2021 – FERIEN IN DER PROVENCE

Über eines sind sich ALLE einig: die Provence endet am Mittelmeer! Doch danach können die Wogen der Diskussion hoch gehen, wenn es darum geht, zu sagen, WO die Provence denn nun eigentlich beginnt. So geschehen an einem schönen Sommertag bei einem leckeren Aïoli in SANARY-SUR-MER.

Für die Einen kommt es absolut nicht in Frage, die Côte d’Azur, also Cannes, Monaco, Nizza und Menton mit ihren Stars, Starlets und gekrönten Häuptern zur Provence zu zählen.

« Ach ja? Die ‘Côte d’Azur’ wurde aber als Name 1887 von Stéphen Liégeard erfunden, um den Ausdruck ‘Riviera’ zu ersetzen. Er definiert damit die Küsten der Provence und Ligurien vor allem die zwischen Hyères und Genua, ohne Marseille und Toulon zu vergessen. »

« Gut, aber auf den alten Karten war die Grafschaft Nizza davon ausgenommen! »

« Zugegeben, aber der Dichter Frédéric Mistral bestimmte schon 1878, neun Jahre VOR Liégeard, die Provence als ‚begrenzt im Osten von den Alpen, im Westen vom Fluss Rhône und im Norden von einer Linie, die ungefähr von Embrun bis Saint-Paul-Trois-Châteaux führt‘. »

Also, wie sollen zwei Bewohnerinnen von Paris und Umgebung nun damit zurechtkommen? Wir beide, meine beste Freundin Mireille – so genannt, weil ihre Mutter aus Marseille stammte – und ich, wir sind immer glücklich, wenn wir MONTELIMAR erreichen, die Pforte der «Drôme Provençale ». Etwas weiter südlich, von VAISON-LA-ROMAINE an, sind wir dann wirklich im Herzen der Provence. Seit elf Jahren kommen wir regelmäβig, entweder im Sommer oder im Herbst, um uns an der Schönheit dieses Landstriches zu weiden, den wir ganz besonders schätzen. Die Karte hier oben stammt übrigens von dem Zeichner Daniel Casanave, aus dem Buch „Lexikon der Provence“ von Peter Mayle.

Ich darf das erste Lavendelfeld mit Hurra entdecken, denn Mimi fährt konzentriert – was aber ihre Freude nicht schmälert.

DIE DROME PROVENÇALE

Wir fahren von der Autobahn in ‚Montélimar-Sud‘ ab und nur ein paar Kilometer weiter bis zur « Domaine Les Méjeonnes », bei VALLAURIE gelegen. Das ist ein Gut ganz nach unserem Geschmack, mit viel Charme, ja mit einer Seele, delikaten Gerichten mit Aromen der provenzalischen Küche, mit komfortablen Zimmern und einem wunderhübschen Pool.

Ein erfrischendes Bad tut uns gut nach all den Stunden auf der Autobahn, und danach essen wir beglückt einen feinen Fisch mit Gemüse aus der Umgebung, begleitet vom gut gekühlten hiesigen Rosé du Tricastin.

Tricastin reimt sich auf „Lavandin“, dem „unechten“ Lavendel, der hier überall auf groβen Feldern angebaut wird, bevor er zum ätherischen Öl verarbeitet wird. Es ist herrlich, dass wir auf den kleinen Landstraβen langsam herumbummeln und, bei weit geöffneten Fenstern, diesen einzigartigen Duft einatmen können.

Ich habe es so eilig anzukommen, dass ich durch die Windschutzscheibe dieses Foto schieβe: die schnurgerade, von Zypressen gesäumte Straβe, die genau auf den Mont VENTOUX zielt – vor uns noch ganz hinten am Horizont.

Ein paar Kilometer weiter steht schon das imponierende Schloβ von GRIGNAN, wo jeden Juli 5 Tage lang, das « Festival der Korrespondenz » und die « Musikabende der Madame De Sévigné» stattfinden.

Sie sagte zu ihren Lebenszeiten, dass sie von ihrer Schloβterrasse einen „schönen und triumphierenden Blick “ hätte. Es stimmt, im Südosten sieht man sehr gut den Mont Ventoux und die Dentelles de Montmirail.

Im Westen dann den Fluss Rhône und im Osten die Berge Nyons und den Baronnies. Und genau dorthin fahren wir jetzt, um auf dem Markt von NYONS die berühmten wohlschmeckenden Oliven und ein paar Schalen zu kaufen.

Diese Töpfereien aus CRESTET gefallen uns so gut, dass wir beschlieβen, einen kleinen Umweg über dieses Dorf zu nehmen. Es liegt inmitten der Ebene vor dem Mont Ventoux, den wir wieder gut von der Terrasse des Dorfes aus sehen können. Wie ist diese Landschaft doch harmonisch – diese Farben, diese Düfte – wir werden niemals genug davon bekommen! Und diese Dächer mit den typischen runden Ziegeln, die wir hier überall sehen, so schön…

VENASQUE

Aber nun wird es Zeit, dass wir nach VENASQUE kommen, wo wir ein B&B für heute Abend reserviert haben, mit Pool im Garten und Blick auf den Ventoux. Dieses Dorf befindet sich auf einem Felsvorsprung an der Mündung der Schlucht der NESQUE, am südlichen Hang des Mont Ventoux. Dieser gewaltige Canyon schlängelt sich fast 20 Kilometer lang durch das Tal und erreicht eine Tiefe von bis zu 300 Metern. Grandios!

Fast genauso grandios ist der Blick von der Terrasse unseres B&B auf den MONT VENTOUX. Seine Spitznamen sind einerseits der ziemlich despektierliche » Berg mit Glatze » oder der sehr viel nettere « Gigant der Provence ». Er ist mit seinen 1910 Metern die höchste Erhebung der ganzen Gegend. Man könnte glauben, dass er mit Schnee bedeckt sei, sogar mitten im Sommer. In Wirklichkeit ist es das Kalkgestein, das diese strahlend weiβe Farbe erzeugt. Das Fabelhafte an diesem Flecken Erde ist, dass man in einem relativ kleinen Umkreis so viele verschiedene Landschaftsformen findet.

Unsere Gastgeberin gibt keine Abendessen (allerdings am nächsten Morgen ein wirklich üppiges Frühstück) und rät uns zum Restaurant « LES REMPARTS »/ Die Wälle im Dorfzentrum. Nachdem wir telefonisch einen Tisch für uns reserviert haben, machen wir einen kleinen Rundweg durch dieses reizende Dorf. Durch seinen Felsenvorsprung war es im Mittelalter leicht gegen Überfälle zu verteidigen, schon gar durch seine Wälle. Und der Fluβ Nesque förderte in den Tälern unten schon sehr früh die Schafzucht, den Anbau von Weizen, Wein und Gemüse. Heutzutage setzt die Gegend nicht nur auf den Tourismus, den Lavendel und den Wein. Es gibt ebenfalls eine, zwischen Mazan und Venasque gelegene, riesige Tagebauanlage von Gips, die Arbeitsplätze schafft.

Venasque, das sich stolz zu den „schönsten Dörfern Frankreichs “ zählt, ist ganz klein: eine ‚groβe Straβe‘ mit ein paar Läden, Maler-Ateliers, einem Bäcker, dem Minirathaus, der Kirche, den Ruinen, den Wällen …. und den paar Stufen, die zu unserem Restaurant gleichen Namens führen und zu dessen gröβtem Pluspunkt: der Terrasse, von der aus man einen fantastischen Rundblick auf die Umgebung und auf eindrucksvolle Sonnenuntergänge hat. Wir haben fast immer das Glück, zwei von den nur 20 Plätzen zu erwischen, denn natürlich sind sie jeden Abend ausverkauft. Da wir nun aber wirklich Hunger haben und zudem die Ersten sind, bekommen wir einen der begehrtesten Tische direkt an der Brüstung!

Und nun kommen unsere Vorspeisen auf besonders hübsch dekorierten Tellern: ein sagenhaftes TIRAMISU al PESTO und eine göttliche TARTE TATIN à la TOMATE – ich werde mich jahrelang daran versuchen, ohne es je wirklich zu meiner vollen Zufriedenheit zu schaffen, obwohl ich im Kochen nicht ganz unbegabt bin… Aber das gehört wohl auch zum Charme dieser Stätte : sie ist schlicht und einfach einzigartig!

Seit 2010 sind wir ein gutes halbes Dutzend Mal hier hergekommen – und wir werden nie enttäuscht. Natürlich muss man früh buchen, wenn man eines der begehrten 8 Zimmer des Hotels haben möchte und somit Augen- und Gaumenfreuden miteinander verbinden will ! Das Angenehme hier ist, dass Gäste, die die sehr günstige Halbpension gebucht haben, alle Speisen, die auf der Karte vom Chef Karl Verax vorzufinden sind, ebenfalls angeboten bekommen. Egal, ob es sich um einen ‚einfachen‘ Osso Bucco handelt oder um ein fabelhaftes Linsen-Risotto mit Steinpilzen, die uns vor Bewunderung und Dankbarkeit verstummen lassen.  

Das Frühstück wird auf der Terrasse des « Petite chose », ein paar Schritte vom Hotel entfernt, eingenommen. Mit dem gleichen fantastischen Blick. Man könnte annehmen, dass wir es mit den Jahren leid sind – im Gegenteil, wir verfallen dem Ort jedes Mal herzlich gerne wieder.

DIE MÄRKTE

Nun aber: auf zu neuen Abenteuern ! Angefangen bei den Kirschen von Venasque, die so gut sind, dass sie ihr eigenes Gütesiegel haben, bitteschön…

Von den Oliven- und Mandelbäumen ganz zu schweigen, die ebenfalls zum Reichtum der Region und zu unserem Glück auf den Märkten beitragen. Es gibt jeden Wochentag einen in der Umgebung. Am Mittwoch den in MAZAN (mit der unglaublich leckeren TAPENADE von Monsieur Trazic, der sie exklusiv nur mit seinen eigenen Oliven fabriziert !) und natürlich den berühmten von CARPENTRAS, der jeden Freitag und Sonntag stattfindet und auf dem man schöne Kleider aus Leinen für nur 20 € erstehen kann.

Der nächste, den wir besuchen, ist auβergewöhnlich, denn er findet nur einmal im Jahr statt. Am ersten Sonntag im Juli, in FERRASSIERES, gibt es nur EIN Produkt, allerdings in allen Schattierungen, zu kaufen: den ECHTEN LAVENDEL, der nur in Höhenlagen ab 600 m zu finden ist. Dieses lustige ‚Reklameschild“ verkündet die frohe Botschaft:

Ausnahmsweise gibt es einmal eine Gerechtigkeit in der Natur. Der echte Lavendel wächst nämlich auf armem, steinigem Boden, als ob er sich über den „falschen“ lustig machen wollte, der unbedingt guten, gedüngten braucht. Groβe Schilder stehen auf den Feldern, wenn sie nicht – wie sehr viele von ihnen – eingezäunt sind, mit der Bitte, nichts abzupflücken, denn die Landwirte leben ja davon. Natürlich wird heute nicht mehr von Hand, sondern per Traktor geerntet. Sobald wir am Eingang des Dorfes ankommen, ist der Lavendel König!

Auf den Auslagen finden wir das ätherische Lavendelöl, Lavendelcrème, Lavendelspray (gut gegen Mücken!), Lavendelsäckchen für den Schrank, Lavendelbonbons und Honig und sogar Kerzen. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung bei den Menschen und, so will es scheinen, sogar bei den geschnitzten Enten. Alle amüsieren sich und wir mittenmang.

Die Rückfahrt zu unserem Dorf führt über eine Strecke mit vielen prachtvollen Ausblicken auf die Lavendel- und Leinenfelder.

Nun ist es aber ganz schön heiβ geworden und wir lechzen nach einem kühlen Bad. Da kommt uns dieses Freiluftschwimmbad in VILLE-SUR-AUZON sehr gelegen es ist ein kleines Schmuckstück mit Blick auf den Ventoux !

Nach dem Bad ruhen wir uns unter den Oliven- und Apfelbäumen im Gras aus und essen das mitgebrachte Picknick, eine leckere Käsequiche mit Kirschen zum Nachtisch – was kostet die Welt? Und wir fahren bei weit geöffneten Fenstern, durch das bildschöne Tal der Nesque zurück, begleitet vom Chor der Zikaden. Diese ’singen‘ ja nun nicht gerade eine harmonische Melodie, im Gegenteil, das Geräusch ist eher eintönig. Ihr Zirpen (nur ab 22 Grad Celsius, drunter tun sie’s nicht) wird nur von den Männchen durch das Reiben ihrer Flügel aneinander hervorgezaubert. Sie werben damit um ihr Weibchen, und das macht sie uns doppelt sympathisch.

DIE ABTEI VON SENANQUE.

Sogar hier geht es nicht ohne ein Lavendelfeld!

Dies ist ein wunderbar vergeistigter Ort, angefüllt mit guten Vibrationen. wir schlieβen uns einer Führung an und was ich zu hören bekomme, lässt mich etwas perplex. Die Lebensbedingungen der Zisterziensermönche waren sehr hart: die Messen, die Gebete, die Lektüre der frommen Texte wechseln sich mit der Hände Arbeit ab, nie mehr als 7 Stunden Ruhe (die erste Messe morgens um halb fünf, die zweite bei Sonnenaufgang). Die kargen Mahlzeiten werden schweigend verzehrt. Früher schliefen die Mönche völlig bekleidet in Schlafsälen ohne jeglichen Komfort. Heutzutage schlafen sie alle in Einzelzimmern, bzw. in Zellen. Hrmm, ich glaube, ich ziehe mein Leben als ‚Sünderin‘ doch vor…

Wir meditieren noch während unseres Picknicks darüber – ein gutes Stück Zwiebelkuchen und Aprikosen, auch nicht gerade extravagant – auf einem dieser so malerischen Plätze, wo ein Springbrunnen beruhigend plätschert. Die Brunnen und öffentlichen Waschplätze waren ja sehr lange Zeit wichtig für das dörfliche Zusammenleben der Frauen. Orte der Begegnung, des Austausches, Krisenherd und mündliche Zeitung in einem. Die Brunnen waren aber fast nie nur nützlich, sondern zeugen auch von dem Geschick und Geschmack der Erbauer. Viele von ihnen sind heutzutage als Kulturerbe geschützt.

Heute Nachmittag werden wir ein anderes der schönsten Dörfer Frankreichs besuchen: GORDES (2000 Einwohner) wo ich mir einen aus Olivenholz geschnitzten « bouffadou » kaufen werde, höchst nützlich, um mit ihm das Kamin- oder BBQ-Feuer zu entfachen.

Um sich vor den ‚Horden der Barbaren‘ zu schützen, die die Dörfer der Gegend im 5. Jh. überfielen, flüchteten die Bewohner auf deren felsigen Höhen. So könnte man glauben, dass dieses Felsennest Gordes noch heute über die fruchtbare Ebene darunter wacht.

DIE SPITZEN

Am nächsten Morgen fahren wir stracks nach Norden, lassen Carpentras hinter uns, und kommen zu einer anderen höchst reizvollen Ecke, nämlich zu den SPITZEN VON MONTMIRAIL. So genannt, weil die Erosion diese Berge so geformt hat, dass der Fels wie ein geklöppeltes Band aussieht, dessen Silhouette leicht schon von Weitem erkennbar ist. Für die Kletterfreunde ist es das Paradies. Ich bin hier öfters in den 90er Jahren gewandert und habe über die Weinbauern geflucht, die mehr als einmal die Zeichen des PR (= petite randonnée= kleiner Wanderweg) zerstört oder abgemacht hatten.

Heute haben wir aber Glück und die Zeichen führen uns auf einen Rundweg, von dem wir überall herrliche Ausblicke auf das Dörfchen SUZETTE haben. Ebenfalls beehren wir, wie es sich gehört, diesen « mons mirabilis » = bewundernswerten Berg = Montmirail mit unserer Aufmerksamkeit.

Genau auf der anderen Seite der „Spitzen“ liegt BEAUMES-DE-VENISE. Es gibt weder Venedig und schon gar keine Gondeln in diesem Dorf, denn sein ursprünglicher Name war VeniSSe (es lag in der Grafschaft Venaissin). Dem berühmten süβen MUSCAT-Wein der Stadt können wir natürlich nicht widerstehen und ich kaufe mir noch dazu dieses lustige kleine Tablett, welches glatt als Reklame für die deutsch-französische Freundschaft durchgehen könnte:  

Auf der Rückfahrt können wir wieder unserer Lieblingsbeschäftigung frönen, also bei weit geöffneten Fenstern den Duft des wilden Thymians und Rosmarins schnuppern und unseren Freunden, den Zikaden zuhören. Die Landschaft mit ihren Weinbergen, Kornfeldern, Zypressen, Hügeln und Bergen hat etwas ungeheuer Beruhigendes und Wohltuendes – nach anderthalb Jahren Pandemie baut sie uns wieder auf!

Heute Abend findet der wöchentliche Bauernmarkt statt und wir können uns mit Olivenöl, den verschiedenen Käsen (wie dem berühmten „Banon“, der in einem benachbarten Dorf hergestellt wird) und sogar mit den hiesigen Sommertrüffeln eindecken. Nach dem Abendessen wird sich ein singender Gitarrist auf dem Dorfplatz produzieren und wir werden bei einem Glas Wein die sommerliche laue Abendstimmung genieβen. C’est l’été !

Morgen werden wir auf die andere Seite vom Rhône hinüberwechseln und das Wochenende im Haus von Jacques und Dominique verbringen. Sie waren im Rahmen eines Haustausches bei mir und nun kommen wir in den Genuss ihres Heims mit groβem Garten, hübschen Pool und so einigem Getier.

Die Katzen bekommen nur Trockenfutter und Wasser hingestellt, aber für die beiden Ziegen müssen wir frische Lorbeerzweige von einer riesigen Hecke schneiden, die sie auch genüsslich verspeisen.

Während wir einen Aperitif auf der Terrasse nehmen, kommen die drei Hühner, angeführt von der schwarzen Chefin, anstolziert.

Sobald die Dämmerung beginnt, kommen sie mich regelrecht holen, damit ich sie zu ihrem Hühnerstall führe. Sie gackern mich an, bis ich aufstehe, und wackeln im Hühnermarsch hinter mir her – Mi lacht sich schief! Fehlt nur noch, dass sie mir sagen, ich solle ja schön das Gitter hinter mir schlieβen…

Am nächsten Morgen gackern sie mich fröhlich an, als ich das Gitter für sie öffne und gehen dann, wie Dominique mir sagte «Karten spielen mit ihren Nachbarinnen ». Ich darf zu meiner Riesenfreude ihre noch lauwarmen Eier aus dem Nest nehmen. Nie im Leben hat mir ein weich gekochtes Ei besser geschmeckt!

Morgen müssen wir gen Norden ziehen (wo das Wetter gelinde gesagt unfreundlich ist) und uns von unserem kleinen Paradies verabschieden. Aber wir werden bis Valence nicht die Autobahn nehmen, sondern über unsere geliebten Landstraβen fahren und ein letztes Nickerchen im Lavendelfeld halten.

DIE ALPILLEN

Nicht nur der Sommer ist schön in der Provence! Im Herbst gibt es ebenfalls noch viele sonnige Tage mit einer Klarheit, wie wir sie im Norden einfach nicht kennen. Zum Spazieren gehen oder Wandern ist das Wetter ideal, denn im Sommer ist es hier viel zu heiβ. Wir haben eine sehr nette Ferienwohnung genau im Zentrum von SAINT-REMY-DE-PROVENCE gefunden.

Das hat den Vorteil, da die Tage ja nun schon viel kürzer werden, dass wir selber kochen können und zwar mit den wunderbar zarten Gemüsen, die es hier auf jedem Markt und an jedem Tag gibt. Diese Kleinstadt von fast 10.000 Einwohnern – die sogenannte « Hauptstadt der Alpillen » – hat eine Menge für sich. Sie gefällt uns besonders durch ihre schönen Häuser vergangener Jahrhunderte, die fast alle sehr gut renoviert wurden. Aber auch ihre kleinen charmanten Gässchen, ihre kuscheligen Plätze und die eleganten Geschäfte haben es uns angetan. Auβerdem ist es lustig, einmal mit dem Auto – wie auf einem Karussell – über den Ring-Boulevard zu fahren.

Sobald wir die Stadt über eine wundervolle Platanenallee verlassen, haben wir die Alpillen vor uns, die genauso originell sind wie die Spitzen von Montmirail auf der anderen Rhôneseite.

Auch dies ist eine Kalksteinkette, die in 496 m Höhe in OPIES (bei Eyguières) gipfelt. Uns bietet sich dort ein Panorama, das vom Mont Ventoux bis zu den Cevennen reicht und vom Berg Sainte Victoire (bei Aix-en-Provence) bis zur Camargue.

Wenn wir mal keine Lust zum Wandern haben, fahren wir nach, BAUX-DE-PROVENCE. Der Name kommt vom provenzalischen « bau » (ausgesprochen « baou ») und bedeutet ‘schwer zugänglicher Ort’. Das trifft genau auf dieses Hochplateau zu. Das hatte in den unruhigen Zeiten des Mittelalters den groβen Vorteil, dass die Bevölkerung die Ebene übersehen und sich beizeiten schützen konnte. 

Nach der Auβenseite des Plateaus interessiert uns nun vor allem das Innere, nämlich die riesigen unterirdischen Steinbrüche. Sie wurden 1978 in die « Carrières de lumières », also in „Steinbrüche des Lichts“ umgewandelt. Jedes Jahr werden hier multimediale Ausstellungen gezeigt, die sich den groβen Künstlern der Malerei widmen. Über hundert Videoprojektoren projizieren die Bilder auf eine Fläche von über 6000 Quadratmetern. Durch sorgfältig ausgesuchte Musikstücke werden wir in die wunderbare Welt von Klimt, Hundertwasser, Monet, Cézanne und – hier natürlich ganz besonders – in die von VINCENT VAN GOGH entführt.

Es ist wohl das einzige Mal, dass ein Steinbruch Ableger produzieren konnte, denn zurzeit sind ähnliche Orte in Paris, Bordeaux, Amsterdam, New York, Dubaï und sogar in Südkorea entstanden. Und da soll noch einer es wagen, von der Kultur als NICHT « wesentlich » zu reden!

Vincent van Gogh kam nach St. Rémy im Mai 1889, nach der schrecklichen Krise während der er sich ein Ohr abschnitt. Er lieβ sich freiwillig in das psychiatrische Krankenhaus St.Paul de Mausole internieren.

Er blieb ein ganzes Jahr dort – und malte HUNDERTFÜNFZIG Bilder! Ein Spazierweg, von seinen Malereien gesäumt, bringt uns vom Zentrum der Stadt zum Kloster St. Paul und in die Welt dieses immensen Künstlers.

Während des Rundgangs durch die Anstalt, die auch heute noch psychiatrischen Zwecken dient, überkommt mich beim Lesen seiner Briefe und Dokumente, die dort ausgestellt sind, eine groβe Traurigkeit wegen des Schicksals dieses armen Mannes, der Millionen von Menschen Freude mit seinen Bildern macht, er, der so entsetzlich leiden muβte.

L’ISLE-SUR-LA-SORGUE

Diese hübsche Stadt unweit Avignons, doppelt so groβ wie Saint Rémy, hat ihren Namen vom Flüsschen Sorgue und war bis hin ins Mittelalter ein Sumpfgebiet. Deshalb wurden die ersten Gebäude auf Pfählen gebaut und daher kommt auch der erste Teil des Namens, von dem lateinischen „Insula“. Der Sumpf wurde durch Kanäle ausgetrocknet. Sie waren lange Zeit die Voraussetzung für eine lebhafte Industrie: Öl-, Korn- und Papiermühlen wurden von groβen Wasserrädern (den „aubes“) angetrieben und sind heute noch eine hübsche Touristenattraktion.

Eine alte Spinnerei-Fabrik des 19. Jh. wurde 100 Jahre später zum « Village des antiquaires de la gare » umgebaut. Wenn auch der Pariser Flohmarkt gröβer ist, dieser hier ist malerischer! Jeden Sonntagvormittag finden wir hier rund hundert Stände von Gerümpel über netten Trödel bis hin zu feinen Antiquitäten (die natürlich ihren Preis haben!). Noch dazu kommen auch sämtliche Bauern aus der Umgebung mit ihren Waren und diverse Blasorchester, die eine entspannte und fröhliche Stimmung zaubern. Auf die Rückseite des von mir an einem strahlenden Herbsttag aufgenommenen Fotos schrieb ich:

Der Beweis, dass man zugleich Töpferei verkaufen kann und den eigenen Topf nicht vernachlässigen muss.

DAS PROVENZALISCHE COLORADO

Bei fantastischem Sonnenwetter fahren wir weiter zu einer Seltenheit: Wilder Westen in der Provence! RUSTREL ist ein winziges Dorf im Park des Luberon (10 km vor APT, wenn man von Avignon aus kommt), das den Umweg lohnt. Wegen seiner wundervollen Landschaften mit einer ganz auβergewöhnlichen Farbpalette in Ocker. Genau der wurde hier seit Ende des 19. Jh. abgebaut und Rustrel war das wichtige Zentrum dieser Produktion, die erst 1992 eingestellt wurde. Die durch die Erosion der Ockerminen und durch Menschenhand im Laufe der Zeit entstandenen Canyons bieten ganz unterschiedliche Reliefs. Felsen, enge Schluchten, Spitzen, und Höhlen gibt es hier in den Farben von hellem Gelb über Braun, Mauve, Orange und Mauve bis hin zu leuchtendem Rot.

Heutzutage dürfen wir in dieser mehr als 30 Hektar groβen Anlage, für die wir Eintritt zahlen, auf gut angelegten Wanderwegen gehen und die über ZWANZIG verschiedenen Schattierungen von Ocker bewundern, die sich sehr reizvoll gegen die Grüntöne der Vegetation abheben.

Wir haben unsere Wasserflaschen im Rucksack (es ist immer noch ganz schön warm hier am Mittag, auch im Herbst) aber es gibt auch eine nette kleine Bar hier für diejenigen, die sich gerne „die Kehle ausspülen“ möchten – sie heiβt « La Rinsoulette ».

Nach einem prima Picknick mit Blick auf unsere Alpillen fahren wir nach St. Rémy zurück, um einem Orgelkonzert zu lauschen. Im Französischen bedeutet „le point d’orgue“ der Höhepunkt. Das Konzert wird also der musikalische Höhepunkt unserer Reise werden. Während wir hübsch langsam durch diese herrliche Landschaft schuckeln, denke ich schon daran, was wir beim nächsten Mal noch alles in der Provence sehen und machen können: einen Ausflug in die Camargue, um die Salzberge und die Flamingos mal wieder zu sehen, einen anderen zum Berg Sainte-Victoire, dem Symbol der Gegend um Aix-en-Provence herum (von Cézanne unsterblich gemacht!), einen Besuch im fabelhaften Museum MUCEM in Marseille. Wir dürfen auch nicht die Calanques von Cassis vergessen und müssen die netten kleinen Dörfer des südlichen Luberon wiedersehen (Cadenet, Lourmarin, Cucuron…) es gibt noch viel zu tun….

Wunderbare Aussichten !

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