1995 – Fahrradtour auf Usedom

Rauh fühlt sich die Borke der über tausend jährigen Eiche « Pharaonis » unter meinen forschenden Händen an. Kritzegrün ist der Stamm auf der Wetterseite und so alt ist der Baum, dass zwei gewaltige Rundeisen ihn liebevoll zusammenhalten müssen, damit er nicht auseinander bricht.  Die Borke hat zwei Meter über dem Erdboden gewaltige Wülste gebildet und mit etwas Fantasie kann man darin die Leiber der Wenden erkennen, die damals – lange vor dem Entstehen des Herzogtums Pommern – die Insel Usedom besiedelten. Wahrscheinlich haben sie diese Eiche gepflanzt. Der Veteran  unter allen Bäumen der Insel Usedom überlebte Abholzung, Brandrodung, das sogenannte tausendjährige Reich und vierzig Jahre des sogenannten realen Sozialismus. Eine stolze Leistung!

Unter ihrem kühlen Schatten sitze ich nun und lasse das Wort « Ostvorpommern » auf der Zunge zergehen. Es schmeckt nach einem riesigen seidig-blauen Himmel über gelben Kornfeldern und nach sandigen Wegen, auf denen mein Rad ins Wackeln kommt oder sogar stecken bleibt. Es schmeckt nach immer neuen Aus- blicken auf das Haff und auf den Peenestrom, auf das Achterwasser oder auf die Ostsee. Von den mit Schilf umstandenen Binnenseen mal abgesehen.

Es schmeckt aber auch ganz reell nach den besten Majoran-Kartoffeln, die ich seit langem gegessen habe, nach geräucherter Forelle und Bückling für heute Abend, die ich im bunten Bauerngärtchen der Familie Hinrichsen inmitten von Phlox und Basilikum verspeisen werde.

Ich habe nämlich mal wieder Glück gehabt mit meiner Abenteuerreise, obwohl es am ersten Tag zuerst gar nicht so aussah.  Mit dem InterRegio von Berlin innerhalb von nur zwei Stunden in Anklam angekommen, finde ich mich mittags um ein Uhr auf dem brütend heißen Bahnhofsvorplatz wieder. Es gibt nicht mal einen Baum, in dessen Schatten ich mich flüchten könnte. Wenigstens kann ich meinen Rücken erst einmal von den beiden schweren Satteltaschen, die ich über die Schulter trage, befreien.

Mein Plan ist der, hier bei der Bundesbahn ein Rad zu mieten, die Insel damit zu erkunden und dann in drei bis vier Tagesetappen nach Berlin zurück zu radeln. Als ich die nicht besonders freundliche Dame am Schalter nach einem Rad frage, bescheidet sie mich sehr kühl mit einem: »Die fünf Räder sind alle draußen »! Als ich zu sagen wage, dass fünf Fahrräder in der Hauptsaison ja nun nicht gerade viel sei, erwidert sie pikiert: » Bis- her war es immer genug »! Tjaja, früher… Immerhin setzt sie gnädig hinzu, dass es ja auch Busse nach Usedom gäbe und ich dort vielleicht eins finden würde. Na, das wollen wir doch schwer hoffen!

Bis der Bus abfährt, ist noch eine halbe Stunde Zeit und ich habe plötzlich eine unbändige Lust auf ein Eis. Es soll allerdings nicht irgendeins sein, sondern die Langnese-Schnitte « Erdbeer-Vanille-Schokolade » wie zu meiner Kinderzeit! Also auf zur nächsten Bude, die ein richtiger kleiner Kramladen ist, in dem es verführerisch nach Bonbons und Kaugummi duftet. Die nette Frau am Tresen schickt mich jedoch gleich wieder weg, zur Nachbarin, da sie kein Langnese führt und sie mein langes Gesicht rührt. An dem anderen Kiosk warte ich, bis sich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen von ungefähr sieben Jahren, mit Cola und Keksen einge- deckt haben. Kein „Bitte“, kein „Danke“ oder auch nur ein «Tach» kommt über ihre Lippen, gerade nur «eine Cola» oder «ein Riegel zu fünfzig» und ich ärgere mich einmal mehr — über ihre Eltern!

Vorgestern habe ich im Zug von Paris nach Berlin einem Jungen, der sein Geld nicht fand, drei Mark achtzig vorgestreckt, damit er dem Mann mit der rollenden Minibar sein Getränk bezahlen konnte. Selbstverständlich nahm er das Geld an, aber weder bei ihm noch bei seiner fünf Minuten später wiederkehrenden Mutter reichte es zu einem: » Danke, das war aber nett von Ihnen. » Stoffel ! Nun denn, ich bekomme mein Langnese-Eis, das jetzt nicht mehr Schnitte sondern «Happen» heißt. Sind unsere Münder wirklich so viel größer geworden? Immerhin schmeckt es immer noch genauso gut wie früher und versüßt mir das Warten auf den Bus.

Wir fahren durch die bekannten hohen Alleen, die ich schon von meiner Mecklenburg-Rügen-Fahrt her kenne und liebe, über die Peenebrücke, die den Peenestrom vom Kleinen Haff trennt, nach Usedom. In dem Städtchen erwartet mich die zweite Enttäuschung des Tages:  die Marienkirche zeichnet sich nur durch vier riesige Bulleröfen aus, ist aber ansonsten nicht besonders sehenswert. Der Mann  der die Räder verleihen soll, muss leider passen, da die bestellten Velos ausgerechnet in Anklam festhängen!

Er schickt mich  weiter zu Herrn Petersen (« zweites Haus nach der Post ») und dort missversteht mich die resolute Hauswirtin erst einmal. Sie bietet mir für fünfunddreiβig Mark, also hundertzwanzig Francs, ein Doppelzimmer – mit Dusche in der Waschküche und Plumpsklo auf dem Hof – an. Ein stolzer Preis ! Dafür bekomme ich in der französischen Provinz schon entweder ein 1a Abendessen oder ein anständiges Hotel- zimmer. Nun ist aber dieses kostbare Zimmer auch erst morgen frei und man möchte mich doch nicht so ‘ohne alles’ ziehen lassen, denn es ist schließlich Freitagnachmittag. Die Wochenend-Touristen aus Berlin werden wie eine Horde Wespen auf die Insel einfallen und da ich ja nicht reserviert habe, müsse ich wohl sonst draußen übernachten… Warum denn dann nicht für zwanzig Mark ein Notklappbett in einer Rumpel- kammer (« dem kühlsten Raum im Haus! ») akzeptieren? Ich akzeptiere nicht.

Immerhin bekomme ich hier ein Rad für sieben Mark pro Tag, genauso viel wie ich vor drei Wochen pro Tag in Irland zahlte. Nur hatte das dortige Rad eine Sechs-Gang-Schaltung, wogegen dieses hier bar jeglichen Komforts ist. Naja, vielleicht hat das ja auch sein Gutes, wenn ich an meine Schwierigkeiten auf der Radtour nach Wien mit der immer wieder streikenden Gang- schaltung denke (siehe 1993).

Also lade ich meine Satteltaschen aufs Radl und strampele los in Richtung Stolpe auf einer Straße, die in meiner Radwanderkarte als « Hauptroute auf ruhiger Strecke » ausgewiesen ist. Ruhig ist sie ja soweit, doch ich muss mich gleich an die hiesigen Verhältnisse gewöhnen: entweder gibt es  auf der Insel ein den Rad- fahrer schlimm durchrüttelndes Kopfsteinpflaster oder die noch aus der Nachkriegszeit stammenden Stein- plattenwege, die auch so einige Löcher aufweisen. Die dritte Möglichkeit ist die, die durch zehn Wochen anhaltender Trockenheit staubigen und sandigen Feldwege zu benützen. Auf denen werde ich mehr als einmal absetzen und liebend-schiebend mein Rad fortbewegen müssen. Natürlich gelten alle diese Regeln nicht für die « Perlen der Ostsee », also für die schicken Bäder im Norden der Insel.  

Was soll’s? Das Wetter ist zauberhaft, ein leichter Wind kühlt beim Fahren und ich komme gut voran. Als ich ein Schild « Kunstschmiede » am Straßenrand entdecke, fahre ich spontan hin und darf zwei jungen Männern dabei zuschauen, wie sie einen Zaun fertig schmieden, den sie nach Vorlagen aus den 20er Jahren herge- stellt haben. Ich versuche, sie ein bisschen über Preise und Sonstiges auszufragen, aber beide sind äußerst wortkarg und Papa Schmied ist nicht da.

So fahre ich denn von ‘hinten rum’ ins Dorf Stolpe, das mir erst einmal seine wenig schöne Seite präsentiert: zerfallene Scheunen, heruntergekommene Häuser und ein ehemaliges Schloss, das sich nun « Kulturburg für junge Leute » schimpfen darf und vor Dreck und herumliegendem Müll nur so starrt. Kaum auf der Hauptstraße ange- kommen, erwartet mich allerdings das Dorfidyll mit einem Weiher, auf dem sich drei Jungs im Schlauchboot vergnügen, sauber abgemähten Rasenflächen, einem nagelneuen Bushäuschen mit Strohdach sowie einigen sehr schön hergerichteten Häusern mit bunten Bauerngärtchen davor.

Als mich eine Frau beim Vorbeifahren auch noch auf den Storch aufmerksam macht, der über einem von Kinderhand bunt gemalten Schild « Frische Eier » Wache hält, beschließe ich, hierzubleiben. Eine halbe Stunde später bin  in Frau Hinrichs Bungalow einquartiert. Sie hätte ihn wohl auch lieber an zwei Personen abgegeben, aber ich tröste sie, indem ich gleich bis Montag buche und mir so die weitere Suche fürs Wochenende erspare. Immerhin zahle ich hier nur fünfundwanzig Mark, allerdings hat das Bett eine uralte 3-Keilmatratze und der Schwarz-Weiß- Fernseher ist das Modernste an der Ausstattung. Zum Duschen und auf die Toilette muss ich ins Haupthaus, aber mein Vormieter hat Tee, Zucker und Salz hinterlassen, so dass ich nur wenig fürs Frühstück dazu kaufen muss. Das Angebot, Frühstück für sieben Mark bei Frau Hinrichs ein- zunehmen, habe ich dankend abgelehnt. Sie ist eine rüstige Endsechzigerin, die von einem Augenblick auf den anderen so richtig verschmitzt oder auch sehr streng aussehen kann. Sie heißt Grete und, man glaubt es kaum, ihr verstorbener Mann hieß wirklich Hans!

Wir kommen gleich ins Plaudern und ich erzähle ihr, was für eine Tour ich vorhabe. Sie schlägt vor Bewun- derung die Hände über dem Kopf zusammen und tut gerade so, als ob ich durchs wilde Kurdistan reiten wolle.Von:

Haben Sie denn gar keine Angst, so alleine?  bis

Also seien Sie man bloß vorsichtig! 

gehen die sicher gut gemeinte Ratschläge, denn es passiere doch so viel … Es ist hier genau wie in Frankreich und in Italien: man lädt die eigene Angst auf den Schultern des Anderen ab.

Ich allerdings lade zuerst mal mein Gepäck ab und strample dann leichten Rades zurück ins Dorf, um im dortigen Kramladen, der in der Hochsaison (!) schon um 17 Uhr schließt und am Samstag nur von 8 bis 10 offen ist (!), ein bisschen einzukaufen. An den Geschäftszeiten hat sich also tatsächlich NICHTS geändert. Wieder im Gartenhäuschen angekommen, begegne ich Sohn Hinrichs, Mitte 40, einem Trumm von Manns- bild, der früher Holzfäller war und das auch nicht verleugnen kann. Er hat listig-lustige kleine Schweinsäu- glein und lädt mich für später zum Grillen ein. Ich nehme dankend an, denn ich müsst sonst noch einmal acht Kilometer  hin und zurück ins nächste Dorf fahren, da Stolpe kein Gasthaus aufzuweisen hat.

Auβerdem bin ich ja auch hier, um zu sehen und zu hören, ob und wie sich die Mentalität der Menschen so verändert hat, fünf Jahre nach der ‘Wende’. Vor dem Abendessen mache ich aber noch eine kleine Rundfahrt und bewundere die größten weißen Enten, die ich je zu Gesicht bekam, wie sie sich unter einem wunderschö- nen, vom Rasensprenger  erzeugten Regenbogen ergehen und einander schnatternd mitteilen, dass es auf der mörderischen Bundesstraße heute Nachmittag schon wieder einen Unfall mit Toten gegeben hat. Wes- halb ich auf der Rückfahrt von Staub aufwirbelnden Autokolonnen eingenebelt werde.

Im Garten der Familie Hinrichs gibt es dann sehr feine, mit Bier beträufelte, gegrillte Nürnberger Würstchen und ein riesengroßes Steak – leider nicht mit dem erhofften Salat sondern mit Toast als Beilage. Ich revanchiere mich mit einer Flasche griechischen Weins und wir plaudern angeregt bis in die Dämmerung hinein.

Wo bekommt man ein großes Stück Räucheraal sowie Käse und köstlichen Zitronenkuchen morgens um acht zum Frühstück?

Bei den Schmitz in Ückeritz !

Als Dreingabe darf man unterm Pfirsichbaum tafeln und einen Schnack mit dem Mann,  der die blauesten Augen der Insel hat, halten. Die liebevoll mütterliche Betreuung der rundherum  warmherzigen und lebensklugen Hausherrin gibt es dazu. Das Doppel- zimmer, hier mit Uraltradio, das nur Langwelle und Mittelwelle spielt, hat nur ein Waschbecken, die Toilette ist auf dem Hof aber pieksauber und kein Plumpsklo. Dafür kostet es aber auch MIT Frühstück nur zwanzig Mark und da wir uns auf Anhieb mögen, gebe ich gerne freiwillig 25 und darf dafür im Familienbad duschen.  Wenn man das mit den geforderten fünfunddreiβig Mark vom ersten Tag vergleicht, kann man immer nur wieder sagen: es gibt So’ne und Solche!

Womit wir beim Thema wären, denn so allmählich neigt sich meine Zeit auf der Insel dem Ende zu. Nach fast einer Woche kann ich sagen, dass ich Usedom kenne – bis auf den äußersten Nordwesten, den ich bewusst ausgeklammert habe, weil es da nicht viel zu sehen gibt. Wirklich überall bin ich mit meinem Rad rumge- kraucht, war im Osten an der polnischen Grenze und im Hafen Kaminke, von wo aus mich ein wirklich vorbild- licher Radweg zurück nach Garz und Kutzow brachte und ich laut singend freihändig in die sinkende Sonne fuhr !

Im Westen bin ich den ganzen Lieper Winkel abgefahren, habe in Quilitz eine Art Siedlung von ganz reizenden Strohdachhäusern bewundert, die wie gedeckte Dreiecke auf der Erde stehen und das schon – man höre und staune – seit 1979! «Vorher» dienten sie allerdings den verdienten Werktätigen der großen Betriebe, «nachher» sind sie (natürlich?) für viel Geld in private West-Hände übergegangen.

Ich habe da im Peenestrom gebadet und hinterher führte ich ein sehr instruktives Gespräch mit einer Frau die dort eine rollende Würstchen- bude hat. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz auf die Baubehörde, die ihr seit fünf Jahren die Erlaubnis verweigert, dort ein Restaurant hinzu- stellen. So blödsinnige Sachen wie die Bepflanzung VOR dem Haus mit immergrünen Pflanzen spielen da eine Rolle. Jeder Beamte hat so viel Schiss vor Anpfiff, dass er nun erst recht ‘Dienst nach Vorschrift’ macht, was den Ablauf natürlich ungeheuer verzögert. Sie stimmt mir völlig zu, dass die gastronomische Versorgung der Insel immer noch sehr zu wünschen übrig lässt.

Die großen Seebäder im Norden sind auch da die Ausnahme, denn dort bekommt man von «Für zehn Mark so viel Heringe, wie Sie essen möchten» bis hin zum «Entenbrüstchen an Morchelsauce mit Buttergemüse» für fünfunddreiβig Mark so ziemlich alles. Nur leider keine gestandene, gut gemachte Hausmannskost zu einem vernünftigen Preis. Was sollen mir denn alle diese nullachtfünfzehn Jäger-Steaks und Toast Hawaii sowie Schweinemedaillons massenhaft und Bismarck-, Matjes- oder Brathering ? Ob es Fischsülze oder delikate Ostseescholle ist, gebratener Zander oder Seezunge, Forelle oder Aal: Es scheint sich noch nicht bis hierher herumgesprochen zu haben, dass man auβer oder neben Kartoffeln vielleicht auch mal einen Porree- auflauf, Spinat, grüne Bohnen, Tomaten oder sonst irgendwie originell und gut zubereitetes Gemüse zum Fisch reichen kann.

Nur ein einziges Mal habe ich „Gekochten Aal mit grüner Soße und Gurkensalat“ zum zivilen Preis von neunzehn Mark fünfzig auf einer Karte gesehen (sonst kosten sie überall zwischen dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Mark). In demselben Restaurant gab es außerdem „Königsberger Klopse mit Bohnen- salat“ für vier Mark neunzig,  die ich liebend gerne probiert hätte – aber die waren natürlich auch gleich « aus ». Das ist ja wohl der Beweis, dass ich mit meinem Wunsch nach guter, origineller und preiswerter Küche nicht alleine dastehe. Und wie wäre es denn mal mit einer gefüllten Paprikaschote, einem Kohlrabi- gemüse mit saurer Sahne oder mit gemischten Pilzen auf Reis für Menschen, die weder Fisch noch Fleisch mögen und Nudeln mit Tomatensoße nicht als Inbegriff kulinarischer Freuden verstehen?

Dazu müsste man sich allerdings dann doch vielleicht einmal bei den «überkandidelten, arroganten Scheiß- wessis» (Originalton Dieter H.) umschauen und bereit sein, von ihnen zu lernen! Ich würde das Thema nicht so ausführlich behandeln, wenn ich nicht von meinem Elternhaus her und natürlich aus Frankreich eine gewisse EssKULTUR gewohnt wäre und wenn nicht außerdem diese Insel vom Tourismus und von der Gastronomie weitgehend  lebte.

Hier kann es sich ein Herr Unverschämt tatsächlich noch leisten, für ein Glas (!) Tee, Brötchen mit etwas Aufschnitt aber ohne Saft und ohne Ei, glatte acht Mark fünfzig zu verlangen. Hier kann ein Frollein Muffel es sich noch erlauben, auf meine höfliche Frage, ob sie eventuell noch einen kleinen Tisch für mich auf die Terrasse – auf der noch gut Platz wäre! – stellen könne, mich mit einem «Nein, das geht nicht!»  abzu- schmettern, ohne es überhaupt nur zu versuchen. Hier können es sich auch die Zimmer vermietenden Damen noch leisten, mir zu sagen, es sei ihnen zu anstrengend, Frühstück für die Gäste zu machen. Eine nimmt sogar Gäste erst ab VIER Nächten auf, «weil es sich sonst nicht lohnt»! Frau Schmitz war wirklich die rühmliche Ausnahme.

Mehrmals wird mir geklagt, das Wasser- und Stromgeld sei so entsetzlich hoch, dass sie einfach fünf Mark pro Person und Tag mehr nehmen MÜSSTEN, um wegen der Dusche und der Waschmaschine über die Runden zu kommen. Natürlich kann ich gut verstehen, dass sie sauer sind, wenn der Vetter in Darmstadt nur vier Mark anstatt wie in Usedom fast zehn Mark pro Kubikmeter für Wasser und Abwasser zahlt und dreiundzwanzig Pfennig für die Kilowattstunde Strom anstatt wie hier siebenundzwanzig. Jedoch habe ich mir sagen lassen – und zwar zweimal zur Bestätigung! – dass eine vierköpfige Familie ungefähr achthundert Mark Wassergeld pro Jahr zahlt, das heißt rund fünfzig Pfennig pro Tag und Person. Nehmen wir noch mal so viel für den Strom der Nachttischlampe, den ich pro Nacht verbrauche, dann kommen wir, großzügig gerechnet, auf EINE Mark pro Tag, die «mehr» einzunehmen wäre!

Wieso die Leute, die einerseits nach eigener Aussage das Geld dringend brauchen, um sich auch einmal ein wohlverdientes Extra leisten zu können, es ablehnen, für eine halbe Stunde ein Zimmer zu putzen und ein Bett zu beziehen und so fünfzehn, zwanzig oder auch fünfundzwanzig Mark pro Nacht einzunehmen, ist mir wirklich unverständlich. Wenn man allerdings über tausend Mark in eine Bügelmaschine investiert, wie Frau Petersen, anstatt sich auf nicht zu bügelnde Bettwäsche umzustellen, ist das auch nicht gerade wirtschaftlich gedacht. Und um das Thema Zimmerpreise abzuschließen: Man bekommt sehr wohl noch direkt am Meer, im vornehmen Bansin, in einer kleinen Pension ein Zimmer mit Frühstück für fünfzig Mark. Das soll heißen, dass die Privatleute im Hinter- land, deren Häuser ja zum großen Teil nicht dem heutigen Standard für Gäste entsprechen, sich ihre Preise vielleicht noch einmal überlegen sollten.

Viel geholfen hat mir bei meiner Rundfahrt die Karte «Insel Usedom intim», die den schönen Untertitel trägt: «Was man hier tun und lassen sollte». Sie ist nicht nur sehr hübsch gezeichnet, sondern weist auch auf alle möglichen interessanten Stellen hin. Das geht  von der besonders schönen Badestelle übers Storchennest bis hin zur Kirche, in der abends Konzerte veranstaltet werden.

Mit den Störchen habe ich übrigens Pech:  in Stolpe flog der erste stracks bis nach Ägypten,  als ich am zweiten Tag gerade dabei war, meinen Fotoapparat einzustellen. Die Adebars, die im Thurbruch und im Lieper Winkel rumstaksten, waren zu weit weg für ein gelungenes Foto und das berühmte Paar aus Gothen, über dessen An- und Abflugzeiten sogar penibel Buch geführt wird, machte sich schon am 20. August auf die roten Strümpfe, sodass ich, erst zwei Tage später vor Ort,  wieder das Nachsehen hatte.

Dafür habe ich aber ungefähr sechstausend Schwälbchen zugesehen, wie sie sich zum Abflug versammelten, und zwar ist es die erste Brut, da die zweite gerade erst vor ein paar Wochen geschlüpft ist. Da ich aber so unvorsichtig war, unter einem Baum, den sie « besetzt » hatten, hindurch zu fahren, da schiss mir doch, mit Verlaub gesagt, so ein Tierchen auf den Oberarm. Na sowas ! Wenn es wenigstens noch Geld bringen würde – aber ein Schwalbenschiss macht leider noch kein gefülltes Bankkonto.

So fahre ich denn hügelauf und hügelab von Bonnemin nach Neppermin, von Sukow bis nach Koserow und lasse mir die wunderschönen Kirchen in Mellenthin und in Mönchhow aufschließen, da die Pastoren leider auch hier nicht mehr vor Ort wohnen. Sie kommen nur noch für die Andachten angefahren und so müssen die Kirchen vor Diebstahl und Vandalismus geschützt werden. Deshalb gibt es leider diese unsäglichen Fliegengitter vor den meterhohen Kirchenfenstern, denn so können dieselben nicht mit Steinen zerstört werden.

In Benz allerdings ist ein sehr jugendlich engagierter Pfarrer vor Ort, der «den lieben Gott nicht einsperren will», wie er der Reisegruppe aus dem Ruhrgebiet, die amüsiert lauscht, erklärt. Ich bin zufällig in diese Führung reingerutscht, da ich gerade vorbeikam, und freue mich, die Kirche so fachmännisch erklärt zu bekommen.  Vor allem die von einem Warnemünder Maler wirklich wundervoll gestaltete Kastendecke: jedes in blau, weiß und Gold gehaltene Feld stellt einen von einer Borte umgebenen Stern dar. Und in jedem Feld hat der Künstler ein Detail verändert, um dadurch auf die Vielfalt des Himmelszeltes hinzuweisen.

Das runde Mosaikfenster über dem Altar wurde vom vormaligen Organisten der Gemeinde gespendet und zwar nicht, wie erst die Annahme ging, aus selbstlos christlicher Güte, sondern um sich im Vorhinein die Gunst St. Peters zu sichern, da selbiger Musiker nicht immer ganz nüchtern zum sonntäglichen Orgelspiel angetreten war.

Dieser Pastor wäre ein hervorragender PR-Mann für seine Insel, so liebevoll spricht er von ihr. Wahrscheinlich aber könnte er weder mit dem Wort „promotion“ noch mit dem Job etwas anfangen. Dabei hätte es Usedom dringend nötig, einen guten Werbefachmann zu bekommen, denn die Insel steht völlig im Schatten der großen Schwester Rügen. Leider wird der Herr Pfarrer ans Telefon gerufen, bevor ich mich mit ihm über meine Inselerfahrungen unterhalten kann. Ein Beispiel wären die furchtbaren Vandalen/Glatzköpfe/Neonazis, gegen die die hiesige Polizei leider völlig machtlos ist. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Ordnungshüter Deutschlands gegen vergleichsweise harmlose Punker härter durchgreifen als gegen diese braune Pest.

Etwas sehr Lustiges passiert mir in Lüttenort, vor dem Atelier des Malers Otto Niemeyer- Holstein.  Ich bewundere seinen zwischen «Frauenhaus» und «Herrenhaus» (man bemerke den Unterschied: weder Damen noch Männer!) eingeklemmten, ausrangierten S-Bahnwagen, indem er es fertig gebracht hatte, einen kleinen Olivenbaum zu ziehen. Ganz egal, ob man seine Bilder mag oder nicht, sein Anwesen strahlt viel Originalität und vor allem Offenheit aus – also Künstlertum im besten Sinne des Wortes. Als ich nach der Führung plaudernd mit ein paar Leuten an der Straße stehe, kommt mit ohrenbetäubendem Tatütata die Feuerwehr auf uns zu, bremst scharf ab und einer der Männer fragt uns ganz ernsthaft : »Entschuldigen Sie bitte –  wissen Sie vielleicht wo es hier gebrannt hat ?» Als er unsere konsternierten Gesichter sieht, fährt er schleunigst weiter und wir lachen schallend hinter ihm her. Ich wüsste zu gerne, ob sein Funkgerät ausge- fallen war oder ob er die Rauchzeichen nicht richtig zu deuten wusste.

Danach fahre ich auf die Höft, eine zwischen Loddin und Ückeritz gelegene Halbinsel, von der man wegen der dreiundzwanzig Meter hohen Steilküste einen wunderbaren Blick auf das Achterwasser genießt. Hier gibt es, genau wie am Krebssee, am Usedomer See und im Haff, versteckte kleine Badestellen, die mir erheblich lieber sind als der riesige Sandstrand am Meer. Dort machen Horden von hängebusigen und dickbäuchigen nackten Leuten ernsthaft diskutierend ihren obligaten Strandspaziergang.

Am Abend esse ich auf der Terrasse des Restaurants in Loddin, dem schön- sten Strandort der Insel, um den Sonnenuntergang zu bewundern.  Ein Berliner Ehepaar fragt höflich an, ob es sich zu mir an den Tisch setzen könne. Die beiden freuen sich, als ich bejahe, da sie seit 4 Wochen versuchen, hier mal abends draußen zu essen und es ihnen nie gelingt, weil es immer voll ist. Sie erzählen mir wahre Schauermärchen. Zuerst über ihr Vier-Sterne-Hotel in Ahlbeck, wo sich die Besitzer nicht entblöden, ihnen ZEHN Mark pro Tag für ihr Auto auf dem hoteleigenen (!) Parkplatz abzuknöpfen. Zweitens soll ihrer Rede nach der Bürgermeister von Ahlbeck ein Mann aus dem Westen sein – ich weiß es nicht genau, da ich zu fragen vergaß  – und der soll das Restaurant «Anlegerbrücke» für sage und schreibe läppische fünftausend Mark pro Jahr an einen Amerikaner verpachtet haben und das nun auch gleich noch auf zwanzig Jahre. Da es auf der ganzen Insel keine bessere Lage für ein Restaurant gibt, kann man sich da natürlich nur noch fragen, ob das phänomenale Blödheit oder Absicht ist, der Stadt zu schaden? Kann man es den Einheimischen, die nach der Wende reihen- weise von «denen, die im Westen nichts hatten und nichts waren» über den Tisch gezogen worden sind, verdenken, wenn sie Letzteres unterstellen?

Die Strandpromenade, die sich von Ahlbeck bis hin nach Bansin hinzieht, ist ein Radler- und Fußgänger- paradies. Alle haben ausreichend Platz, Hunde müssen an der Leine geführt werden, Penner und Bettler gibt es kaum (was nach Paris die reine Erholung bedeutet). Sie wird hervorragend von Reinigungskommandos und Gärtnerinnen gepflegt. Ich kann meinem Hobby «Häuser gucken» ausführlich frönen.

Auf dieser Promenade fahre ich bis hin zur polnischen Grenze (wo es noch « wie früher » aussieht mit Stachel-draht und Wachtürmen). Hier ist wirklich alles an Baustilen vertreten, vom «Haus Odin/Wanda/ Germania» in der Art der Kaiserzeit bis hin zu Klinker- bauten und strohgedeckten Fachwerkhäusern. Hübsche einstöckige Bauten mit Säulen im Schlösschen-Stil wechseln sich ab mit Scheußlichkei- ten der 50er Jahre, die auch ein neuer weißer Anstrich nicht vor der Banalität retten kann. Die Namen der meisten Häuser sind ungeheuer einfallsreich: » Haus Seeblick» steht neben «Am Meer» und das «Strandhotel» wird flankiert von der «Promenadenterrasse». Auch die einzige Jugendherberge der Insel steht hier. Sie besteht aus zwei schönen alten Fachwerkhäusern, die aufs Meer hinaus sehen, während der banale Neubau an der lauten Straße zur Stadt hin steht.

Ich schaue mich überall genau um, bevor ich meinen Schlafsaal beziehe. In einem der beiden Altbauten, den zu Betreten verboten ist, wohnt offenbar das Personal hinter riesigen, von Gardinen, blauen Neonröhren und Blumentöpfen vollgestellten Fenstern. Im Neubau ist die Rezeption untergebracht, die dreimal am Tag eine Stunde lang geöffnet ist. Ich als „Seniorin“ darf einundzwanzig Mark fünfzig nebst einer Mark achtzig Kurtaxe berappen und mein Jugendherbergsausweis wird streng kontrolliert!

Das berechtigt mich dann zur Benutzung eines der sehr gut ausgestatteten acht Betten in einem der neuen Schlafsäle. Leider ist der Neubau so hellhörig, dass ich nachts kaum zum Schlafen komme, weil die Jugend- lichen über mir eine rauschende Kissenschlacht veranstalten. Das im Preis inbegriffene Frühstück am nächsten Morgen ist sehr ordentlich, wenn es auch keinen schwarzen Tee, sondern leider nur Kräutertee, Kaffee oder Schokolade gibt, aber Butter, Käse, Wurst und Marmelade, samt zwei Brötchen.

Als ich mir zum Vergleich die Jugendherberge in Zinnowitz anschauen will, die überall ausgeschildert ist, ärgere ich mich nach einer schweißtreibenden Fahrt sehr darüber, dass mein Besuch umsonst ist, denn sie ist auf unbestimmte Zeit wegen Umbaus geschlossen. Es müsste doch wohl eigentlich möglich sein, diese Tatsache auf den Schildern bekanntzugeben?

Für die «Vier Perlen der Ostsee»  war es übrigens ein ungeheurer Glücksfall, dass ihnen nicht das gleiche Schicksal wie Swinemünde im Krieg widerfahren ist. Die Bausubstanz der meisten der hiesigen alten Villen ist offenbar so gut, dass ihnen auch «vierzig Jahre Knast», wie ein Einheimischer es ausdrückte, nichts anhaben konnten. In Heringsdorf ist beispielsweise jedes zweite Haus eine Baustelle und fast alle werden es erst einmal total « ausgehöhlt », dann die ganze « Innerei » neu gemacht und schließlich die schönen alten Fassaden wieder restauriert. Handwerker haben Hochkonjunktur!

In Ückeritz werden beispielsweise bei  der Familie Schmitz an einem Nachmittag sämtliche Fenster des Hauses erneuert und die Männer fahren nach getaner Arbeit sofort danach weiter nach Leipzig, wo ein 80-Fenster-Haus auf sie wartet. Überall wird gebaut und gebuddelt, geteert und gedeckt und das – leider – ab 6 Uhr 30 morgens. Dennoch finde ich es sehr schön, dass so Vieles liebevoll wiederhergestellt anstatt scheußlich neu gebaut wird! Nur die Brücke in Heringsdorf mit der Riesenpassage ist ja doch wohl eine Nummer zu groß ausgefallen.

Bei der nagelneuen Straße, die von Stolpe nach Prerow führt, haben sicher die Bürger von Schilda Pate gestanden: sie ist nämlich so schmal ausgefallen – obwohl genügend Platz da wäre – dass gerade mal ein Auto und ein Rad aneinander vorbeikommen können. Zwei einfache PKWs schon gar nicht und, schlimmer noch, ein Traktor und ein normales Vehikel überhaupt nicht. Das bedeutet in der Praxis, dass jedes der beiden aneinander vorbeifahrenden Autos mit den rechten zwei Reifen in den feinen Sandstreifen NEBEN der neu geteerten Straße fahren muss, was wirbelnde Staubwolken zur Folge hat und beim Fahrradfahrer Husten und Ärger auslöst.

Groβe Freude hingegen haben mir die beiden Buchhändlerinnen gemacht, die sich in Zinnowitz und in Heringsdorf sehr engagiert mit meinen Lektürewünschen auseinandersetzten. Überhaupt sind es auch hier mal wieder die Frauen, die sich in den vielen Gesprächen, die ich führe, weit positiver und zukunftsorientierter als die Männer über die jetzige Situation auslassen. «Wir wollten die Wende, denn so konnte es nicht weitergehen. Jetzt müssen wir auch damit zurechtkommen» ist ihr Tenor, während die Männer eher verbittert von «Zweimal angeschmiert von einem System, das nur für Reiche da ist» reden. Vor allem natürlich, wenn sie arbeitslos sind – wobei sie souverän die Arbeitslosen und neuen Armen im Westen übersehen oder übersehen wollen.

Leider ist nur eine Minderheit der Inselbevölkerung bereit, neue Ideen zu erwägen und auszuprobieren, was mir wiederum nicht recht einleuchten will. Kreativität auf allen Gebieten ist doch gerade jetzt gefragt! Besser als Arbeitslosengeld wäre es doch allemal, sich z.B. mit den vom Bürgermeisteramt bezahlten Frauen zusam- menzusetzen, die kostenlos (!) helfen, Unterlagen für Bewerbungen zusammenzustellen. Man könnte unter anderem darüber nachdenken, was man ergänzend zu schon bestehenden Einrichtungen für die Touristen anbieten könnte. Ich habe mindestens zwei gute Ideen gehabt in diesen acht Tagen und ich wohne nicht hier. Und bin auch keine Geschäftsfrau. Die „Insel intim“ Karte ist jedenfalls ein gutes Beispiel, wie man aus einer banalen Sache, nämlich einer Straßenkarte, einen originellen Service entwickeln kann.

Im InterRegio, der mich wieder nach Berlin bringt, zusammen mit den ersten Regentropfen seit acht Wochen, denke ich mit Wehmut an das Klo auf dem Hof der Familie Schmitz. Wenn ich nämlich nicht abends um elf Uhr noch einmal raus gemusst hätte, hätte ich nie den schönsten aller Sternenhimmel mit Milchstraße und Raumstationen gesehen. Er schien so nahe zu sein wie eine dieser riesigen „Feuerwerksblumen“, die immer auf einen runterzufallen scheinen, wenn man genau drunter steht. Ich stand, schaute und staunte, bis mir das Genick weh tat. Aber soviel ich auch guckte, ich sah weder den geliebten Kometen aus „Peterchens Mondfahrt“ noch den fallenden Stern, den man aufheben und in der Tasche für einen Regentag aufbewahren soll…

Und deshalb komm‘
                                        ich doch noch mal
nach Usedom!

                                  

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