen uns direkt vom Schiff aus in die Fluten. Weiter geht es bis wir um die Mittagszeit, leider noch mit sieben (!) anderen Schiffen, die alle wesentlich größer sind als unsers, in einer schönen großen Bucht anlegen. Wir schaffen es, ein Plätzchen im Schatten zu ergattern und ich gehe wieder schwimmen, bis mir das Gewimmel zu viel wird. Bisher hatten wir an den Stränden immer zehn Meter Platz zwischen uns und den anderen, aber hier drängt es sich wirklich sehr.

Um ein Uhr bimmelt die Schiffsglocke und bittet zu Tisch. Jeder bekommt einen Plastikteller und darauf einen Schlag leckere sardische Nudeln mit Muscheln, Krebsen und Krabben. Auf den anderen Schiffen essen sämtliche Leute genau dasselbe, lustig ist das. Wesentlich weniger lustig wird der Nachmittag, da wir nur noch « die schönsten Buchten Sardiniens » anfahren wo eben leider ALLE anderen Yachten und Boote auch schon sind. So kommen nur wir nur zentimeterweise voran und haben nur allzu viel Zeit, das « dolce vita » der reichen italienischen  Jugend, anzuschauen: Tanzen und bechern und dabei möglichst viel jauchzen, damit man die anderen neidisch macht. Manchmal ist es doch sehr schön, aus DEM Alter raus zu sein!

Jedes Mal wenn wir von unserer Wohnung wegfahren und auch beim Heimkommen, habe ich die kindliche Freude, per Fernbedienung die Barriere bedienen zu dürfen, die unsere Privatstraße absperrt. Später sitzen wir wieder hoch zufrieden auf unserer Terrasse, genießen den Abendfrieden über der Bucht und unsere « scaloppini », die Kalbsschnitzel, welche, genau wie die Lammkoteletts oder die Hühnchen, hier wirklich besonders preiswert sind.

Am 9. August 2007 passiert etwas Ungeheuerliches: ES REGNET!

Das ist hier seit Menschengedenken im August noch nie vorgekommen und wird natürlich von allen Leuten kommentiert. Einigkeit herrscht darüber, dass dieses Jahr ganz besonders übel ist, mit viel zu viel Wind und noch dazu jetzt Regen. Dieser hört allerdings nach ein paar Stunden wieder auf und wir können wenigstens am Nachmittag zum eleganten Porto Rafaele fahren und dort ein paar Schritte gehen, um Kiefernzapfen für Mimis zukünftigen Ofen zu suchen. Später fahren wir nach Porto Manu, wo es einige der offenbar hier sehr beliebten « Ressorts » gibt –  das ist eine Art eingezäunte (!) Luxusvillensiedlung. Finden wir grässlich.

Es ist so kühl, dass wir Pullover anziehen müssen. In Sardinien und im August!! Trotzig kochen wir uns einen leckeren Couscous, den wir – eisern! –  auch auf der Terrasse essen. Wir spielen Domino mit sehr schönen Steinen, die Mi geerbt hat und freuen uns darüber, dass wegen des schlechten Wetters « Simooneeee » und ihre grässliche Familie drinnen essen und wir ihr Geschwätz nicht ertragen müssen. Wat dem een sin Ul, is dem annern sin Nachtigall.

Am nächsten Morgen ist die Welt wieder in Ordnung und ich kann wie gewöhnlich von meinem Bett aus über die Terrasse und das Meer bis hin nach Korsika gucken! Und lesen bis Mimi aufwacht und sogar noch ein bisschen länger, wenn sie unser üppiges Frühstück vorbereitet. Zu diesem gibt es von mir selbstgekochtes Kompott und danach mache ich fast jeden Tag eine halbe Stunde Gymnastik mit einer Kassette. Noch nie habe ich  mit so einer wunderbaren Aussicht vor den Augen «  flex-pointe » gemacht! Danach legen wir unser Puzzle oder gehen einkaufen, dann ein paar Stunden Strand.

Hinterher wird geduscht, geföhnt und dann kocht die eine während die andere schon den « aperotivo » vorbereitet: dicke weiße Zwiebeln und Artischockenherzen, Oliven, Pistazien und Salami bzw. Bresaola. Dazu gibt es gratis das phantastische Farbenspiel des Abendhimmels, welches wir jeden Tag aufs Neue bewun- dern und genießen: Perlmuttfarben von Zartrosa über Gelb zum leuchtenden Orange und Blau – bis dann der Mond als goldfarbene Sichel aufgeht. Oft gehen wir früh schlafen, spätestens aber um elf Uhr, wenn unten auf dem « piazza del populo » die Musik losgeht wie jeden Abend im August. Da ist alles drin von Pop bis sardischer Folklore (die von der korsischen nicht  zu unterscheiden ist) und von Schlagern bis Operette. Glücklicherweise ist sie nie so laut, dass es beim Einschlafen stört. So gehen die Tage dahin und schon müssen wir für die letzten drei Abschied nehmen von der uns ans Herz gewachsenen Aussicht.

Wir ziehen um nach Porto Torres, da wir keinen bezahlbaren Platz auf der Fähre nach Marseille vor Donnerstag bekommen haben. Die Stadt ist leider nicht schön, aber das Hotel ist okay und wir schaffen es mit viel Geduld, jeden Abend ein anderes Restaurant mit schöner Aussicht und gutem Essen zu finden.

Sogar eine tolle Bar für den Aperitif tun wir auf. Der Barmann macht uns nicht nur schöne Augen am ersten Tag, sondern serviert uns auch richtig raffinierte kleine Sachen zu unserem Cocktail, so dass sie wir gerne am nächsten Tag wiederkommen.

Nun wollen wir die Nordwestküste der Insel entdecken. Wir fahren hinauf bis an die Spitze nach Stintino, einer sehr schönen Badebucht, aber dort sind die Strände übervoll und daran sind wir nicht gewöhnt. Deshalb weichen wir fluchtartig nach Süden aus und finden bei Alghero einen ganz wunderbaren Strand fast wie in Korfu, rechts und links von Hügeln umgeben, mit schöner Aussicht auf einen großen schroffen Berg.

Hinter uns gibt es auch einen Kiefernhain für den benötigten Schatten und da gefällt es uns sehr. Zwar ist es auch hier voll und wir müssen etwas suchen, bis wir ein Plätzchen für uns finden, aber  als Zugabe gibt es einmal mehr das volle, pralle italienische Familienleben. Was diese Leute zu Fuß oder per Handkarren anschleppen, ist einfach unglaublich! Heute ist der Ferragosto, also Maria Himmelfahrt (unser Namenstag) und das ist in allen katholischen Ländern ein Fest. Hier natürlich ein Familien- fest, zudem vor allem die Alten eingeladen werden (die hier schön « gli anziani », die Alten, heiβen und nicht « Senioren » geschimpft werden).

So ist in dem Kiefernwäldchen schon um zehn Uhr morgens vom Baby bis zur Hundertjährigen jede Alters- stufe vertreten. Zunächst einmal wird das Terrain abgesteckt. Sogar fast künstlerisch, in dem Matten, Stoff- bahnen und was weiß ich noch alles um die Kiefernstämme geschlungen werden, sodass ein fast nicht einsehbares Quartier entsteht. Danach werden Campingtische, Stühle, Liegestühle und Sessel aufgebaut. Es gibt sogar riesige Propangasflaschen, auf die ein Barbecue aufgesetzt wird und niemand schreit oder schreitet ein wegen Feuergefahr! Andere begnügen sich damit, immense Plastiktaschen und -schüsseln mit vorbereiteten Salaten zu verstauen oder machen sich ans Schnippeln für später. Eine Bande junger Leute hat es sogar fertiggebracht, ein Laptop mit Karaoke mitzuschleppen und so legen sie dann los. Nicht sehr sauber gesungen, dafür aber extra laut und das erhöht natürlich die gute Laune!

Ab elf Uhr ist der Kiosk, an dem man gegrillte Würstchen, Fleisch, Fisch sowie die unvermeidlichen Pommes frites erstehen kann, von einer nicht abreißenden Schlange umlagert. Dabei sind die Preise gesalzen. Um zwei Uhr jedoch wird es mit einem Schlag total ruhig im Wäldchen: Siestazeit! Auch die, die keine machen, respektieren sie, reden nur noch leise und gebieten den Kindern Ruhe, also dösen auch wir.

Der Nachmittag bringt eine schöne Überraschung in Form einer Verkostung von Olivenöl in einem Dorf des Hinterlandes. Das Öl wird hier sogar nach Jahr- gängen gehandelt, wie der Wein. Wir kaufen zwei Flaschen als Souvenir, ein ‘dolce‘ und ein mittelschweres zum Kochen. Wir finden den Mann, der mit seinem Sohn über zweitausend Bäume betreut, sehr beachtlich!

Und dann sind unsere Ferien auf einmal vorbei. Wir stehen braungebrannt  vor der « Napoleon », mit der wir nach Marseille zurückfahren. Diese Fähre ist älter und etwas weniger schön als die Danielle Casanova, aber unsere Kabine ist wieder prima und ich finde sogar zwei Liegestühle im Wind-schatten, so dass wir den Nachmittag an Deck verbringen können. Abends leisten wir uns ein « korsisches Dîner » im feinsten Restaurant des Schiffes. Der  Blick vom Schiff auf die Bucht von Ajaccio ist umwerfend und der Wein ist wunderbar.

In Ajaccio sind wir dreißig  Minuten zu früh gelandet, um 1500 Passagiere an Bord zu nehmen. Aber wir fahren auch hier wieder  mit Verspätung ab, denn ein Passagier ist erkrankt und wird mit der Feuerwehr in die Klinik gefahren.  Wir genießen ein letztes Glas im warmen Abendwind an Deck und wollen nur kurz mal im „Grand Salon“ vorbeischauen, bevor wir uns zur Ruhe  begeben. Ich bin so oft auf Kreuzfahrtschiffen als Sängerin aufgetreten, dass mir das, was ich hier sehe, das Herz zerreißt: Zwei « ältere Herren » mit Perücke, versuchen verzweifelt, per Synthesizer und Gitarre, Stimmung in das Publikum und selbiges zum Tanzen zu bringen. Aber leider singen sie so falsch, wenn auch in drei Sprachen (welche aber alle irgendwie gleich klingen), dass es mir Schuh und Strümpfe auszieht.

Da lobe ich mir doch  meine Konzerte für die Schüler. Wenigstens tue ich etwas Nützliches für die Deutschlehrer in Frankreich, die einen besonders schweren Stand haben, denn sie sind die Einzigen, die für ihr Fach werben müssen. Englisch ist nämlich Pflichtfach, die zweite Sprache kann man wählen: Spanisch oder Deutsch. Ich habe die Herausforderung angenommen, den Schülern der Mittel- und Oberschulen zu zeigen, dass man sehr wohl SPASS haben und mit meinen Liedern Deutsch lernen kann.

Am nächsten Morgen werden wir per Lautsprecher um 6 Uhr geweckt, damit wir uns waschen und die Kabinen möglichst schnell räumen können. Die müssen nämlich für die neuen Mittagspassagiere frisch gemacht werden. Draußen sollen angeblich zwanzig Grad sein – ha, von wegen! Der Mistral ist mal wieder zugange. Wir müssen anderthalb Stunden im Auto darauf warten, ausgeschifft zu werden und Mi verkürzt uns die Zeit, indem sie mich in das neue Spiel SUDOKU einweiht und ich auch mein allererstes richtig hinkriege, worauf ich richtig stolz bin.

Es folgt ein wunderschöner Vormittag in der « Drôme  provencale », wo der Wind den Himmel so blitzblau gefegt hat, wie es nur hier möglich ist.

Von Mimis Mutter hören wir seit Tagen Horrormeldungen über das Wetter in Paris und in Saint Maur, das noch nie so furchtbar war wie in diesem August. Also freuen wir uns doppelt über kleine Straßen und entzückende Dörfer wie zum Beispiel Suze La Rousse, wo Mi sich eine echte provenzalische Tischdecke kauft und ich den Proviant für morgen auf dem Markt erstehe.

In der Nähe von Montelimar erwartet uns eine schöne letzte Überraschung in Form eines Hotels, dass nicht nur gediegen, sondern auch noch preiswert ist: „Les Méjeonnes“. Es ist ganz im Stil der Provence gehalten und wenn Geld sich mit gutem Geschmack paart, kommt meistens etwas Schönes dabei heraus. Wir verbummeln einen wundervollen letzten Nachmittag am Pool, in dem das Wasser allerdings schon wieder « sehr erfrischend » ist. So schließt sich der Kreis.

Ein köstliches Abendessen auf der Terrasse, ein letzter Limoncello – wir genießen den Abend und stellen einhellig fest: Was war es doch wieder für eine schöne Sommerreise!


WAS BLEIBT: das beste Johurt-Eis meines Lebens in Palau.

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