1998 – Darß und Müritz 8 Jahre nach der Wende

Wir fahren also noch einmal zum Engel nach Güstrow. Unser Ziel ist diesmal der Darß und vor allem der Müritz-Nationalpark (der erst 1990 gegründet wurde), in dem wir wandern und radeln wollen, bevor wir nach Berlin fahren. Aber auf dem Weg dahin wollen wir schauen, was sich seit unserer ersten Reise in der damals « noch fast » DDR verändert hat.

Es gibt sie leider noch, diese für den Rücken so mörderischen Kopfsteinpflaster-Straßen, und das Schärfste ist, dass sie sich  sogar auf Bundesstraßen (!) ohne Vorwarnung mit glatten Teilstücken abwechseln, sodass für Überraschung immer gesorgt ist. Auch wird an den Straßen gebaut und die Ampeln halten uns oft auf. Einige Straßen sind schlicht gesperrt und wir müssen manchmal ganz hübsche Umwege fahren. Aber wir haben es ja nicht eilig und schuckeln so durch Mecklenburgs Dörfer, die oft noch das alte Einheitsbraun-Beige tragen und wie Dornröschen auf den Maler-Prinzen warten. Viele sind schon zur Hälfte wach geküsst worden und es entstehen überall neue Häuser, Wohnanlagen und Supermärkte. Aber es ist wirklich die FARBE, die den Unterschied ausmacht, das erscheint uns in Güstrow ganz deutlich: Das Städtchen wirkt doppelt so groß wie 1990, nur weil es schon zu dreiviertel renoviert ist! Barlachs Engel hängt im selben Eckchen wie vorher und strahlt dieselbe strenge Schönheit aus.

Wir fahren weiter durch die großen Alleen, die uns vor 8 Jahren so begeistert haben. Sie sind erheblich weniger geworden, mussten den sogenannten « Sachzwängen » weichen, das heißt sie wurden beschnitten oder gerodet  – der Lastwagen wegen! Aber ein paar sind noch übrig und ein Stück heißt sogar die Deutsche Alleenstraße in Anlehnung an die deutsche Alpenstraße.

In Schwerin ist die gesamte Innenstadt gesperrt: eine einzige Baustelle! Entweder muss man weit draußen auf einer Art Wiesen-Parkplatz halten oder, schlau wie wir sind, sich einmal durch die Einbahnstraßen wursteln und dann blitzschnell zuschlagen, wenn ein Parkplatz frei wird. So flüchten wir vor Wind, Regen und Kälte (an einem 15. Juli!) zur Zimmervermittlung am Markt. Um jeden Zweifel auszuschließen, frage ich nach einem « preiswerten » Doppelzimmer oder einer Ferienwohnung, da wir in einem Dorf kurz vor  Schwerin gehalten und in einem sehr bescheidenen Hotel nachgefragt hatten : Hundert Mark für die Nacht wollten die, das sind dreihundertfünfzig Francs für uns ! Klar, das Benzin ist hier ebenfalls sechs Pfennig teurer als in Schleswig-Holstein, aber irgendwo müssen ja doch wohl die Knochen in der Hütte bleiben!

Das nette Fräulein des I-Punktes begreift auch schnell, was ich meine,  und schickt uns in einen Vorort, zu einer ehemaligen Lehrerin, die uns eine prima eingerichtete Ferienwohnung mit Küche und Bad im Souterrain ihres Hauses für siebzig Mark anbietet und sich nicht scheut, dies auch « nur » für eine Nacht zu tun.

Wir kommen ins Gespräch mit ihr und sie erzählt uns, dass zwölf der Schulen Schwerins zugemacht haben und sie, da sie keine Beamtin war, auf der Straße sitzt. Ihrem Mann ist es genauso ergangen! Er hat reagiert und 5 Jahre lang ein Zweitstudium Religion fürs Gymnasium gemacht. Er hat auch wieder eine Stelle bekommen — aber nur für 85 % des Gehalts « derer aus dem Westen » und weil er es akzeptiert hat, zwei Stufen herunter- gesetzt zu werden. Mireille und ich sind empört und entsetzt. Wie kann man da noch irgendwie von sozialer Gerechtigkeit reden? Aber Frau Martin ist doch zufrieden, da ihr Mann wenigstens ein festes Gehalt nach Hause bringt und sie mit der Ferienwohnung im Sommer ein bisschen dazuverdienen kann. Früher wohnten die Kinder im Souterrain, aber die studieren nun beide mit Stipendien. Eine in Paris und der Junge sogar in Amerika. Die Mutter strahlt, als sie das erzählt und hinzufügt, dass sie sich das  « vorher »  immer für ihre Kinder gewünscht hat.

Wir sind entzückt über die Aufmerksamkeiten, die die Nacht und das Frühstück zum Vergnügen werden lassen: kuschelige Bettwäsche und ein Schoko auf dem Kissen, Getränke inklusive Wein zum Selbstkos- tenpreis! Und ein fabelhaft enormes Frühstück auf blau-weißem Entengeschirr mit Stoffservietten serviert. Wie schön, dass es also so etwas auch noch gibt!

Später am Vormittag, nachdem wir tapfer die zweihundertzwanzig Stufen zum Schweriner Dom hinauf geklettert sind, um von oben einen Blick auf das ebenfalls im Renovierungstaumel schwelgende Schloss zu werfen, gehe ich extra noch einmal bei der Zimmervermittlung vorbei. Das Fräulein von gestern fragt ganz entsetzt, ob wir nicht zufrieden seien und strahlt richtig, als ich ihr Komplimente über ihre gute Adresse mache. Die müssen ja Einiges gewöhnt sein an mäkeligen Leuten aus dem Westen!

Weiter geht es nach Rostock. Auch hier regnet es, aber die Fußgängerzone begeistert uns richtig durch die schönen alten, nun wieder renovierten Häuser, die eleganten Geschäfte und Ladenstraßen. Außerdem gibt es hier eine funkelnagel- neue himmelblaue Straßenbahn, die richtig zum Mitfahren  einlädt. Zweierlei fällt uns auf: erstens kann man die Bewohner kleidungsmäßig nicht mehr unterscheiden von den Wessis und das ist sicher gut so. Zweitens gibt es hier zum Teil sehr witzige und architektonisch interessante Neubauten wie zum Beispiel das Radiohaus. Es geht also vorwärts.

Am Ende des Nachmittags kommen wir im Darß an und fahren gleich direkt bis ins berühmte Ahrenshoop. Man sieht sofort, dass es hier teuer ist: hübsche Reethäuser, gepflegte Straßen, Blumenkübel überall. Wieder gehen wir erst einmal zur Vermittlung — allerdings auch gleich  rückwärts wieder hinaus: Hundertvierzig Mark für ein Doppelzimmer mit Frühstück wollen sie hier! Also auf zur Selbstsuche!

Die wird ganz spannend. Erste Etappe : Das « Hexenhäuschen », das von außen sehr nett aussieht. Die im Garten arbeitende Frau wirkt sympathisch, ihre Gartenlaube mit Klo und Dusche (von auβen dran gekleistert) für achtzig Mark pro Nacht allerdings ganz und gar nicht! Auch ein winziges Zimmer oben im Haus (mit Dusche und Toilette unten) für  siebzig Mark kann uns nicht überzeugen. Also weiter zu Herrn F., der mir allerdings kühl zu verstehen gibt, dass er sein schönes großes Doppelzimmer nicht unter drei bis vier Nächten hergibt. Er hat es also nicht mehr nötig – schön für ihn!                  

Schließlich landen wir bei Familie Ritter, bei der wir finden, was wir möchten, und uns in zwei Zimmern mit Dusche und Toilette für sechzig Mark pro Nacht häuslich niederlassen. Ritter ist arbeitslos und versorgt nun als Hausmann die drei Ferienzimmer, während seine Frau im Büro arbeiten geht. Sie erzählt uns vom hiesigen Bauboom. In der « 5***** Wohnanlage hinterm Biotop » kostet eine Ferienwohnung für zwei Personen stolze zweihundert- achtundfünfzig Mark. Es ist uns ein Rätsel, wer so was für ein doch immerhin bescheidenes Nest bezahlen möchte. Umgerechnet bekommen wir dafür sogar ein Zimmer an der Côte d’Azur!

Am nächsten Morgen mieten wir uns für sechs Mark Räder von Herrn Ritter und dann geht es los durch Wald und Felder, Heide und Wiesen. Wir sehen ein Reh, das großäugig zurückschaut, wir werden von zum Teil grässlichen Plattenwegen durchgerüttelt und kommen an sehr hübschen Dörfern vorbei bis wir in Prerow landen. Hier hat die neue Zeit noch keinen Einzug gehalten und die Diskrepanz zu Ahrenshoop tritt mehr als deutlich zu Tage.

Nachmittags kommt die Sonne schüchtern hervor und wir fahren mit dem dicken Kapitän der « Heidi » auf dem Bodden spazieren. Er lenkt nicht nur sein Schiff sondern ist auch Animateur und Putzfrau in einer Person, denn er wischt selber seinen Gästen die Tische sauber. Alles mit viel Schwung, weil er sich freut, Arbeit zu haben !

Später, am berühmten Steilhang der Küste, den alle hier früher angesiedelten Maler im Bild festgehalten haben, können wir uns sogar für eine Viertelstunde sonnen. Krönender Abschluss dieses Tages ist ein fabelhaftes Abendessen in der « Buhne 12 » in Ahrenshoop, einem winzigen Restaurant mit nur fünf Tischen und einer durch den Saal gespannten Kordel. Wie im Museum: “ Bis hierhin und nicht weiter!“ Das hatten wir überhaupt noch nie gesehen! Egal, die Aussicht auf die im Meer versinkende Sonne ist zauberhaft und die Fischplatte für dreiβig Mark extra gut.

Dass die Serviererin mir dazu allerdings Weißwein in einer viertel Liter Flasche kredenzt, statt in einer Karaffe, ist leider ein Stilbruch. Der ist aber weniger schlimm als die überall gleich schmeckende Salatsoße,  die wir seit vorgestern « genießen » dürfen. Na, es gibt Schlimmeres.

Regen beispielsweise, der uns am nächsten Tag in das Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten treibt. Sehr schön und lehrreich und wenn ich mehr Geduld hätte, als ich habe, könnte ich mir hier sogar ein Kettchen selber drechseln bzw. den Bernstein polieren.

Uns drängt es aber weiter zum Müritzsee. Zuerst werden wir von der Zimmervermittlung fast ausgelacht, da es Freitagnachmittag ist und alle preiswerten Objekte schon weg sind. Wir werden dann aber doch in Röbel fündig, müssen allerdings fünf Mark « Strafe » pro Nacht bezahlen, weil wir nur zwei Nächte bleiben! Frau Müller bittet uns von vornherein, zu entschuldigen, dass sie uns kein Frühstück machen würde, weil sie heute Abend Geburtstag feiert. Als sie unsere langen Gesichter  sieht, ist sie einverstanden, uns Kaffee und Tee zum Selbermachen hinzustellen und Eier bekommen wir auch umsonst. Also kaufen wir Brot und Käse und richten uns im sehr geräumigen Gartenhaus häuslich ein.

Auf einen Tipp von Frau Müller hin fahren wir auf unglaublichen Feldwegen, die aber fünf Kilometer abkürzen, zu einem sehr merkwürdigen Restaurant, das in einer alten Schmiede untergebracht ist. Eigentlich ist der Raum sehr schön proportioniert, aber irgendwie « design-kalt » eingerichtet, trotz der schönen Holztische, die allerdings sehr weit auseinander stehen. Das junge Mädchen, das uns bedient, passte von der Kleidung her auch besser nach Berlin als hier ins Dorf. Vor allem fehlt es an warmen Lampen. Draußen ist es wieder so kalt, dass auch hier drinnen eigentlich geheizt werden müsste, was aber leider nicht der Fall ist. So stürzen wir uns auf das Essen, um uns von innen einzuheizen. Leider ist selbiges nicht berauschend und wir fragen uns wirklich, was dieser merkwürdige Rat zu bedeuten hatte. Die Erklärung kommt erst am nächsten Tag von Frau Müller: »So etwas hatten wir hier früher NIE, also ist das für uns was ganz Besonderes – sonst brauchen wir ja nicht ins Restaurant zu gehen. » Nee, klar.

Der Müritz-Nationalpark ist sehr stolz auf sein Touristenangebot « Radeln + Bus + Kanu + Schiff ». Leider Gottes ist der Prospekt so grottenschlecht und unübersichtlich geschrieben, dass wir daraus nicht schlau werden. Außerdem hat Frau Müller uns schlecht informiert : der Bus, der von ihrem Haus aus in den Nationalpark fährt – dorthin dürfen nämlich nur einige Anlieger per Auto – geht leider nur einmal morgens um 9 Uhr und nicht, wie sie behauptet, alle Stunde. So verlieren wir kostbare Zeit mit Warten und sind erst gegen Mittag auf unserem Wanderweg.

Schön ruhig ist es hier ja  –  aber etwas langweilig ist es auch, denn wir dürfen keinesfalls vom Weg abgehen und dieser führt nur durch den Wald. Von den vielen Teichen und kleinen Seen sehen wir nichts. Schade! Erst nachmittags, als wir per Schiff nach Waren zurückfahren, bekommen wir einen Eindruck vom Müritzsee.

Leider ist das schöne Wetter schon wieder vorbei und wir müssen es eine halbe Stunde lang in einer total verräucherten Kajüte aushalten, in der sich die Leute die Würste mit Kartoffelsalat derartig reinschaufeln (nachmittags um vier!) als ob sie seit Kriegszeiten nichts mehr zu essen bekommen hätten.

Nach fünfundvierzig Minuten Wartezeit auf den Bus, der uns von Waren zurück zu unserem Häuschen bringt, kommen wir müde und ein bisschen enttäuscht an. Frau Müller lädt uns auf ein Glas Wein ein, um sich für die falsche Auskunft vom Morgen zu entschuldigen. Und so finden wir uns in ihrem Wohnzimmer wieder, mit Schrankwand, Fernseher und Bügelbrett davor. Sie bietet uns Wein und Erdnüsse an, lässt den Fernseher mit einer dieser blödsinnigen Unterhaltungssendungen laufen (ihr Kommentar dazu: « Wir sehen nie die Volksliederabende, das ist nur was für die Alten »)  und erzählt:

« Vor der Wende waren wir jemand im Dorf! Mein Mann war Ausbilder für Agrarschüler und gleichzeitig Tierarzthelfer. Ich war die Leiterin des Kinderhorts. Wir waren nicht reich aber wir hatten Geld. Jetzt bin ich sechsundfünfzig, seit fünf Jahren arbeitslos und mein Mann arbeitet als KNECHT, wochentags und feiertags!!  Wir sind zwar frei, haben aber kein Geld mehr. Doch die Kinder haben studiert. Meine Tochter ist Französischlehrerin. In den Ferien begleitet sie Jugendgruppen nach Russland, um die Gräber dort zu pflegen. Wir wählen PDS wegen des sozialen Programms“ (Aha, aber stramme Kommunistin war sie nicht, was?)  „ Die da oben tranken Sekt und predigten uns Wasser. Wir wussten von nichts. » Hm…

Am Sonntagmorgen ist die Sonne extra früh aufgestanden, um sich für ihre Abwesenheit der letzten Wochen zu entschuldigen. Wir fahren durch eine wenig abwechslungsreiche Landschaft bis nach Rheinsberg, wo es wirklich hübsch und malerisch ist. Das nächste Mal kommen wir lieber gleich hierher, zumal das Schloss schon fast fertig ist: auf dem Foto sieht man sehr gut, wie heruntergekommen es vorher war (der hintere Teil).

Garantiert echten Rheinsberger Bienenhonig « Himbeer und Klee » erstehe ich direkt beim Imker auf dem Schlossplatz, sowie etwas später drei große Sonnenblumen für Freundin Biggi  am Straßenrand. Das war allerdings auch das einzige Mal auf dieser Reise, dass wir noch jemanden gesehen haben, der auf einem kleinen Tisch an der Straße seine Produkte anbietet. Das war vor acht Jahren noch gang und gäbe.

Auf der Fahrt nach Berlin kommen wir durch Linum, die durch viele bunte Schilder angekündigte Storchenstadt.  Und richtig sehen wir an der Hauptstraße vier Storchennester mit Inhalt. Früher waren es noch viel mehr, doch auch Störche mögen keinen Verkehr mit Krach und Gestank.

Der Verkehr hält sich hier, im Norden Berlins, allerdings in Grenzen und so schuckeln wir ganz sachte über die B 96 nach Pankow in Richtung Berlin-Mitte  – das eine einzige Baustelle ist!

Unter den Linden halten wir an der Galerie Café Einstein an, um uns die Ausstellung von Udo Lindenbergs Bildern anzuschauen. Mir sind sie sehr schnell leid, viel spannender finde ich meinen Schwatz mit dem Pförtner, der mir dieses funkelnagelneue Gebäude und seine Garage erklärt, in der die Autos elektronisch aufgestapelt werden und auf ebenfalls elektronischen Abruf eines jeden, der in einem der Büros arbeitet, automatisch vorfahren.

Seine Begeisterung ist ebenso rührend wie die Verve der Frau des Postkartenladens im Nikolaiviertel, die ihren « Palast der Republik » verteidigt… Gerne hätten wir uns das Guggenheim-Museum angeschaut, aber die Riesenschlange davor hält uns ab und so gehen wir lieber in die Eingangshalle des « Adlon », um die Verbindung von sehr viel Geld und gutem Geschmack zu bewundern.

Ich träume davon, hier Silvester 2000 zu feiern mit einem Riesenfeuerwerk über dem Brandenburger Tor wie 1990 !

WAS BLEIBT: Kein Vergleich mehr mit 1990. Und der Honig ist göttlich.

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