1993 – Radtour von Passau nach Wien

Oh weh, alles grau in grau draußen! Und das Ende Juli!! Ich hatte gehofft, das morgendliche Gewitter würde die Luft reinigen. Schnell schicke ich ein Stoßgebet zu den Radler-Schutzengeln, um ein Einsehen bittend, denn Mireille und ich wollen morgen zu unserer großen zehntägigen Radtour aufbrechen. Freund Rudolf und ich haben sie heute Mittag in München vom Pariser Zug abgeholt. Sie sieht erschreckend blass aus und erzählt, dass es in der Bretagne genau wie in Paris und in München die ganze Zeit nur geregnet hat. Außerdem hat sie in Saint Malo wegen der Kälte und wegen ihrer Eltern viel zu viel essen müssen. Die verschiedenen Lebensrhythmen von Eltern und « Kindern » auf einen Nenner zu bringen, wird in unserem Alter immer schwieriger. Aber in ein paar Tagen an der frischen Luft wird sie schon anders ausschauen und zu essen braucht sie ab sofort nur noch, wann sie will!

Auf der Autofahrt zum Wallfahrtsort Altötting versucht Rudolf mit vielen Rat- und Vorschlägen, uns von un- serer Radtour abzubringen. Des Wetters wegen sollen wir lieber ein Auto mieten. Das wird von uns empört abgelehnt! In Altötting angekommen – halleluja! – finden wir eine sehr nette Frau, die Räder für nur fünf Mark den Tag verleiht. Sie ist auch gerne bereit, uns die Räder zu reservieren und darauf zu warten, ob wir sie heute Nachmittag (falls es aufklart) oder erst morgen früh nehmen. Nach einer Art Slapstickkomödie im Rathaus, wo wir vergeblich den vor unserer Nase gelegenen Verkehrsverein suchen – was keiner der anwesenden Wartenden uns sagen kann! -, können wir unsere schweren Rucksäcke dort lassen und brechen bei strömendem Regen zur Stadtbesichtigung auf.

Da ich seit kurzem eine Sammlung von kleinen Engeln angefangen habe, beginnt nun eine witzige Jagd nach dem kleinsten und kitschigsten oder auch originellsten Engel. Ich schieße den Vogel ab mit einem goldenen Engel, der von ebenfalls goldenem Schnee (!) berieselt wird, während er Cello spielt. Auch Mimis Jeans-Engel, der einen Autoreifen in der Hand hält und einen Zettel, auf dem steht: « Fahr nicht schneller, als ich fliegen kann! », ist sehr originell. Süß ist auch der kleine Schwarze, dem ein Flügelchen fehlt. Ich freue mich, so fündig geworden zu sein – das ist in Paris natürlich schwieriger als im gläubigen Bayern.

Nachdem wir uns von unseren Begleiter verabschiedet haben, zollen wir dem eindrucksvollen „Panorama“ (einem tausendzweihundert Quadratmeter großen Rundbildnis von Jerusalem) den ihm zustehenden Tribut. Danach gehen wir auf mein Drängen um vierzehn Uhr auch noch in den sogenannten « Marienfilm », um nun wirklich auch ALLES  getan zu haben, was ‘man’ in Altötting eben so tut. Und wirklich, es funktioniert. Der Himmel hat ein Einsehen und reißt auf. Hurra !

Eine halbe Stunde später radeln wir schon in Richtung Braunau. Die Radler-Leih-Frau ist reizend und will nicht einmal eine Anzahlung – ich muss ihr meinen Ausweis regelrecht aufdrängen. Die Sättel werden von einem Angestellten eingestellt, wir bekommen eine « Reparaturbombe » und zwei Körbchen mit Spannern für unsere Rucksäcke – und dann geht‘s los!

Drei Stunden später sind wir schon in Kirchdorf, ziemlich erschöpft und etwas böse. Wir haben uns nämlich zweimal verfahren, weil unsere Karte nur teilweise stimmt. Offenbar bauen die hier schneller Straßen, als sie Karten drucken! Gott sei Dank finden wir gleich im zweiten Gasthaus, in dem wir fragen, Unterkunft. Die Abendsonne ist herausgekommen und wir sinken erleichtert nacheinander in ein entspannendes Schaumbad, genießen den Farbfernseher, ein großes Selters und eine jede beim Abendessen ihr Buch. Auch das ist Freundschaft.

Am nächsten Morgen erleben wir den schnellsten Grenzübergang unseres Lebens! Nachdem wir den Inn  überquert haben, radeln wir genüsslich an einer Schlange Riesenlaster vorbei, die alle auf ihre Papiere warten müssen und weder die deutschen noch die österreichischen Beamten haben Zeit, uns zu kontrollieren. In Braunau angekommen plündere ich mein Konto der dortigen Bank und weiter geht es auf dem Radler-Weitwanderweg längs des Inns. Wir atmen auf. Bisher hatten wir nämlich viel zu viel Lärm und Abgase mitbekommen, doch ab jetzt soll uns nur noch Vogelgezwitscher begleiten und natürlich der Fluss, der hier schon fast ein Strom ist. Das Wasser steht der vielen Regenfälle wegen sehr hoch und sieht ausgesprochen uneinladend trüb-braun aus. Lustig sind die vielen weiβen Wasservögel, die wir beim mittäglichen Picknick beobachten: sie lassen sich einfach treiben wie die Fettaugen auf einer Bouillon.

Der Weg ist oft sandig und daher beschwerlich, weil wir ja jede auf dem Rad – wenn wir es bergauf schieben müssen – noch dreizehn Kilo Gepäck haben, die sich dann höchst unliebsam bemerkbar machen. Vom Wetter her bleibt es den ganzen Tag über bewölkt und schwül, aber mit kühlem Wind, was uns zu andau- erndem An-und Ausziehen zwingt. Am späten Nachmittag klärt es endlich auf und ab Schärding  wird der Weg wunderschön mit Blick auf die imposante Burg Weinstein bei strahlendem Sonnenschein. Schärding, in unserem Führer hochgelobt, empfinden wir beide übrigens ähnlich wie Mühldorf, Braunau oder Kirchdorf : EIN imposanter Platz mit fast zu schön bemalten Häusern – der Rest ist leider von erschreckender Banalität.                       

Da ist Passau doch ganz etwas Anderes. Nicht nur der Veste Oberhaus wegen oder des unter Hochwasser stehenden Dreiflussecks, sondern weil man auch von der Stadt aus überall Ausblicke auf die reizvoll grünen Hügel der Umgebung hat. Wir sind irrsinnig stolz auf unsere heute geradelten siebzig (!) Kilometer – aber auch dementsprechend müde, und sehr dankbar, ein preiswertes Doppelzimmer für fünfundfünfzig Mark, inklusive Frühstück, in der ruhigen Altstadt zu bekommen.

Bis wir geduscht und uns etwas ausgeruht haben, ist die fatale Uhrzeit von halb sieben erreicht. Einmal mehr ärgere ich mich völlig unnützerweise (denn ich könnte es ja nun eigentlich wissen!) über die absurden Geschäftszeiten in unserem Land. Nur die Eisdielen sind quasi rund um die Uhr offen – aber wir brauchen ein Geschäft, in dem wir eine gute Radwanderkarte für das Mühlenviertel finden  können.

Am Bahnhof, wo wir freundlich Auskunft bekommen, setzen wir uns hin und halten Kriegsrat. Es gibt keine Züge von Passau aus ins Mühlviertel, nur Busse. Und die nehmen keine Räder mit. Aber man kann mit der Bahn bis nach Linz fahren und versuchen, von dort aus weiter zu kommen. Mit dem Schiff ginge es auch, allerdings ist das teuer und zeitraubend. Also setzen wir für den nächsten Morgen Ausschlafen und Stadt- bummel an. Dann wollen wir um dreizehn  Uhr mit dem Zug weiterfahren nach Linz. Wir suchen uns ein preiswertes Restaurant, kommen mit viel Glück um den hier allzu gegenwärtigen Schweinebraten herum und enden mit einer « Grillplatte mit großer Salatschüssel, Reiberdatschi und hausgemachtem Wein » zu pro Person fünfzehn Mark. Alles schmeckt köstlich, vor allem der Wein, der eine wunderschöne goldene Farbe hat und sich auf meine Nachfrage als durchaus NICHT hausgemachtem « blo de blo », zu Deutsch Blanc de Blanc, herausstellt. Er gibt uns die nötige Bettschwere für süße Träume.

Voller Tatendrang ziehen wir am nächsten Morgen die Vorhänge auf. Schiet! Trotz des wunderschönen gestrigen Abendrotes ist draußen schon wieder alles grau in grau! Also erst mal zurück ins Bett und noch eine Runde gelesen – wozu hat der Mensch schließlich Ferien? Immerhin stehen wir doch schon kurz vor 10 Uhr schweiβüberströmt nach einem steilen Anstieg oben auf der Burg und genießen die Aussicht über Passau. Leider kein gutes Licht für Fotos,

aber als wir durch den Wald auf gepflegten Spazierwegen wieder hinunter radeln, reißt der Himmel auf und bei strahlendem Sonnenschein — verlaufen wir uns total in der Altstadt auf dem sogenannten « kürzesten Weg » zum Dom. Im daneben gelegenen Buchladen wollen wir nun endlich unsere Radwanderkarte kaufen. Doch es ist der Wurm drin: entweder ist das Anschlussblatt, welches wir brauchen, gerade ausgegangen oder die Ausgabe ist nicht brauchbar für unsere Zwecke. Bis wir das Passende gefunden haben, ist es zu spät für den Dom. Schade, aber den heben wir uns fürs nächste Mal auf. Wir steigen wieder auf die Räder und können sogar die seit Tagen unter Wasser stehende Uferstraße benutzen, denn in der Nacht ist der Pegel gefallen.

Der « Radtramper-Zug » nach Wien hat fast mehr Plätze für Güter und Räder als für Mitreisende. Aber manchmal genügt ja ein einziger Mensch zu unserem Glück! Meiner ist ein netter Endvierziger, der mir in seinem unnachahmlichen Dialekt (für den Mimi sich als nicht kompetent erklärt hat) verklickert, dass wir es aufstecken können ins obere Mühlviertel zu fahren, weil wir keine Profis sondern blutige Flachlandindianer sind. Die Strecke ist nämlich viel zu bergig, also zu anstrengend. Als er mein enttäuschtes Gesicht sieht, meint er aber gleich, dass es doch noch eine Möglichkeit gäbe, die nicht allzu schwierig sei. Wir sollen mit dem Zug bis hinauf nach Freistadt fahren und dann per Rad hinunter an die Donau und auf unseren Weitradlerweg. Prima, also los !

Im Zug von Passau nach Linz: Gewitter, Sonne, Gewitter. Im Bummelzug von Linz nach Kefermarkt: Sonne, Gewitter, Sonne. In Kefermarkt heben uns österreichische Kavaliere die Räder in den Bahnbus, der uns « ausnahmsweise » nach Freistadt mitnimmt, weil die Bahnstrecke repariert wird. Als wir dort ankommen und in Richtung Zentrum losradeln, erlebe ich eine böse Überraschung: Meine Gangschaltung, die von Anfang an nicht besonders gut funktionierte, streikt nun total und ich muss den nicht mal steilen Berg im dritten Gang hinauf, was mein Rücken, der schon gestern ob der zu vielen geradelten Kilometer grollte, sofort ausgesprochen übel verzeichnet.

Der wirklich schöne Keilturm der Stadt ist das Einzige, was uns an ihr gefällt. Nach dem Motto: » Lass die Anderen doch schuften, Du, glückliches Österreich, ruh Dich nur aus! » ist das Bildglasmalerei-Museum, das wir so gerne besichtigt hätten, nur um 10 Uhr und um 14 Uhr geöffnet.

Also fahren wir sofort zu einer Werkstatt und Mireille besteht mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit darauf, dass ich eine neue Gangschaltung bekomme (was neun Tage Radmiete ausmacht!) und von der sie aus der Gemein- schaftskasse auch noch die Hälfte bezahlt… Währenddessen geht ein neuer Gewitterguss hernieder und als wir endlich in Richtung Kefermarkt radeln geht es unseren Augen gut, denn der Blick übers Land ist traumhaft schön. Unseren Füßen und Beinen geht es allerdings erheblich schlechter, da die Straße voller Pfützen ist, durch die wir hindurch müssen. Die Autos, von denen nur einige nett ausweichen, bespritzen uns im Vorbeifahren mit schöner Regelmäßigkeit.

Trotzdem sind wir in Kefermarkt noch guter Laune, vertrauen unsere Räder einem kleinen Jungen an und gehen die paar Schritte zur Kirche den sehr steilen Berg hinauf lieber zu Fuß, also ohne Rad und Rucksack. Der berühmte Flügelaltar aus Lindenholz, in nur sechs Jahren von einem unbekannten Künstler geschnitzt, ist wunderschön und beeindruckt lauschen wir dem erklärenden Tonband.

Hätten wir doch nur auf den kleinen Jungen gehört, der versucht, uns ein Zimmer seines elterlichen Gasthofes anzudienen! Allerdings wären wir sicher um einen Lachanfall ärmer! Als wir nämlich nach einer kurzen Abfahrt zum Schild « Guttau 7 km, Jausenstation 2,5 km » einen nicht enden wollenden Berg hinauf ächzen, kommt das Dauergrollen gefährlich nah und die ersten Tropfen fallen. Wir sind beide verschwitzt und durstig, und während ich mir Regenhose und -jacke aus dem Rucksack heraushole, probiert Mimi den in Passau gekauften und in meine Feldflasche umgefüllten « Traubensaft ». Prustend und lachend versichert sie mir, es sei Wein! Wir hatten beide nicht richtig aufs Etikett geschaut. Na, so gestärkt schieben wir erneut unsere Räder den Berg hinauf und schon nach ganz kurzer Zeit geht es rechts den Abhang hinunter zur Jausenstation. Gerettet!

Ich kenne Mis Angst vor Gewittern und nun gieβt ist auch schon wie aus Kübeln. Leider ist das Haus abgeschlossen und niemand da. Wir können uns nur bibbernd mit unseren Rädern unter das Vordach flüchten, wo wir abwechselnd fluchen und lachen, da ich mich weigere, ein Stoßgebet zum Himmel zu senden und Mi dagegen findet, in DER Situation könne ich eine Ausnahme machen. Ich will aber nicht und sie kann nicht mal ihr « Ave Maria » auswendig, tztz! Offenbar hat sie aber heute den besseren Draht nach oben, denn zehn Minuten später hält das Auto der Besitzerinnen vor uns und wir werden mit einer explosiven Mischung aus Heißwasser, Rum, Rotwein und Zucker versorgt.

Diese hält immerhin vor bis wir pustend und erschöpft nach einer halben Stunde weiteren Schiebens oben am Berg angekommen sind. Aber dann sind es immer noch vier Kilometer « rauf-runter-rauf » bis Guttau – und auf einmal kann ich nicht mehr: Nasse eiskalte Füße sowie ein scheußlich schmerzender Rücken sind einfach zu viel. Mi übernimmt dankenswerterweise die Zimmernachfrage, wobei sie an ein Pack einheimi- scher angesäuselter Männer gerät, die sich an der Bar auf höchst unfeine Art und Weise über ihren Akzent lustig machen. Kühle Antwort meiner Freundin: « Ich versuche wenigstens, Ihre Sprache zu sprechen. » Peng! Das sitzt und sie findet dann auch ein – sündhaft teures – Zimmer. Wir duschen endlich heiß, nehmen prophylaktisch eine Aspirin und danach ein sehr gutes Abendessen ein. Das Spiel mit einem süßen Katzen- baby gibt es gratis dazu und ich finde sogar in der hauseigenen Bibliothek den « Club der Fünf » von Enid Blyton, ein Buch, das ich vor über dreißig  Jahren zum letzten Mal gelesen habe und über dem ich sehr schnell einschlafe.

Hui, heute lacht der Radlerin Herz! Nach einem ganz kurzen Aufstieg geht es stundenlang bergab, durch das romantische Tal der Aist und wir fliegen nur so dahin! Aller Unbill des gestrigen Tages ist vergessen und während uns die kalte Morgenluft in die Nase beiβt – denn  es sind höchstens zehn Grad ENDE JULI! –  lachen wir uns an und freuen uns unseres Lebens.

Wunderbare große Bäume, herrliche Blumenwiesen und die gut gepflegten Häuser mit den lustigen Bauerngärten davor – es macht wirklich Freude, das alles im Sauseschritt zu erleben und wir bereu- en unseren Abstecher kein bisschen mehr! In Schwertberg ein kurzer Halt, um köstliche Nektarinen und Pfirsich-Eis-Tee zu kaufen. Dann geht es weiter durch ein völlig anderes Landschaftsbild: Mais, Rüben, und Kornfelder wechseln sich ab während wir der Donau immer näher kommen. Owei, sie ist genauso braun und trübe wie der Inn und auch die Sonne, die ein kurzes Gastspiel gibt, kann daran  nichts ändern. Johann Strauß, wie hast Du Dir geirrt!

Der berühmte Donauweitwanderweg führt erst den Damm entlang, verlässt ihn aber schon nach kurzer Zeit, um dann praktisch « unter dem Deich » weiterzulaufen. Das ist auch gut so. Der Nordwestwind hat nämlich aufgefrischt und so sind wir nicht nur geschützt und werden sogar zeitweise von ihm geschoben, sondern dürfen noch dazu die silberne Rückseite der Zitterpappelblätter bewundern sowie Meister Adebar, der gravitätisch durch die Wiese stapft.

Bei Schloss Wallsee überqueren wir die imposante Donau, machen unser Picknick auf einem trockenen Bootssteg und ich kann zum ersten Mal seit Wochen zehn (!) Minuten lang sonnen. Später fahren wir dann abseits vom Fluss an sogenannten « toten Armen » nach Grein und werden dort ’natürlich‘ von dem täglichen Schauer eingeholt. Als wir aber in dem hübschen Städtchen ankommen scheint schon wieder die Sonne. Wir suchen und finden auch gleich ein Privatzimmer für fast die Hälfte des Preises der vorigen Nacht. Im Schlafzimmer der verheirateten Tochter von Frau Breitschuh dürfen wir nächtigen. Einen nicht funktionierenden Fernseher, scheußliche Plüschtiere und « Großmutters Ratschlagbüchlein » gibt es gratis dazu sowie die Herzlichkeit der Herbergsmutter. Man spürt so richtig, dass sie das Vermieten nicht nur des Geldes wegen macht und diese Tatsache (sowie ihre ausgezeichnete Erdbeermarmelade) nimmt uns sehr für sie ein. Ein Bummel durchs Städtchen schließt sich an. Leider ist das im Rathaus installierte, nur hundertdreiundsechzig Plätze fassende, Rokokotheater ausverkauft und wir müssen uns mit einem ausgezeichneten chinesischen Essen begnügen, das wir unpassenderweise im « Krug zum grünen Kranze » einnehmen.

Oh nein, das darf doch nicht wahr sein! Heute Morgen wieder alles grau in grau – dabei verspricht der Wetterbericht seit Tagen Besserung und heute Mittag sollte es sogar ‘Badewetter’ geben! Davon kann aber keine Rede sein, und wir steigen aufs Rad wie immer bekleidet mit langer Hose, Pullover, leichtem Anorak und Söckchen in den Schuhen. Ach ja, unsere Räder ! Quelle vieler Freuden, wenn es abwärts geht,  halten sie uns ansonsten ständig auf Trab, da wir sie immer gegen eine Mauer oder einen Baum lehnen müssen wenn wir anhalten. Unsere vollen und schweren Rucksäcke biegen nämlich die Ständer durch. Mimis Rad hat noch dazu die Tücke, dass ihr Körbchen, in welchem der Rucksack mit Spannern gehalten wird, mindestens zwei- Mal am Tag umkippt, so dass wir es fluchend wieder aufsammeln dürfen. Meine nur zwei Tage alte Gang- schaltung ist leider auch nicht das Gelbe vom Ei und bricht ausgerechnet am Samstagnachmittag in Melk  – unserem heutigen Ziel – völlig zusammen! 

Glücklicherweise gelingt es Mimi, einem Mann von der Jugendherberge schöne Augen zu machen, so dass er sich meines Rades annimmt. Unter unseren bewundernden Blicken und anfeuernden Ausrufen, nimmt er die Gangschaltung fachmännisch auseinander und setzt sie auch wieder zusammen. Für so was sind Männer doch toll zu gebrauchen!

Mittags kommt an dem Tag auf einmal die Sonne heraus und es wird übergangslos drückend heiß und schwül. Wir wollen sofort anhalten für Picknick und Sonnenbad, befinden uns aber auf einer Art Deich neben der Donau und da wir es beide hassen, irgendwo zu essen wo man uns auf die Teller schauen kann (selbst wenn wir gar keine dabei haben), müssen wir erst ein uns genehmes Plätz- chen finden. Bis wir das endlich haben, da wir von Ameisen verscheucht werden, und uns aufatmend zu Kohlrabi und Vollkornbrot mit Tilsiter niederlassen, die heiße Sonne auf der Haut und den Wind in den Bäumen vor uns genießend –  tja, da ist es auch schon wieder vorbei, denn die nächste Wolkenwand holt unsere Sonne ein.  Nun also MELK. Sehr touristisch, hübsche Fußgängerzone, aber nichts Umwerfendes. Das Stift ist allerdings in jeder Beziehung gewaltig und die Bibliothek  einmalig mit ihren sechzehntausend Bänden, die zum Teil aus Holz – also falsch! – sind, damit keine sichtbaren Lücken entstehen! Trotz dieses Schummels sehr beeindruckend.

Und nun sitzen wir schon seit einer Stunde in Emmersdorf  bei richtig schöner warmer Abendsonne und können unser Glück noch gar nicht fassen! Ländlicher geht’s nimmer, denn wir sitzen im Garten der Familie Kreitz. Kuhduft, Aprikosen und Apfelbäume, eine Hängematte, eine Schaukel, ein kleines Gartenhäuschen und viele Gäste am runden Gartentisch oder wie wir, in Liegestühlen verstreut (wir sind mindestens fünf- zehn). Die Frau Wirtin gibt zu Ehren ihres Geburtstag einen aus. Die Glocken läuten den Sonntag ein, ich bin ein bisschen beschwipst vom Wein und der ungewohnten Sommerwärme – ein Sommerabend auf dem Land!

Wir tun gut daran, ihn gründlich auszunutzen, denn es soll wohl unser einziger bleiben. Nach dem Aperitif mit dem Blick auf wunderschöne große Birken gegen den strahlend blauen Abendhimmel raffen wir uns nämlich noch zu einem kleinen Bummel durch das hübsche Emmersdorf auf. Es liegt nur einige Kilometer von Melk entfernt auf der anderen Seiten der Donau, ist aber erheblich preiswerter und weniger touristisch. Wir wollen zum kleinen Kirchlein hinauf, von dem die Glocken so lustig klangen vorhin – aber sie haben den lieben Gott mal wieder eingeschlossen. Schade. So steigen wir über einen Wiesenweg wieder ab hinunter zur Donau, wo wir in einem Gartenrestaurant ein ausgezeichnetes Gulasch und einen blauen Portugieser genießen. Übrigens hat Mi mit dem Wort « Donau » noch immer ihre Schwierigkeiten (sie spricht es « Donnau » aus) und wenn ich sie mal ärgern will, sage ich ihr ganz schnell « Erste allgemeine Donaudampfschifffahrtsgesell- schaft » vor. Heute Abend sind wir jedenfalls mal nicht wie für Sibirien angezogen, die Schwalben fliegen hoch und wir finden den Blick auf Stift Melk einzig. Sicher ein gutes Zeichen für strahlendes Sommerwetter morgen !

Ja, von wegen ! Die Sonntagsglocken läuten, aber nur eine bleiche Sonne und ein „so la la“ Himmel dämpfen unsere gute Laune am nächsten Morgen. Wir haben uns so auf das Badewetter gefreut, obwohl wir in dem dreckigen Strom sicher nicht mal den kleinen Zeh baden würden, aber es gibt ja auch in diesem Land Frei- bäder. Liegt es an unserer etwas gedämpften Stimmung oder an den Stachelbeerbeinen und Jesuslatschen von Frau Kreiz? Wir stellen jedenfalls einmal mehr fest, wie hässlich sich manche Leute doch machen, wenn sie sich beim Essen und Trinken so gehen lassen. Beobachtet man sie ab zehn Uhr morgens bei Bier und Eis in Gartenlokalen oder Radler-Rastplätzen, müsste man sogar „Saufen und Fressen“ sagen. Anstatt ihre unvorteilhafte Figur wenigstens diskret zu kaschieren, werden ungeniert Krampfadern zur Schau gestellt und wabbelige Schenkel in viel zu engen, zu kurzen und kreischbunten Radlerhosen entblößt. Wissen diese „Ästheten“ denn nicht, dass es auch zurückhaltender und dennoch bequem geht? Dann bliebe uns der Anblick so manchen „Gehänges“ erspart.

Während wir das so bekakeln und die papageiengleich aufgemotzte Sonntagsmeute an uns vorbeizieht, sind wir auf dem Weg nach Krems, heute wieder mal auf der rechten Donauseite, die man uns empfohlen hat. Zu Recht! Zwar ist sie für unseren Geschmack erst ein bisschen zu belebt (wegen der Autos), aber als unser Radweg dann die Straße verlässt, wo das Tal sich weitet, fahren wir durch herrliche Weinberge und Obst- plantagen. Ich brauche mich gar nicht umzudrehen, um Mis Grinsen zu sehen, ich SPÜRE es im Rücken, jedes Mal wenn ich über den Zaun sehnsüchtig auf die übervollen « Marillenbäume » starre. Ich Trollo habe nämlich vergessen, gestern Abend unsere nette Wirtin zu bitten, in ihren gleichfalls brechendvollen Baum greifen zu dürfen. Zu doof !

Die Wachau hat jedenfalls südliches Flair und gefällt uns ausnehmend gut. Höhepunkt der Fahrt wird der Frühschoppen in Weiskirchen, wo « Kirtag » ist und wir uns ausnahmsweise kurz vor Mittag bei strahlender, aber stechender Sonne, die das nächste Gewitter schon ankündigt, einen G’spritzten genehmigen.

Wir sitzen in einem besonders schönen Innenhof, bewundern die gelben Dirndl der Servierfräulein und die Trachten der fesch gekleideten Kapelle. Diese spielt was die Instrumente hergeben und wir genießen diese festliche Stimmung. Auf meine Frage hin wird mir erklärt, dass die « Strohsterne », die hier oft an den Häusern hängen – mal mit bunten zwei Bändern, mal mit grünen Zweigen geschmückt – einen Weinbauern ankündigen, der nur seinen eigenen, aber keinen dazugekauften Wein ausschenkt.

So gestärkt und gebildet, fahren wir weiter nach Krems, einer richtigen großen Stadt mit einem schönen alten Teil. Wir bewundern die Bürgerhäuser und bedauern einmal mehr, dass die Straßen von den parkenden Autos verunziert sind. Die Stadt liegt  wie ausgestorben da, denn der Sonntagsbraten ist angesagt und auch uns zieht es zum Picknick. Mit Sonnen ist es aber wieder mal Essig, denn die über unseren Köpfen hängenden Wolken filtern die Sonne und so ist es nur heiß und stickig. Pechsache ! Mit den ersten warnenden Tropfen steigen wir seufzend wieder auf unsere Räder und wollen eine Variante unseres Radweges einschlagen, die uns zum Kloster Göttweig führen soll.

Leider liegt dasselbe dreihundert Meter hoch und meine Gangschaltung ist schon wieder kaputt, also können wir das vergessen. Schade. Unser Nachmittagsweg ist auch nicht gerade geeignet, unsere etwas morose Stimmung aufzuheitern, denn er es ausgesprochen eintönig, dieser Donaudamm.

Zwar ist der Blick eigentlich schön, denn links haben wir den Strom mit Enten, Schwänen und allerlei Booten, rechts von uns huschen riesige Bäume vorbei und der Damm selber ist hübsch mit kleinen gelben Sonnen-blumen, blauer Wegwarte und violettem Thymian bestickt. Aber es ist eben stundenlang der gleiche Blick und so wird es bald etwas langweilig. Sehr froh erreichen wir Zwentendorf, unsere letzte Etappe vor Wien. 

Kaum sind wir geduscht und eingecremt bricht das Gewitter mit Gewalt los und wir sind heilfroh, diesmal im Trocknen zu sein. Zwei Stunden später gieβt es aber immer noch wie aus Kübeln und wir ziehen mit einem überdimensionalen Regenschirm bewaffnet los (mit Handtuch zum Abtrocknen und sogar Schuhen zum Wechseln!). Das einzige Restaurant, das heute offen ist, liegt nämlich zehn Minuten zu Fuß entfernt. Belohnt wird unser Mut mit einem phänomenalen Wiener Schnitzel und einem sehr ordentlichen grünen Veltliner, der uns gut schlafen lässt.

Die beiden Radtouren, denen ich unsere ‘abgeguckt’ habe, enden beide in Krems. Die meisten Leute fahren per Schiff oder per Bahn weiter bis nach Wien. Nachträglich verstehe ich auch warum, denn es kommt einfach nichts Aufregendes mehr und schon gar keine Fahrradwerkstätte! Entweder haben sie zu wegen Urlaubs (wie heute Morgen in Zwentendorf), machen mittags für drei (!!!) Stunden zu (wie in Klosterneuburg) oder der Mechaniker kommt nur zweimal die Woche (bei „Fritzi an der Donau“) oder erst am nächsten Tag wie in Wien. Wenn es nicht zum Heulen wäre, wäre es zum Lachen! Mit dieser Suche sind wir auf unserem Radweg bis mitten ins Zentrum von Wien gekommen und das ist eine sehr merkwürdige Sache, denn fast übergangslos sind wir vom Land in eine Großstadt gekommen. Oh Gott, und stinken tut es hier – das ist ja furchtbar! Unsere Nasen sind nur noch gute Landluft gewöhnt. Hilfe!

Wenigstens kommen aber unsere Augen auf ihre Kosten mit einer Art Märchenschloss, dem wir am Stadtrand begegnen. Erst später werde ich erfahren, dass Friedensreich Hundertwasser, dieser geniale Architekt, sich einer Müllverbrennungsanlage angenommen hat.

Im Zentrum Wiens halten wir etwas verloren an, denn ich brauche nun wirklich unbedingt eine Radwerkstatt. Ich finde einen Schutzengel in Gestalt eines netten jungen Mannes, der uns ‘fast’ bis zur richtigen Werkstatt bringt. Dort wird das Rad zwar gerichtet, aber als wir drei Stunden später, total erschöpft vom Herumfahren im dichtesten Feierabendverkehr, im Hof unserer Pension von den Rädern steigen, weiß ich, dass es noch immer nicht richtig funktioniert und ich bin es wirklich leid, Geld in diese blöde Gangschaltung zu stecken ! Der junge Mann hat uns übrigens gesagt, dass die Stadt voller Leute « aus dem Osten » sei und dass wir es sicher deshalb schwer haben würden, ein erschwingliches Zimmer zu finden. Deshalb mussten wir ja auch bis in einen Außenbezirk strampeln.

Aber nun sind wir da und Wien bei Sonnenschein ist Glück! Wir spielen so richtig Touristen und wandern vom Stephansdom aus über den « Graben » mit seinen herrlichen alten Häusern zur Hofburg. Dort weiden wir uns an dem pittoresken Bild der vielen Fiaker und bewundern die schmiedeeiserne Krone. Durch den Hofgarten kommen wir zum Burgtheater, das aber leider in Sommerferien und deshalb geschlossen ist. Weiter gehen wir zum Rathaus, wo uns eine Überraschung erwartet. Im Juni und Juli werden hier nämlich große Tische mit langen Bänken aufgestellt, Gestelle mit vielen Blumen und kleine Kioske, an denen man sich Spezialitäten zu essen kaufen kann. Es ist eine Art  « europäischer Biergarten » und wir haben sofort Lust, dort den Abend zu verbringen. Noch dazu soll es hier vor dem Rathaus heute Abend kostenlos « La Bohème » als Film geben und da ich diese Oper nicht kenne, freue ich mich doppelt.

Aber erst einmal setzen wir unseren Spaziergang fort, erkundigen uns im Vorbeigehen nach anderen Fahrradrouten, beratschlagen, was das Beste sei und kommen zu der Einsicht, dass wir beide doch gerne das uns fehlende Stück « Linz-Passau » nachholen würden. Also kaufen wir Fahrkarten für morgen und besuchen danach ein echtes altes Wiener Kaffeehaus, das « Museums Café ». Es herrscht dort eine durchaus eigene Atmosphäre: eine Mischung aus Wartesaal, Bauhaus und englischem Club. Man spricht gedämpft, ein Schachspieler wartet auf seine Freunde, mehrere Leute lesen die ausliegenden Zeitungen. Wir lassen uns auf einem der roten Plastiksessel nieder und bestellen einen « kleinen Braunen » sowie eine « Mélange » . Natürlich müssen auch wir die Zeitung lesen, schon wegen des Wetterberichts. Aber das hätten wir besser bleiben lassen, denn für morgen ist schon die nächste Wetterfront angekündigt. Mimi liest in den ‘Salzburger Nachrichten’ den ersten ökologischen Wetterbericht ihres Lebens und ist von den Bunt-, Weiß-, Glas-, Plastik- und Blechmülleimern, die hier überall stehen, schwer beeindruckt!

Weiter geht es mit unserem Rundgang durch den gepflegten, angenehmen Stadtpark, wo viele Leute auf dem Rasen liegen. Auch hier ist Gott sei Dank die « Bürger, schützt eure Anlagen! » -Zeit vorbei. Wir kommen langsam in den Nordosten der Stadt, kaufen uns en passant einen köstlichen Topfenstrudel nebst Zimt- schnecke  (nur in Deutschland und Österreich lasse ich mich zu so etwas verführen!) und stehen wenig später vor einem kleinen Wunder. Es ist ein Gebäude, das so unbekümmert fröhlich da steht wie ein Feen- schloss, welches sich im Dschungel der Großstadt verlaufen hat und es ganz schön findet, auch einmal etwas anderes als nur Wald zu sehen. Hundertwasser hat es geschaffen und auch die gleich gegenüber stehende Erlebnis-Einkaufspassage. Tatsächlich verbringen wir die nächsten Stunden mit Gucken, Staunen und Bewundern. Am Ende sind wir fast ein bisschen besoffen. Dieser Mann nimmt endlich mal die Architektur nicht so tierisch ernst wie neunundneunzig Prozent seiner Kollegen und sein Credo ist, dass Häuser für Menschen da sein und gebaut werden sollen und nicht umgekehrt. Seine Theorie vom Boden, der wie in der Natur uneben sein sollte, damit sich ein Lebewesen darauf wohlfühlt, leuchtet uns völlig ein.

Begeistert aber etwas müde fahren wir zurück zum Stephansdom und kaufen für mich in einem der dortigen Geschäfte drei kleine Engel. So beschützt genießen wir danach einen Wein und hoffen, während wir unsere Karten an die Lieben daheim schreiben, dass wir morgen auch so gutes Wetter haben werden wie heute. Dann geht es zum Rathausplatz, denn der Abend senkt sich langsam hernieder. Wir finden ein köstliches vegetarisches Essen an einem Stand: Hirselaibchen, griechischer Salat, Serviettenknödel und eine einmalige Steinpilzsauce. Super lecker das Ganze.  Anzumerken wäre, dass es – weil die « Grünen » der Stadt gemotzt haben – mit ökologischem Holzbesteck auf richtigen Tellern und mit richtigen Gläsern anstatt Plastikbechern serviert wird. So etwas hatten wir noch nie gesehen, aber es klappt gut. Das gibt auch gleich noch ein paar Jobs für Arbeitslose und ich finde, wir sollten das Ganze für unsere Tuilerien in Paris übernehmen! Ich habe ja schon immer gedacht, dass man aus jedem Land Europas das Beste an Ideen heraus und in die anderen Staaten einführen sollte.

Wir bekommen auch sofort Kontakt an einem Tisch mit netten jungen Leuten, die das Ende eines Spanisch-Kurses feiern. Zwischen einem Kriminalbeamten, der mit einem Rucksack für vier Wochen nach Bolivien will und einem ehemaligen Casino-Prüfer, der auf Bibliothekar umgesattelt hat, fühlen wir uns sehr wohl und flachsen nach Lust und Laune. Nur der Opernfilm ist mehr als enttäuschend! Aber der Wein ist so lecker….

Heute Morgen merken wir ihn und die kurze Nacht: nur sieben Stunden Schlaf anstatt der gewohnten zehn! Wir sitzen im Zug nach Linz und es ist ein merkwürdiges Gefühl, so « rückwärts » zu fahren:  „Schau mal, da ist Melk, das war der einzige Tag ohne Regen! Ach, und da hast du mal wieder über deine Gangschaltung geflucht…“ und so weiter. Wir sind beide froh, dem Lärm und Gestank der Großstadt entflohen zu sein und freuen uns gleichzeitig darüber, dass Wien so schön und eben nicht das Ende unserer Reise war!

Eine Stunde später schmettere ich: » I’m radling in the rain! » und finde es toll, dass die Glocken von Linz gerade zu läuten beginnen, als wir aus der Stadt hinausfahren. Wir sind beide übermütig wie die Kinder am ersten Ferientag, preisen das wiedergefundene Grün der Wiesen und die gute Luft, behaupten kühn, dass « das bisschen Regen » gut für unseren Teint sei, denn wir haben durch die frische Luft beide ganz schön Farbe bekommen und gefallen uns gut. So strampeln wir seelig in Richtung Passau los. Knapp eine Stunde später sind wir schon gut « angefeuchtet » und flüchten vor einem besonders heftigen Guss in eine « radler- freundliche Gastwirtschaft » (so das Schild auβen) in Ottensheim. Leider stellt sich diese als Nobelrestaurant mit Klavier heraus, wo ein Bier und ein einfaches Süppchen von der –  handgeschriebenen! –  Karte fünfzehn Mark kosten.

Wir kommen ins Gespräch mit zwei vorgestern in Passau gestarteten Frauen. Es sind Mutter und Tochter, die bei « Velotours » für tausendfünfhundert Mark « unsere » Tour gebucht haben und nun also radeln müssen ob sie wollen oder nicht, da das Quartier ja vorbestellt ist und ihr Gepäck per Auto voraus reist. Mi und ich ver- ständigen uns nur durch Blickkontakt: die Armen! Sie bringen sich doch um das Netteste, nämlich um die Improvisation bei solch einer Reise.

Als es sich draußen aufhellt, ziehen wir weiter und zwar, sehr lustig, mit der am Seil gezogenen Fähre über die Donau und dann in Richtung Aschbach. Auf der anderen Seite des Stromes begegnen wir einer Gruppe radelnder englischer Senioren – und bekommen fast einen Lachkrampf, als wir die über ihre Helme gestülpten Plastiktüten sehen. Leider ist die Regenpause nur von kurzer Dauer. Achtzehn Kilometer, das heißt  eineinhalb Radlerstunden später, müssen wir aufgeben, denn wir sind bis fast auf die Haut durchnässt. Auch das quasi verschwörerische „ Grüß Gott, hallo, buon giorno, hi“  der uns entgegenkommenden in gelb, rot und blau vermummten Gestalten kann uns nicht mehr von den nassen Tatsachen ablenken. Glücklicherweise hat sich wenigstens Mireilles « Abfalleimersystem » bewährt, denn wir hatten beide vor Beginn der Reise unsere Rucksäcke mit einer großen Mülleimerplastiktüte ausgekleidet und so sind unsere Wechselsachen, als wir sie aus den klitschnassen Säcken holen, prima trocken.

Also, es muss ja mal gesagt werden: wir finden uns toll! Wie wir den gestrigen Tag geschmissen haben, das war einfach spitze! Nachdem wir am Nachmittag stundenlang dem strömenden Landregen gelauscht hatten, während wir nach einer heißen Dusche wieder warm geworden in unsere jeweiligen Bücher vertieft waren, rafften wir uns doch gegen halb acht Uhr abends auf, um hundert Meter weiter zu einem Gasthaus zu gehen – wieder unter einem riesigen Regenschirm, versteht sich. Dort erwartete uns eine große Überraschung: nämlich die beste Mahlzeit, die wir in Österreich zu uns genommen haben. Es war ein fabelhaftes « Pfifferlingscrèmegulasch », das jedem Feinschmeckerrestaurant in Paris zur Ehre gereicht hätte! Ich habe mich gründlich nach dem Rezept erkundigt und hoffe, dass ich es wenigstens ähnlich hinbekommen werde.

In der Nacht wache ich öfters auf: gleichmäßig trommelt der Regen aufs Dach. Auch morgens um acht Uhr noch, als wir am Frühstückstisch Fahrradreiseerfahrungen mit einer Familie aus dem Ruhrgebiet austau-schen. Um kurz vor neun lässt es etwas nach und wir gehen ins Dorf, um für Mireille ein Regencape zu kaufen, das genauso hässlich ist wie meins, nämlich olivgrün, aber wenigstens schön billig. Natürlich hat dieser Kauf zur Folge, dass der Regen schlagartig aufhört! Wahrscheinlich sind wir so für den Rest der Reise gegen schlechtes Wetter gefeit.

Nun beginnt eine wunderschöne Fahrt die Donau entlang bis zu den « Schlingen von Schlögen ». Wir genießen es sehr, auf einer Straße frei von Autos zu radeln und nur die uns entgegenkommenden Horden sehen zum Teil so böse und verbissen aus, dass man meinen könnte, sie führen ins Büro. Ich singe ein Lied nach dem anderen und zwar exklusiv solche, die von der Sonne handeln  – und sie kommt nach langem Zögern kurz vor Passau auch richtig raus.

Ich weiß nicht, worüber wir uns mehr freuen: auf unseren tollen Schnitt  von fast siebzehn Stundenkilometern, denn wir sind 70 Kilometer in nur fünf Stunden, inklusive Pausen, geradelt! Oder über den lustigsten Grenz-übergang unseres Lebens, nämlich dem zwischen Österreich und Deutschland. Da hatten wir doch echtes Glück denn es ist „STRENG VERBOTEN“, diesen Grenzübergang zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens zu benutzen! » – und wir waren morgens um elf Uhr da ! Die nicht vorhandenen strengen Grenzer sperren sicher jede Nacht die Zuwiderhandelnden ein. Wir lachen noch zwei Kilometer weiter.

In Passau  haben wir Glück, bekommen sofort einen Radler- Zug nach Neuötting, finden dort auch gleich ein Zimmer, stellen unsere Rucksäcke ab und radeln zur Radrückgabe. Es ist zwar inzwischen schon fast neunzehn Uhr, aber die nette Frau Schröck hatte uns ja erlaubt auch abends bei ihr zu klingeln und das tun wir nun auch. Ein spannender Moment, denn als ich die Klingel drücke frage ich mich, ob sie ausgerechnet heute vielleicht ausgegangen ist. Ist sie auch,  aber ihr Sohn ist da und ganz besonders freundlich, kulant sogar: die Gangschaltung wird vollständig ersetzt nach Vorlage der Rechnung. Mi wickelt den armen Jungen so ein mit ihrem Charme, dass wir am Ende jede für die zehn Tage nur zwanzig Mark für die Räder zu zahlen brauchen. Toll!

Ein köstliches Essen im Biergarten rundete den Tag ab und wir stellen beide mit Freude fest, dass die deutsche und die österreichische Küche in den letzten zwanzig Jahren doch deutliche Fortschritte gemacht hat, was Präsentation und Bekömmlichkeit angeht. Wolfram Siebecks Lebenswerk ist nicht umsonst!

WAS BLEIBT: das Pfifferlingscrème-Rezept ist ein Renner bei mir geworden.

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