1994 – Leipzig, Dresden und die Sächsische Schweiz per Rad

Nachdem wir hunderte von Kilometern im Wohnmobil zurückgelegt haben (von Saarbrücken bis nach Budapest und zurück), wollen wir unsere Reise durch das östliche Europa ganz anders beenden, nämlich radelnd durch die Sächsische Schweiz. Wir treffen heute Morgen blitzschnell die Entscheidung, das Auto von Mireille bei Cousine Regina in Meerbusch zu lassen und den nächsten Zug nach Dresden zu nehmen.

Mi ist entzückt vom InterRegio und kann sich gar nicht satt sehen an dessen rosa-grauer Ausstattung, dem Bordbistro mit frischem Bier vom Fass, mit Telefon und sogar Telefonkartenverkauf. Leider nützt mir der wenig, denn es gelingt mir nicht, eine Unterkunft zu reservieren. Daher beschließen wir, vorsichtig zu sein und die Reise in Leipzig zu unterbrechen. Die Preise dort sind jedoch gesalzen! Unter Hundertzwanzig Mark ist nichts zu machen und wir sind bitter enttäuscht, denn das übersteigt bei weitem unsere Verhältnisse. In nur vier Jahren haben die Preise sich in der Ex-DDR bzw. in Leipzig vervierfacht!

Glücklicherweise gibt es eine Bahnhofsmission und dort dürfen wir für nur fünfundzwanzig Mark pro Nase unsere nagelneuen Satteltaschen hintragen. Eine ältere Frau in Rot-Kreuz-Tracht empfängt uns freundlich und will  kaum glauben, dass wir aus Paris kommen. Wir bekommen ein sehr ordentliches Dreibettzimmer für uns alleine und machen uns fertig für einen Bummel durch die Innenstadt.

Unser guter Stern hat heute leider Ausgang, denn in der berühmten Thomaskirche wird ein Orgelkonzert geprobt und wir müssen draußen bleiben. Verflixt ! Na, wenigstens können wir das alte Rathaus bewundern und wenden uns dann dem berühmten Lokal « Auerbachs Keller » zu, gehen gespannt die mit Bronzestatuen gespickte Treppe hinunter und entdecken einen prächtigen Saal.                                  

Wunderschöne Wandbilder erinnern an den « Faust », denn hier ließ  Goethe sich zu einer Szene seines Werkes inspirieren. In dem Raum mit Rundbögen und Kugelleuchten herrscht wohltuende Ruhe. Wir essen unsere geliebten Pfifferlinge in Rahmsoße nebst dem berühmten « Leipziger Allerlei », lassen es aber bei einem Bier bewenden, denn das billigste Glas Wein kostet stolze acht Mark. Der sehr distinguierte Kellner erklärt uns dazu, dass aus dem wunderbaren Brunnen, der neben der Theke steht, zu besonderen Anlässen richtiger Wein flösse und zwar sogar aus den verschiedenen Hähnen  verschiedene Weinsorten!

Bitteschön, das kleine Frühstück für die kleine Dame und das große Frühstück für die große Dame !

Mit diesen launigen Worten stellt uns der nette Ober am nächsten Morgen im Bahnhof das ausgezeichnete Mahl hin. Nachdem ich in der Toilette der Bahnhofsmission eine « Spende » von dreiβig Pfennig hinterlegen darf, erwischen wir noch den 8.07 Zug nach Dresden und schon geht unser Abenteuer weiter. Wie schön ! Die Zeit existiert nicht mehr, was kostet die Welt?

Wir fahren mit der S-Bahn weiter nach Pirna, und weil uns die Räder der Deutschen Bahn mit zehn Mark pro Tag zu teuer sind, probieren wir es in der Stadt. Wir finden zwei schöne Drahtesel für vier Mark, das heißt wir haben mehr als 50% gespart! Stolzgeschwellt radeln wir zum Reisebüro, wo wir leider erfahren, dass es schlecht aussieht mit Zimmern. Nun, wir werden ja sehen. Erst einmal stehen wir stocksauer im Mittagsver- kehr der Stadt, bis wir eine wunderschöne Straße direkt an der Elbe entlang entdecken. Allerdings ist sie leider mit Kopfsteinpflaster versehen, was auf dem Rad nicht unbedingt angenehm ist. Es wird heiß und heißer und wir erfrischen uns im Schatten eines riesengroßen Camel-Schirmes an einem Glas kalten Sprudels. Von der Frau, die es uns kredenzt, erfahren wir, dass drei Kilometer weiter in der Stadt Wehlen ein Freibad existiert. Heissa, da radelt man doch doppelt so schnell!

Allerdings machen  wir lange Gesichter ob der fünf Mark Eintritt – das ist ja teurer als in Saint Maur! Aber das Bad tut uns gut und so erfrischt geht es weiter bis nach Oberrathen, um uns nach einer Herberge umzusehen. Überall finden wir leider nur « Belegt »-Schilder. Also nehmen wir die Fähre über die Elbe hin nach Rathen. Es ist ein höchst malerisches Städtchen, hat aber nur eine einzige steile Straße. Kein Auto, kein Bus, nur Lieferanten dürfen hier fahren. Mi mokiert sich mal wieder über die merkwürdigen Öffnungszeiten der Post – die sehr (zu!) oft geschlossen ist. Da sieht man eben doch noch den Unterschied zwischen Ost und West.

Wählerisch können wir heute nicht sein — und müssen mit einem Gartenhäuschen nebst einmalig stinkendem Klo sowie heulender Hündin im Garten vorlieb nehmen! Gegen 8 Uhr abends wird es richtig schön kühl. Gerne ziehen wir nach der Hitze des Tages ein Jäckchen über und gehen dann essen mit einem wunderbaren Blick auf die « Bastei », auf die wir es am andern Morgen abgesehen haben, allerdings zu Fuß. Der Weg dort hinauf ist sehr angenehm schattig und gesäumt von den höchsten Buchen, die ich je gesehen habe. Nach nur vierzig Minuten stehen wir oben. Der Blick hinunter ist umwerfend und es hat sich gelohnt, über die Südseite herauf gekommen zu sein, denn von hier aus hat man eine fantastische Aussicht. Kein Wunder, dass dieser Platz zu einem der schönsten Europas gehört!

Über die Nordseite geht es wieder hinunter. Dann packen wir unsere Badesachen und fahren ins liebliche Polenztal,  wo wir nach einigem Suchen ein kleines Paradies für uns ganz alleine finden, nämlich einen Stausee mit schönen weichen Steinen, die nicht rutschen. Wohltat des Ausruhens!

Getreu meinem Motto « niemals den gleichen Weg zurück nehmen, wenn man es vermeiden kann », beschließen wir nach ein paar Stunden, uns noch etwas von der Gegend anzusehen und über Hohenstein zurückzufahren. Ein wunderschöner flacher Weg am Flüsschen entlang bringt uns bis auf zwei Kilometer an die Burg heran. Durch einen Trick, nämlich die Räder an einen Baum zu binden und per Anhalter weiter zu fahren, kommen wir auch ohne Schweiß dort oben an. Es ist eine herrliche Burg, die zu einer Jugend- herberge umfunktioniert wurde. Hier haben mal Könige und Prinzen gelebt! Mimi und ich stellen fest, dass, wenn wir damals zur Welt gekommen wären, wir dem Volk angehört hätten  und dementsprechend ärmlich dran gewesen wären. Heute könnten wir in diesem Schloss für wenig Geld wohnen Es lebe unser Jahrhundert!

Zwei nette Damen fahren uns hinunter zu unseren Rädern, warnen uns aber davor, dass es nun bis Waltersdorf nur bergauf gehe. « Wer sein Rad liebt, der schiebt » – also lieben wir die unseren innig und prusten die schweißtreibenden drei Kilometer hinauf. Mineralwasser und Duschen sind unsere vorletzten Wünsche für heute! Der letzte ist eine « Forelle Blau » nebst einem 92er Oppenheimer Krötenbrunnen. Der Kellner kommt mit einem 91er, und als ich ihn etwas verwundert nach dem Grund frage und auf die Speise- karte hinweise fragt er ganz unschuldig: „ Ja, macht das denn was aus??“  Und dass ein gut gekühlter Weißwein besser schmeckt als ein lauwarmer, ist ihm auch noch nicht klar. Seufz!

Am nächsten Morgen ziehen wir erst mal zwei Straßen weiter in ein viel besseres Zimmer und dann radeln wir am Ufer der Elbe bis nach Königstein. Der Weg liegt zwar schön im Schatten, hat aber viele Steine und Stufen, über die wir unsere Räder tragen müssen. Auf der Sparkasse in Königstein gibt es einen ganz modernen Geldautomaten für Kreditkarten. Dieser akzeptiert aber nur die EC-Karten, obwohl « Visa-Card » deutlich draufsteht! Wenn man dann aber mal eine Bemerkung macht, kommt immer derselbe Satz:

 So weit sind wir hier noch nicht.

Aber ihre Preise für die Hotelzimmer, die sind genauso weit wie die im Westen! Das Dumme ist, dass es wirklich Leute aus dem Westen gibt, die sehr blöde Bemerkungen machen. (Leider muss ich zugeben, dass ich kein konkretes Beispiel habe, weil ich niemanden dabei überraschen konnte…) Die Einheimischen, die ihre Heimat inniglich lieben, sind natürlich sauer darüber. Ich bemühe mich sofort, bei jedem Gesprächsanfang zu sagen, dass ich ja eigentlich eine Pariserin bin – aber das Misstrauen bleibt.

Ein Bimmelzüglein bringt uns mitsamt unseren leckeren Eiswaffeln auf den Berg und wir genießen, dreihundertundsechzig Meter über dem Meeresspiegel, die umwerfend schöne Aussicht vom „Königstein“ auf den gegenüberliegenden Tafelberg „Lilienstein“.

Über den « Patrouillenweg »  laufen wir hinunter zum Fluss, schnappen uns unsere Räder und auf geht’s ins Freibad Gohrisch, das nur drei Kilometer entfernt ist. Allerdings drei Kilometer weiter oben! Mutig schieben wir unsere Räder hinauf und werden vom  frischen Wasser reichlich belohnt. Unterwegs halten wir, um fürs Picknick einzukaufen und stellen fest, dass die Geschäfte hier wirklich sehr merkwürdige Öffnungszeiten haben, zum Beispiel am Samstag nur von 9 Uhr bis 10 Uhr. Uns wird gesagt, dass die Leute sich eben danach richten. Merkwürdig, dass der Kunde sich nach dem Laden richten muss und nicht umgekehrt. Das Wort « Dienstleistung » ist hier offenbar noch nicht wirklich importiert worden.

Heute Abend werden wir uns in der Felsenbühne den berühmten « Freischütz » meiner Kindertage ansehen. Um 18 Uhr packen wir unsere Ausrüstung zusammen: Badetücher, die die nicht vorhandenen Kissen auf den harten Holzbänken ersetzen müssen, auβerdem  Pullis und Anoraks, denn abends wird es da oben kühl. Die « Felsenbühne » hat stolze 2200 Plätze und die Oper ist so berühmt, dass die Leute aus Leipzig und Dresden per Bus, Bahn und Auto herbeiströmen. Wir empören uns darüber, dass die Fähre zurück nach der Vorstellung doppelt so viel kostet wie die der Hinfahrt, nur weil es nach 22 Uhr ist. Mi regt sich sehr darüber auf und sagt, dass die Leute, die auf der anderen Elbeseite wohnen, doch gar keine andere Wahl haben. Tja…

Ich bin bass erstaunt darüber, vor der Vorstellung im Restaurant geschlagene vierzig Minuten auf mein Hühnchen warten zu müssen. Die Kellner sind total überfordert und sollten doch eigentlich an die Menschenmassen an den Opernabenden gewöhnt sein. Was hier an Eis, Würstchen, Süßigkeiten und Bier verdrückt wird, ist geradezu unheimlich! Wir haben den Eindruck, dass die Leute seit ‚der Wende‘ nichts gegessen haben und sich vorm Verhungern fürchten. Mich erstaunt es doch sehr, dass in einen  – wenn auch offenen – Theatersaal haufenweise Bierflaschen mitgenommen werden.

Die Bühne ist riesengroß, die Felsen dahinter steigen fast hundert Meter steil an – und alle Vögel haben Eintritt frei.

Zuerst sind wir von der Stimmung beeindruckt, aber je mehr das Stück fortschreitet, desto größer wird unsere Enttäuschung: die Musik ist zu leise und die Inszenierung leider null, vor allem wenn man bedenkt, was man mit dem natürlichen Dekor hätte anfangen können! Die Frauenstimmen sind gut, aber ausge- rechnet die Hauptfigur Max enttäuscht sowohl von der Stimme als auch vom Spiel her. Glücklicherweise sind die Chöre gut.

Der Gag des Abends ist folgender : Obwohl per Lautsprecher angesagt wurde, dass die Aufführung zweieinhalb Stunden ohne Pause dauern werde, muss nach einer Stunde unterbrochen werden, weil die Glühbirne über dem Dirigentenpult leider ausgebrannt ist! Kurz vor Ende stehen vorne vier Leute auf, um gebückt zur Fähre zu laufen – nur um dort die Ersten zu sein. Alle Reihen, die das beobachtet haben, lachen amüsiert, aber wir sind wirklich schockiert: Wie kann man den Künstlern gegenüber nur so unhöflich sein! Ich schäme mich für meine Landsleute. Über den einzigen engen Weg geht die Prozession wieder hinunter, und während wir uns auf « unserer » Seite ein Glas Wein gönnen, haben wir Mitleid mit der Menschenschlange, die auf die Fähre warten muss.

Sonntagmorgen ist es zum ersten Mal trüb. Wir radeln auf einem sehr engen, mit Brennesseln bewachsenen Weg, auf dem mir mehr als einmal mulmig wird, denn wenn das eine Sackgasse sein sollte, kriege ich Ärger mit Mi. Der Himmel bezieht sich mehr und mehr. Es wird ein Gewitter geben und wir strampeln, was die Beine hergeben. Die Straße ist jetzt ausgesprochen unfreundlich: links hohe Felsen, rechts das Flüsschen Kirwitz und dahinter nochmals Felsen. Noch müssen wir das Kopfsteinpflaster mit der Straßenbahn teilen. Sie soll zwar erst in 20 Minuten kommen und so fahren wir zwischen den Schienen, aber es ist ein unangenehmes Gefühl. Wir müssen nämlich auch auf die Autos links aufpassen und auf die Bahn, die von hinten kommen wird. Sie kommt natürlich auch und mit ihr der Regen! Schnell machen wir eine Picknickpause unter einem Regendach und nach einer Stunde fahren wir weiter nach Hinterhermsdorf, im östlichsten Teil der Sächsischen Schweiz.

Leider geht es nur bergauf. Wir schieben, so will es uns scheinen, stundenlang und nur ein paar Himbeeren am Straßenrand können uns ein Lächeln abringen. Im Dorfe finden wir nach ein paar vergeblichen Versuchen ein Schild « Zimmer zu vermieten » und Frau Groh empfängt uns freundlich. Für fünfzig Mark bekommen wir ein schönes Zimmer mit Dusche, Toilette und Frühstück. Ich mache eine kleine Siesta, während Mi im Garten Tagebuch führt. Der Garten ist üppig und mit Liebe bepflanzt. Frau Groh führt uns stolz hindurch und schenkt uns vier leckere Tomaten aus ihrem Treibhaus. Wir bewundern ihre hängenden Gurken. Die Petersilie steht so hoch wie nie und wir gehen nur noch gebückt durch ihren Garten – derartig viele verschiedene Blumen gilt es zu entdecken. Ich frage sie Löcher in den Bauch, um für unseren Garten im nächsten Sommer davon zu profitieren.

Frau Groh rät uns, ins Heimatmuseum zu gehen, man erkenne es an den von ihr angepflanzten Blumen. Also gehen wir zu « Fräulein » Radtke, die gerade einer Familie Einiges über die Möbel und Gegenstände des Museums erklärt. Ich erkenne Sachen aus meiner Kindheit wieder, die Wärmeflaschen aus Metall zum Beispiel.

Wir hoffen, nun endlich auch auf dieser Reise mit einer Einheimischen wirklich ins Gespräch zu kommen, wenn diese auch weder ihren Lehrerinnenberuf noch ihr « Alte- Jungfer-Sein » verleugnen kann. Tatsächlich, sobald wir drei alleine sind, antwortet sie auf unsere Fragen. Sie bestreitet zwar glatt die Tatsache, der Partei angehört zu haben, für uns ist das jedoch eindeutig. Ehemalige Lehrerin in Geschichte und Russisch, drückt sie sofort ihre bittere Enttäuschung über die Wende und die sich daraus ergebenden Ereignisse aus. Sie finde überhaupt nichts Positives an der neuen Lage. Seit dem Mauerfall war sie wohl in Spanien, Holland und auf Mallorca, aber nicht « im westlichen Teil »  ihres eigenen Landes!

Sie ist intelligent genug, um zu analysieren, warum das ganze System zur Niederlage kam und zwar in ALLEN kommunistischen Ländern. Trotzdem beharrt sie bockig darauf, dass der Kommunismus als wirtschaftliches System existieren kann. « Die Menschen denken jetzt nur noch an sich und nicht mehr an die Gemeinschaft » sagt sie. Als ob es auch vorher nicht schon egoistische und solidarische Menschen gegeben hätte! Unser Gespräch dauert anderthalb Stunden und ist höchst interessant, wenn auch unbefriedigend für uns.

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück Frau Groh davon erzählen, ergibt sich allerdings ein völlig anderes Bild. « Fräulein » Radtke war früher nicht nur Lehrerin, sondern auch Dolmetscherin, wann immer « der große Bruder » (also die Russen) eine brauchte. Deshalb war sie natürlich in der Partei. Jetzt ist sie im Ruhestand und wird von der Gemeinde nicht nur umsonst logiert sondern auch dafür bezahlt, dass sie sich um das Museum kümmert. Was sie ohne großen Enthusiasmus tut, soweit es sich um’s Saubermachen dreht. Sie macht auch nie bei den Festen oder anderen Aktivitäten der Gemeinde mit.

Frau Groh erzählt uns stolz: « Wir haben jetzt wieder Sportvereine und veranstalten jedes Jahr eine Kirmes, wir bauen einen Kindergarten und einen kleinen Verkehrsverein, unser Freibad ist gratis für Jedermann, wir gehen rundum zu den Geburtstagen und mein Mann muss zu seinem Leidwesen mit allen Witwen des Dorfes tanzen.» Sie strahlt richtig, als sie uns alle seit 1990 eingetretenen positiven Veränderungen aufzählt: es stimmt, drei Betriebe mussten schließen, aber sie wurden relativ schnell wieder neu eröffnet, weil sie anstatt Socken für Gummistiefel, die keiner mehr will,  nun Container fabrizieren und für die besteht Bedarf.

Ja, ihr Mann ist der Bürgermeister und sie findet, dass es ihnen seit der Wende viel besser geht. Ihre drei Kinder, alle zwischen 30 und 40,  haben sich durchgekämpft und es geschafft. Da die Familie « den Bonbon nicht trug », das heißt nicht in der Partei war, weil sie christlich eingestellt ist, hatte sie regelmäßig Ärger mit der Partei. Einer ihrer Söhne ist 1987 ganz legal ausgewandert und fast drei Jahre lang konnte sich die Familie nur noch in der Tschechoslowakei treffen. Ja, und nun ist er wieder da und arbeitet in Dresden. Sie ist sehr stolz auf ihre Kinder und wieder einmal sage ich mir, dass es immer und überall Menschen gibt, die nur jammern und andere, die was tun!

Auf die Frage, wen ihrer Meinung nach die Leute als nächsten Kanzler wählen werden, antwortet Frau Groh:  » Kohl bestimmt oder vielleicht die PDS ».  Also die ehemalige KPD ?? Es ist schon sehr merkwürdig: die Einen halten immer noch zu Kohl trotz aller Enttäuschung und die Anderen wollen zurück zu einem System, dass sie 40 Jahre lang gegängelt hat. Frau Groh ist sanft, freundlich und fühlt sich wohl in ihrer Haut. Wie schön, solche Menschen zu treffen ! Sie denkt längst nicht nur an sich, führt ein geselliges Leben und macht viel freiwillig für die Gemeinde und ihre Nachbarn.

Es stimmt überhaupt nicht, dass dieser Zusammenhalt verschwunden ist, Gott sei Dank!

sagt sie uns zum Abschied.

Wir radeln über dieselbe Straße wie gestern zurück, aber heute scheint die Sonne und da ist alles anders. In Rekordzeit erreichen wir Bad Schandau,  wo wir endlich Geld abheben können, und dann geht es hurtig weiter bis zur Staatsgrenze zur Tschechoslowakei. Es ist ein komisches Gefühl, diesmal auf Rädern, nur zwei Stunden von Prag entfernt zu sein, wo wir noch vor ein paar Wochen mit dem Wohnmobil waren.

Ein Straßenabschnitt ist hier so neu, dass wir das Gefühl haben, er sei gerade erst und nur für uns fertigge- stellt worden – was wir besonders aufmerksam finden! Es ist wieder heiß. Wir machen eine Pause an einer Bude und kaufen uns Sprudel. Der Verkäufer mit riesigem Bierbauch fängt ein vierzig Minuten dauerndes und hochinteressantes Gespräch mit uns an und wir sind wieder ganz Ohr: Trotz der steigenden Arbeitslosigkeit ist er sehr zufrieden. Sein Sohn hat keine Stelle gefunden als Lehrer, weil die Klassen statt mit vierzehn bis fünfzehn Schülern wie zur DDR-Zeit nun wie bei uns mit dreiβig bis fünfunddreiβig Schülern gefüllt werden, weshalb der Bedarf an Lehrkräften sinkt. Er stellt sich Fragen: Warum kann der Mensch nie nur das Gute eines politischen Systems behalten? Warum konnte der « Vorteil des Kommunismus » nicht weiter existieren? Er glaubt auch, dass Kohl wiedergewählt werden wird. Der Mann spricht ganz offen und ist sehr positiv eingestellt trotz aller Schwierigkeiten. Die Kriminalität ist zwar gestiegen, doch nicht allzu sehr in dieser Gegend – wegen der Grenzpolizei!

Bei diesem Gespräch stellt sich auch heraus, wie sehr sich die Einheimischen von der wachsenden Gruppe der Neonazis betroffen fühlen. Es scheint bei diesen Jungen eine Art verzweifelter Reaktion zu sein, weil ihnen auf einmal von staatlicher Seite her keine Grenzen mehr gesetzt werden. Da die meistens von ihnen aus „kleinen Verhältnissen“ stammen, werden ihnen erziehungsmäßig leider ebenfalls keine Grenzen mehr gesetzt – und so kommt eins zum andern.

Mit der Bahn fahren wir nach Wehlen zurück und lassen im Freibad diese Gespräche in uns nachklingen. Gegen 17 Uhr machen wir uns zur Zimmersuche auf und haben diesmal Pech. Überall wird uns gesagt: « Für eine Nacht lohnt es sich nicht ». Wir sollen sogar einen Zuschlag bezahlen. Wir sind empört. Haben die unser Geld schon nicht mehr nötig? Für einmal Bettwäsche in die Maschine schieben? Welch ein Unterschied zur letzten Reise! Dickköpfig bleiben wir unseren Grundsätzen treu und radeln weiter. Erst um halb acht sind wir in Pirna und landen nach einigen Umwegen bei Frau Jansen. Eigentlich wollte sie eine Woche lang nieman-den aufnehmen, da sie selber Privatbesuch hat. Für uns macht sie aber eine Ausnahme (immerhin ja für hundert Mark für zwei Nächte). Wir bekommen also ein schönes Zimmer.

Der Kellner im Restaurant nebenan ist reizend, rät uns zu einem guten Wein und erklärt uns sogar einen schönen Weg an der Elbe entlang über Pillnitz nach Dresden. Wegen des drohenden Regens lassen wir die Räder am nächsten Morgen aber stehen und fahren mit der Bahn nach Dresden. Dort bewundern wir die große Freske auf der Mauer sowie die historischen Herrscher und ihre Spitznamen, die je nach Tugend aufgezählt werden: Friedrich der Großmütige, Karl der Sanfte, August der Starke … Was wird man wohl von Kohl und Honecker dazu schreiben?

Die Fassaden der alten schönen Gebäude sehen noch sehr verruβt aus, und bis der Zwinger und alle anderen wieder restauriert sind, wird wohl noch viel Zeit vergehen.

Mittags ist es wieder sehr heiß und wir genießen die Fahrt auf der Elbe in Richtung Pillnitz, obwohl die Elbe viel Wasser verloren hat und leider stinkt. Wir bewundern im Vorbeifahren die schönen Schlösser und Villen sowie das « blaue Wunder », das heißt die erste große Brücke, die nach dem Krieg über die Elbe gebaut wurde. Eine schöne Fahrt, so beruhigend.

In Pillnitz spazieren wir durch den Schlosspark und stellen uns die Frage, wie wir nach Pirna zurückfahren. Trampen ? Jein… Ich versuche es, aber trotz meiner nagelneuen Dresdener Schuhe und meinen braun gebrannten Waden klappt es nicht. Ich bin sehr beleidigt, aber Mi ist ja sowieso dagegen. Also nehmen wir eine halbe Stunde später den letzten Bus und freuen uns, so einen netten, ja fast liebevollen Fahrer zu treffen. Wir sind nur drei Fahrgäste

Anstatt hundert vor der Wende – jetzt haben sich alle Leute ein Auto gekauft und kennen nun endlich das große Glück, im Stau zu stecken

merkt Herr Krause sehr ironisch an. Der Mann kennt alle Leute auf seiner Strecke und winkt andauernd Bekannten zu. Er schwatzt (trotz des Schildes « Bitte nicht mit dem Fahrer während der Fahrt sprechen ») mit uns wie mit alten Freunden und zeigt uns in Birkwitz eine Gärtnerei, zu der wir mit einem schönen Gruß von ihm gehen sollen, um den « besten Rasen, den es gibt » zu bekommen.

Leider ist er, der noch sieben Jahre bis zu seiner Pensionierung arbeiten muss, „da oben“ nicht gut gesehen,  weil nämlich die Kader DIESELBEN wie vor der Wende sind! Da Herr Krause seine Kritik an der SED ganz offen während seines Dienstes anbrachte, ist es schon ein kleines Wunder, dass ihm nichts Schlimmeres passiert ist. Als wir aussteigen, gibt er uns die Hand und sagt uns etwas Einmaliges: „Bleibt gesund.“

Auf Wiedersehen, lieber Sachse, wir werden Sie nie vergessen!

WAS BLEIBT: die Gespräche und die wunderschöne Bastei.

Beitrag erstellt 42

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben