1999 – Auf zur Mimosenblüte an die Côte d‘Azur

Achmed balanciert höchst vorsichtig auf dem Mäuerchen entlang, um nicht in den zwei Meter darunter liegenden Garten zu fallen. Er könnte ja gemütlich den Feldweg entlang gehen, der in das Dorf Gorbio führt – wenn dort nicht ein großer Lieferwagen eben diesen Weg total versperr- te. Mireille und ich können keinesfalls mit unseren großen schweren Rucksäcken so einen Balanceakt wagen.

Wir halten den kleinen drahtigen Mann, der einen dicken Katalog in der einen und eine schwere Aktentasche in der anderen Hand trägt, für einen Vertreter und den Inhaber des Wagens, der einen Kunden besucht hat und nun einsteigen und wegfahren wird. Weit gefehlt ! « Ich bin der Elektriker und soll im Haus da drüben den Zähler anschließen », erklärt er uns. Aus eben diesem Haus kommen nun drei bullige Männer heraus, von denen einer uns anraunzt: « Sie sehen doch wohl, dass ich arbeite. Ich ziehe um und habe keine Zeit wie andere Leute, um spazieren zu gehen! »

Wir sind empört! Erstens ist unsere Wanderung kein „Spaziergang“, was der Mann sehr wohl an unseren großen Rucksäcken sehen könnte. Zweitens hat dieser Mensch kein Recht, die ganze Straße zu versperren. Aber wegen seiner Alkoholfahne noch mehr als wegen seiner drohenden Haltung beschließen wir, uns diesen schönen Morgen nicht verderben zu lassen und gehen wartend auf die Seite, um die Männer den Wagen ausladen zu lassen.

Achmed, dem die Situation sichtlich peinlich ist, bietet den anderen seine Hilfe an, damit es schneller geht. Und nun passiert etwas ganz Unerhörtes: Einer der Arbeiter und Achmed – der von den anderen so gerufen wird – haben einen Eisschrank gepackt, um ihn den Feldweg entlang zu dem Haus zu schleppen. Ein Handy klingelt und der Franzose, Gauloise im Mundwinkel, telefoniert in aller Ruhe und Gemütlichkeit, während Achmed allahergeben in die Ferne starrt und den Eisschrank hält! Er wagt es nicht, zu protestieren, denn er hängt an seinem Job. Der Rassismus in dieser Gegend ist enorm und die Norm. Wir sind beide sehr schockiert. Als der Weg endlich frei ist und wir in dem ansonsten sehr hübschen Dörfchen Gorbio auch noch eine Kolonie Gartenzwerge samt Porzellankamel in einem Vorgarten entdecken, ziehen wir so schnell es geht unseres Weges.

Letzterer ist der Weitwanderweg « Der Balkon des Mittelmeers », der sich von Menton bis Marseille fünfhundert Kilometer an der Küste entlang und durchs Hinterland schlängelt.

Gestern Morgen sind wir von Menton aus losgelaufen. Durch die Altstadt mit wunderschönen alten Hotels steigen wir zu dem einzigartig gelegenen Friedhof hinauf – wo die Toten nach Religion begraben in verschiedenen Sektionen liegen, denn sogar hier vermischt man sich nicht!

Weiter geht es,  hinauf zur Autobahn und dem darüber gelegenen Ausgangspunkt unserer sechstägigen Wanderung. Aufatmend bleiben wir stehen. Wir sind nur hundertfünfzig  Meter über dem Meer und schon ist uns heiß! Windjacke und Pullover kommen in den Rucksack und weiter wandern wir  – am 25. Februar, halb elf Uhr morgens – in langer Hose und kurzärmeligem T-Shirt. Wir klettern weitere 550 Höhenmeter und kommen ganz schön aus der Puste. Aber die wundervollen Ausblicke auf das Meer und die Küste entschädigen uns lässig.

Leider werden wir statt von Vogelgezwitscher lange Zeit nur vom Krach des unter uns dahin rauschenden Verkehrs begleitet. Diese Autobahn ist sicher sehr praktisch, aber auch stinkhässlich und verschandelt die Landschaft. Erst oben auf dem Pass wird es endlich still. Ich genieße die Sonne, die Wärme auf meiner Haut und den Duft des blühenden wilden Rosmarins, während Mi sehr viel weniger euphorisch dahin trottet, da sie ihre neuen Wanderschuhe einläuft…

Doch eine gepresste Zitrone in Castellar bringt sie wieder auf die Beine – und selbige wird sie heute auch noch brauchen! À propos Zitronen: In Menton, der wärmsten Stadt Frankreichs, in welcher Orangen und Zitronen das ganze Jahr über gedeihen, findet das alljährliche Fest zu ihren Ehren gerade statt. Dabei werden überall in der Stadt überlebensgroße Figuren aus Zitronen gebildet.  Umzüge finden statt und alle Läden biegen sich vor Zitronenkonfekt, Zitronenlikör, Zitronenessig, Zitronenseife und allem, was man mit dieser Frucht nur machen kann.

In Castellar  frage ich die Frau, die uns die Erfrischung bringt, wie lange wir noch bis Sainte Agnès, unserem Etappenziel, brauchen werden. « Oh, sicherlich noch drei gute Stunden. Der Abstieg bis nach Monti ist einfach, aber dann… » Sie lässt den Satz in der Luft hängen und mir schwant nichts Gutes. Es ist sowieso ganz gemein, am Ende eines Wandertages, wenn man schon schön müde ist, noch einen Aufstieg machen zu müssen.  Dieser hier hat es ganz besonders in sich, denn er zieht sich elendiglich hin. Da hilft nur eins: Augen auf und durch!

Leberblümchen, Veilchen, wilde Primeln und rosa Orchideen am Weg sowie Oliven und Mimosen- Bäume, ja sogar schon erblühte Iris in den Gärten helfen mir, den allmählich schwer drückenden Rucksack und die langsamer werdenden Beine zu vergessen.  Am Schlimmsten ist wirklich das letzte Stück.

Sankt Agnès, das mit sechshundertfünfzig Metern höchstgelegene aller Bergdörfer der Côte d’Azur, ist nur noch hundert Meter entfernt, da müssen wir doch immer noch Treppen hinauf, an der Kapelle vorbei, Treppen zum Kirchplatz, Treppen zum Hotel!

Nach siebeneinhalb Stunden reiner Wanderzeit kommen wir im Hotel St. Yves mehr tot als lebendig an. Wir brauchen erst einmal eine heiße Dusche, um uns von den Strapazen zu erholen. Gott sei Dank habe ich keine einzige Blase dank eines neuen Mittels, das man zur Vorbeugung auf die kritischen Stellen kleben kann, bevor man losläuft. Ein echter FortSCHRITT !

Vom Fenster unseres Zimmers aus haben wir eine einzigartige Aussicht über das Tal hin bis zum Mittelmeer, das scheinbar in weiter Ferne liegt. In Wirklichkeit sind wir zwar sechzehn Kilometer gelaufen, aber das Meer ist in Luftlinie nur ungefähr acht Kilometer  entfernt. Ein überaus freundlicher, ja herzlicher Ober bringt uns zu unserem Tisch im gemütlichen Restaurant, in dessen Mitte auf einer Art Säule ein offener Kamin wohlige Wärme und angenehmen Duft verbreitet. Wir haben Halbpension gebucht, das heiβt Zimmer mit Frühstück und Abendbrot für knapp siebzig Mark pro Person.

Nun erleben wir etwas Einzigartiges. Während man sonst eigentlich überall weniger an Quantität und leider auch oft an Qualität bekommt als die normale Laufkundschaft, ist es hier genau umgekehrt. Nach einem sehr leckeren Orangenlikör-Aperitif bekommen wir nacheinander folgende Köstlichkeiten serviert: rohen Schinken für Mireille, Tomatensalat mit schwarzen Oliven und Roquefort Bröckchen für mich; danach eine warme Gemüsepastete, gefolgt von einem ganzen Fisch mit delikater Zitronen-Kapern Soße und schließlich noch Kaninchen in Wein gekocht, gekrönt von Käse und einem Eis. Dazu gibt es einen hervorragenden und preiswerten Landwein. Wir tun uns gütlich und fallen wie die genudelten Gänse um neun Uhr abends in unsere Betten.

Zweiter Wandertag, strahlendes Wetter, zehn Uhr morgens. Wir laufen auf dem wunderschönen Weg des Pfarrers Pierre Rochard, von dem aus wir immer wieder herrliche Ausblicke auf das Felsennest Ste. Agnès haben. Heute werden wir den ganzen Tag lang die gestern zurückgelegte Strecke überblicken können und das macht Spaß! Noch dazu kommen wir nach der oben erzählten Episode vor dem Dorf Gorbio an die Stelle des Weges, wo wir wirklich genau über dem Meer wandern, nämlich am Mont Gros. Leider kann ich gegen die Sonne keine Fotos schießen, aber wir genießen von unserem « Balkon » aus während des Picknicks den Blick auf das zum Greifen nah scheinende Städtchen Roquebrune.

Unter uns das türkisfarbene Meer, über uns ein halbes Dutzend Drachen-flieger, die sich mit ihren bunten „Maden“ am Himmel tummeln – es ist einfach fantastisch!

Leider ist der darauffolgende Anstieg wieder sehr beschwerlich und lang. Ich laufe mir eine Blase trotz des Schutzpolsters, das verrutscht ist, und fange an zu humpeln. Mimi muss ihre Wanderschuhe mit den vorsichtshalber mitgenommenen Baskets vertauschen und trottet ebenfalls höchst kleinlaut auf der Teerstraβe dahin, die wir am Anfang des Nachmittags erreicht haben. Nicht einmal die am Weg blühenden Mandel- bäume können uns darüber hinwegtrösten, dass sich unser Wanderführer ausnahmsweise mal geirrt hat: Die angegebenen Wanderzeiten kann man nie und nimmer mit einem – nicht einmal sehr schweren – Rucksack laufen, die Höhenmeter sind nicht korrekt angegeben und die Etappen sind durch die fehlende Infrastruktur viel zu lang. Es gibt hier keine Hütten und viele Hotels sind zu dieser Jahreszeit wegen Renovierung geschlossen oder haben gerade dann ihren Ruhetag, wenn wir ankommen.

Für heute Abend hatte Mimi in La Trinité ein Zimmer reserviert und eine Anzahlung über sechzig Mark an einen schon am Telefon sehr unfreundlichen Mann schicken müssen. Um kurz nach drei beschließen wir gemeinsam, wegen unserer lädierten Füße den als höchst beschwerlich angekündigten zweistündigen Abstieg auszulassen. Per Anhalter soll es ausnahmsweise weiter gehen. Ohne Schwierigkeiten finden wir auch ein Auto, aber das Städtchen ist hässlich wie die Nacht – wobei das ein höchst unfreundlicher Vergleich für die Nacht ist.

Außerdem ist es hier entsetzlich laut und unser Hotel sieht schon von weitem ausgesprochen uneinladend aus. Soll die Kaution zum Teufel fahren – bloß weg von hier!

Zwei Busse und zwei Stunden später steigen wir wieder in einem dieser reizenden Bergdörfer aus, die zwar sehr nett für einen Abend oder einen Kurzaufenthalt sind, in denen ich aber trotz der schönen Landschaft und des angenehmen Klimas nicht leben möchte. Tourrette-Levens ist eins davon.

Hier haben sich nicht nur sämtliche wohlbetuchte Senioren Frankreichs versammelt, sondern die Mentalität der Eingeses- senen ist auch ziemlich scheußlich. Hier treffe ich nicht eine einzige freundliche Bäckersfrau, entweder sind sie hochnäsig oder kurz angebunden oder beides! In La Trinité kommt noch hinzu, dass dieser Ort, der ursprünglich auch mal ein Dorf war, inzwischen zum weit entfernten Vorort von Nizza geworden ist mit einem sehr hohen Teil an arabischen Gastarbeitern.

Wir kommen an der Bushaltestelle mit zwei jungen Algerierinnen ins Gespräch, die sich richtig freuen, einmal die Gebenden sein zu dürfen und uns gerne erklären, wo wir aus- und umsteigen müssen. Wir bedanken uns natürlich sehr höflich und die beiden sind sichtlich stolz, helfen zu können und dafür anerkannt zu werden. Ihr bitterer Kommentar im Bus, in dem allerdings wirklich fast nur Ausländer, zumeist Afrikaner, einsteigen:

Das niedere Volk fährt am Samstag Abend zur Sause nach Nizza.

Das stimmt nun allerdings nicht so ganz, denn auch die Besitzer unseres vornehmen « Logis de France » setzen uns doch tatsächlich um halb neun abends den Stuhl vor die Tür des Restaurants. Ihre subtile Strategie  besteht darin,  dass sie den Saal, in dem wir noch beim Wein sitzen, so lärmend aufräumen, dass wir verstehen und uns auf unser Zimmer zurückziehen. Die Dame des Hauses, absolut nicht verlegen, bequemt sich zu der lapidaren Erklärung: « Wir wollen nämlich zum Blumen-Corso nach Nizza heute Abend.» Klar, dass die Gäste da nicht so wichtig sind.

Vom Geläut der Sonntagsglocken begleitet, wandern wir am nächsten Morgen, frisch gestärkt, über den Berg zum reizenden Städtchen Aspremont,  in dem ich sogar eine Ehrenrunde drehe, um mir vom höchstgelegenen Platz aus unser für heute Abend auserwähltes Dorf St. Jeannet anzugucken. Da das Wetter eher dunstig ist, kann ich es nur schwer in weiter Ferne am anderen Hang des Var-Tals erspähen. Das soll heißen, wir müssen 500 Höhenmeter absteigen, dann auf der anderen Seite wieder 700 Meter hinauf und noch einmal gute 200 hinunter. Na, dann mal los!

Zuerst führt uns unser Weg auf einem kleinen Teersträßchen an vielen sehr schönen Villen vorbei, die umgeben sind von großen Gärten, viele mit Schwimmbad, alles üppig. Allerdings stören uns erheblich die vielen Schilder « Achtung elektronischer Alarm! Achtung bissiger Hund ! Hier wache ich! » Die Hunde sind leider auch dementsprechend, kläffen sich die Seele aus dem Leib, springen wie wild hinter Gittern hoch, an die wir nicht einmal in Reichweite herankommen! Sie fletschen die Zähne und werden von den im Garten arbeitenden Eigentümern nicht einmal zurückgepfiffen. Wir verlieren leider mehrmals unsere weiβ-rote Wegmarkierung, weil dumme Menschen sie zum Teil aus den Bäumen, auf die sie gemalt sind, mit Messern herausschnitten haben. Als ob ausgerechnet Wanderer einbrechen würden, um im Rucksack den Fernseher abzuschleppen! Und Krach machen wir ja nun auch nicht gerade. Nur über ein Schild müssen wir herzlich lachen: » Achtung! Hier nette Katzen ! » Und dahinter stehen in Krakelschrift die Namen der Kätzchen und die der Kinder. Süß!

Unten im Tal überqueren wir den Fluss Le Var und machen uns an den sehr beschwerlichen Aufstieg nach Gattières, der uns manchen Schweißtropfen kostet. Wir begegnen mehreren Männern, die hier im Wald eine Bogenschießanlage aufgestellt haben und die uns eher mitleidig betrachten. Erst im Nachhinein wird uns klar, warum. Als wir nämlich endlich jubelnd auf dem Canal de la Gravière stehen und die Aussicht genießen, wissen wir noch nicht, dass wir vor uns einen sehr steilen und nicht ganz ungefährlichen Abstieg haben. Es geht dabei wirklich über Stock und riesige Steine, und wir müssen uns trotz der guten Wanderschuhe gegenseitig helfen. 

Um das Maß voll zu machen, ballern ein paar Jäger in der Gegend herum, so dass wir aus lauter Bammel anfangen, im gemischten Doppel lauthals zu schimpfen – bis wir lachend stehen bleiben, denn wir sind heil unten angekommen. Allerdings dauert es noch eine gute Weile, bis wir müde und verstaubt vor unserem Hotel in St. Jeannet stehen.

Schon der Willkommensgruß hat es in sich. Die Besitzerin, Zigarette im Mundwinkel, die sie auch da lässt während sie mit mir redet, ist knapp freundlich und der Mann hinter der Theke schaut nicht einmal vom Gläserspülen auf. Eine alte Frau schlurft vor uns die Treppe hinauf und weist uns unser Zimmer. Ich bitte darum, einen Fön ausleihen zu können. Der kommt nie. Wir entdecken unsere heutige Bleibe. Die Aussicht vom Balkon aus übers Tal zum Meer hin bis nach Korsika ist einfach einzigartig.

Die Ausstattung des Zimmers ist es allerdings auch! Eine einsame Birne langweilt sich im Kronleuchter, der Schirm der Nachttischlampe ist verbrannt. Die Tür des Badezimmers ist aus Sperrholz und hat keinen Griff. Wenn ich Mimi nicht hätte retten können, wäre meine beste Freundin in der Dusche (die selbstverständlich ohne Duschvorhang ist) verhungert…

So kommen wir mit einer Überschwemmung weg und machen uns nach einer guten Ruhestunde durch einen Seiteneingang des Hotels aus dem Staub. Wir haben nämlich überhaupt keine Lust, unseren Bärenhunger so brummigen und schmuddeligen Leuten anzuvertrauen. Außerdem haben wir von einer Pizzeria gehört, wo man gut und preiswert essen können soll.

Eine leckere Riesenpizza und ein netter Schwatz mit den jungen Besitzern lassen uns wieder aufleben. Sie stammen beide nicht von hier und erzählen uns Interessantes: die einheimischen « großen » Familien dieses sehr berühmten Dorfes, denen fast aller Grund und Boden hier herum gehört, sind am Anfang des Jahrhun- derts aus Italien eingewandert, haben sehr hart gearbeitet und es zu etwas gebracht.  Leider haben und wollen sie ihre Herkunft vergessen und sind nun ihrerseits gegen alles, was Gastarbeiter oder auch nur « Fremde » heißt. Die beiden jungen Leute haben ihre Freunde nur unter den Zugereisten gefunden, können sich aber ihr Leben ohne den « Baou », den Hausberg des Dorfes, nicht mehr vorstellen.

Am nächsten Morgen kann ich Jacques Prévert, der ein Gedicht schrieb, das fast schon eine Hymne auf das Dorf ist, gut verstehen, und würde am liebsten auf dem geplanten Weg weiter gelaufen, so wunderschön sieht die Landschaft wieder aus. Aber Mimi bittet mich, die zweite  Hälfte unserer Wanderung etwas weniger schwierig zu gestalten und so legen wir heute einen Ruhetag in Grasse ein, wo wir mit dem Bus mühelos hinkommen. Alte Leute, die kein Auto aber viel Geld haben, schaffen es schon, dass ihren Bedürfnissen Rechnung getragen wird: Das Busnetz der Côte d’Azur ist beispielhaft gut ausgebaut!

In Grasse  gestaltet sich die Hotelsuche als mühselig, da wir nicht allzu viel Geld ausgeben wollen. Fast wären wir bei den katholischen Schwestern gelandet, aber da finden wir es doch in jeder Beziehung zu muffig. Diese Stadt enttäuscht uns. Die Altstadt ist dunkel, feucht, schmutzig, viele Läden sind geschlossen und stehen zum Verkauf. Araber überall. Die Parfümerieläden bieten alle den gleichen unoriginellen Krimskrams an, das Museum Fragonard ist geradezu düster und wenn es Pierre Baltus nicht gäbe, würden wir Grasse aus unserem Gedächtnis streichen. Aber es gibt ihn!

Hartnäckig, wie wir sein können, wenn uns etwas wirklich am Magen liegt, haben wir ein erstes Restaurant, in dem wir schon Platz genommen hatten, wegen des deutlichen Geruchs nach schlechter Küche (« Affenfett » würde meine Mutter sagen) verlassen. Zum Trost haben wir uns einen Aperitif in einem typisch französi- schen Kleinstadtbistro gegönnt, um die Öffnungszeit des Restaurants abzuwarten und sogar noch telefoniert, um sicher zu gehen, zwei der fünfzehn Plätze in diesem Mini-Esstempel zu ergattern.

Das hat sich aber auch wirklich gelohnt! Schon das Dekor und das ganze Drumherum ist sowohl originell als auch geschmackvoll: Auf den Tischen gibt es schönes achteckiges Porzellan, an den Wänden hängen Aquarelle, alte Fotos, und sehr viele  Diplome, die des Kochs Kunst würdigen. Ein Klavier steht in der Ecke und die Küche ist so klein, dass der Eisschrank seinen Platz nur im Restaurant finden konnte. Der Koch selbst bleibt hinter dem Vorhang, der den Blick auf die Küche versperrt, verborgen.

Wir sind mehr und mehr gespannt auf die Genüsse, die nun folgen werden.  Die warme Fleischpastete für Mimi und meine Rascasse-Fischvorspeise sind delikat, unsere Knoblauch-Fischfilets köstlich und leckere gratinierte Erdbeeren runden das Mahl ab.

Vom Rosé  beschwingt, ziehen wir am nächsten Morgen weiter in Richtung Cabris, wieder auf unserem Wanderweg. Zuerst kommen wir auch gut voran, an der «Napoleon-Hochfläche » vorbei, wo der 1815 über tausend Mann aufmarschieren ließ, nachdem er von Elba ausgebüxt war. Aber dann begehe ich einen entscheidenden Fehler in der Morgensonne. Ich verliere die Wegzeichen aus den Augen und gehe der Nase nach weiter, anstatt bis zum letzten Zeichen zurück zu gehen. Das kostet uns eine Stunde lang Pflasterlaufen und ich fluche, weil ich es auch noch selber schuld bin!

Erst der herrliche Blick über die hügelige Landschaft von der Terrasse des einzigen Luxushotels des Dorfes heitert mich wieder auf und wir laufen weiter. Heute ist der erste Tag, an dem der Kater nicht in unseren Muskeln miaut, und schon das alleine macht uns Spaß.

Mittags wird es ganz schön heiß und wir kommen immer öfter an blühenden Mimosen-Bäumen vorbei, die nach und nach zu Gruppen und ganzen Wäldchen werden. Ich wusste nicht, dass ein einziger Mimosen-Baum einen ganzen Garten regelrecht ersticken kann, wenn man ihn gewähren lässt, so leicht breiten sich diese Bäume aus. Aber in der Natur sind sie ein Genuss für Augen und Nase!

Am frühen Nachmittag kommen wir im Val de Tignet an, wo ich im « Gasthaus zur Quelle » ein Zimmer vorbestellt habe. Und auf einmal stehen wir auf einem kleinen Sträßchen vor einem Engel! Selbiger heißt « Colombe » und so lieb und unschuldig wie ein Täubchen schaut das kleine Mädchen auch aus seinem Kinderwagen auf uns zwei verstaubte Wanderfrauen, die mit ihrer Großmutter reden. Diese ist eine faltenreiche, aber sehr sportlich und zünftig aussehende Sechzigerin, mit der wir uns richtig nett über unsere Wanderung, die Gegend im Allgemeinen und die Schwierigkeiten bei der Suche einer Unterkunft im Besonderen austauschen.

Sie hat noch nie etwas von unserem Hotel gehört, was nichts Gutes verheißt, und lädt uns spontan ein, bei ihr zu übernachten. Das lehnt Mimi leider höflich aber sehr bestimmt ab. Sie hat Angst zu stören, während ich mich gerne noch länger mit dieser interessanten Frau und dem entzückenden Mädelchen abgegeben hätte.

Eine Stunde später werfe ich ihr verbittert mangelnde Einfachheit vor, denn das Hotel liegt dreieinhalb Kilometer vom Zentrum des Dorfes entfernt an einer sehr befahrenen Bundesstraße, auf der wir bei der Hitze nun tippeln müssen. Ausgerechnet hat zu allem Unglück das Restaurant heute seinen Ruhetag. So ein Mist! Was machen wir nun? Da die Hotelfrau Einkäufe in der Stadt macht, halten wir auf ihrer Terrasse Kriegsrat. Mimi meint optimistisch, dass wir doch wenigstens sicher eine Omelette hier bekommen würden. Mir dagegen stinkt das, denn ich kenne die Mentalität der französischen Hoteliers besser als sie und außerdem ist der Krach an dieser Straße gewaltig.

Aber eh noch ein richtiger Streit ausbrechen kann, naht sich unser Schutzengel auch schon in Gestalt eines Zahnarztes, der nach Hotelzimmern für die im August steigende Hochzeit seines Sohnes sucht. Als er von unseren Sorgen hört, bietet er spontan an, uns ins nächste Dorf, wo er seine Praxis hat, mitzunehmen. So kommt es, dass wir in Peymarade, im Posthotel ein sehr einfaches Zimmer für fünfundsechzig Mark mit Dusche und Toilette auf dem Flur finden. Als ich mich allerdings beim Portier darüber beschweren muss, dass die Dusche nicht sauber ist und unsere Stehlampe im Zimmer nicht funktioniert, hat er folgende geniale Erklärung:.

Sie hatten doch nach einem einfachen Zimmer gefragt.

Wenn das ein Schweizer Hotelier gehört hätte!! Aber in der französischen Provinz liegt das Hotelwesen eben noch recht im Argen. Trotzdem wird es ein schöner Abend in einem kleinen mit Ölbildern und Aquarellen geschmückten Restaurant, wo ich eines der besten Steaks „Tartar“ meines Lebens gegessen habe. Auch hier kommt es wieder zu einem sehr angeregten Gespräch mit den Besitzern, die aus Grenoble stammen und mit den Bergen so ihre Erfahrung haben. Was sie nicht daran hindert, uns für unseren letzten Wandertag falsche Angaben zu machen, und so finden wir uns in einem « Mimosen-Dschungel » wieder, wo wir unser letztes Picknick einnehmen.

Ich beschlieβe insgeheim, das ausgelassene Stück zwischen dem ‘Baou’ von St. Jeannet und Grasse irgendwann nachzuholen. Vielleicht im Herbst, wenn es zwar keine Mimosen, dafür aber Feigen, Mandeln und den neuen Wein gibt. Und Mimi wird sich an ihrem Geburtstag über eines der Bilder aus dem Restaurant freuen!

WAS BLEIBT: wunderschöne Landschaft, herrliche Mimosenwälder und DREI ausgezeichnete Essen in fünf Tagen.

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