1987 – ALLEINE AUF DEM GR 20 IN KORSIKA

MONTAG, 27. Juli

Los geht’s! Die blau-weiß-rote Fahne flattert im Wind, als die „Napoleon“ nach Bastia ablegt und die „Cyrnos“ grüßt, welche majestätisch in den Hafen einläuft. Ich denke mir, dass eine Schiffsreise – auch wenn sie nicht länger als zehn Stunden dauert – allemal aufregender ist als der TGV oder das Flugzeug.

Heute Abend kann das Meer, das laut Charles Trenet „entlang der klaren Golfe tanzt“, seine weißen Schäfchen nicht mit Wolken verwechseln, denn es gibt keine Wolken. Der Wind vom offenen Meer ist warm und schmeichelnd und verspricht viel. Leider allerdings auch eine unruhige Nacht, wenn er noch mehr auffrischt. Ein freundlicher Offizier in makellos weißer Uniform informiert mich, dass in den nächsten zehn Stunden etwa 200 Meilen zurückzulegen sind. Ich glaube, er wäre sehr erstaunt, wenn er wüsste, dass ich in den nächsten zwei Wochen fast ebenso viele Kilometer zu Fuß zurücklegen will. Mit dem Unterschied, dass ich mit einem 15 kg schweren Rucksack auf dem Rücken unterwegs sein werde !

Ich habe nämlich beschlossen, den berühmt-berüchtigten Fernwanderweg GR 20, der Korsika von Süden nach Norden in einer leichten Diagonale durchquert, ganz allein in Angriff zu nehmen. Die Route folgt dabei – meist auf Maultierpfaden – der Wasserscheide der Insel. Alle Wanderer und auch der berühmte Jacques Lanzman (mein Idol) sind sich einig, dass diese Wanderung technisch gesehen keine echten Gefahren birgt. Der Weg ist jedoch wesentlich sportlicher als beispielsweise der GR 1, der eine 600 km lange Rundtour um Paris mit einem Höhenunterschied von höchstens 50 m macht.

Ich werde auf dieser Wanderung 10.000 Höhenmeter erklimmen – mehr als der höchste Berg der Welt ! Und genauso viele muss ich natürlich auch wieder hinuntersteigen, was bekanntlich noch schwieriger ist. Die Norm für diese Route sind 15 Tage. Man muss nämlich mit dem Wetter rechnen, das sich in den Bergen schnell verschlechtern kann und einen dazu zwingt, einen Tag in der Hütte zu bleiben. Da ich alle Zeit habe, kann ich auch 20 Tage brauchen, kein Problem. Denn man muss an Ruhepausen denken. Es handelt sich nicht um einen Spaziergang mit den Händen in den Taschen, sondern darum, mit 15 Kilo auf den Schultern zu wandern (ich bin1,73 m groß und wiege 58 Kilo).

Ich habe meinen Rucksack gepackt, gewogen, ausgepackt und neu gepackt, aber es hilft alles nichts : Es gibt keine Möglichkeit, das Gewicht zu reduzieren, selbst wenn ich nur das Nötigste mitnehme (ich habe sogar meinen Walkman auf dem Altar meiner zukünftigen Schmerzen geopfert!). Ich brauche mein kleines „Iglu-Zelt“ für den Fall, dass eine Hütte zu voll sein sollte. oder ich zu einem Biwak gezwungen werde. Ich brauche einen warmen Schlafsack, Jeans und Pullover, denn auf 2000 m Höhe ist es selbst im Juli und August ab sechs Uhr abends kalt. Außerdem brauche ich eine Rettungsdecke, eine Regenjacke sowie -hose, Shorts und T-Shirts, Unterwäsche, ein Handtuch, eine Taschenlampe, Michelin-Karten und den Reiseführer “ Guide du Routard „.

Ich brauche Bücher, ein Heft für Notizen und einen kleinen Kocher, falls ich Schwierigkeiten haben sollte, zu einer Hütte zu gelangen. Mein einziger Trost ist, dass dieses Gewicht mit meinen täglichen Mahlzeiten abnehmen wird. Aber so bin ich mit Proviant für mindestens eine Woche unabhängig. Und bekanntlich ist der Anfang am schwersten. Es stimmt, dass dieses Vorhaben ein klein bisschen verrückt ist. Was soll’s, heute Morgen habe ich im Radio gehört, dass ein Typ 45 Tage lang auf einem Surfbrett das Meer überquert hat! Ich denke mir also, dass 14 Tage allein in den Bergen sicher viel aufregender sein werden !

DIENSTAG, 28. Juli

 “ Meine Damen und Herren, guten Morgen ! Es ist 5 Uhr 15 und wir werden in 45 Minuten in BASTIA ankommen. Die Außentemperatur beträgt 24 Grad.“ Ich traue meinen Ohren nicht: 24 Grad ! Das ist mal was anderes als der Pariser Nieselregen der letzten Tage. Mir ist nicht einmal kalt (also fast nicht), als ich auf die Brücke gehe, um den Hafen von Bastia und vor allem die Farben zu bewundern : das Ocker der alten, Häuser, das Grün des Leuchtturms, der sich im blauen Wasser des Hafens spiegelt, der Himmel, der zuerst rot ist und dann opalin wird, bevor die Sonne aufgeht… das ist einfach nur schön!

Der Busbahnhof ist deutlich weniger sehenswert, da er geschlossen ist. Ich muss leider zwei Stunden lang auf den Bus um 8.30 Uhr warten. Also mache ich einen kleinen Spaziergang um den Hafen und frühstücke auf dem Marktplatz. Dort genieße ich den Geruch von Basilikum, das hier für nur 3 F in großen Sträußen verkauft wird. Am Tisch bemerke ich einige Deutsche, die die Frechheit besitzen, Croissants zu essen, die sie beim Bäcker nebenan gekauft haben – statt der Croissants vom Cafetier. Doch als meine Rechnung kommt, habe ich den Ärger und verstehe ihre Dreistigkeit sehr wohl.

Während der langen Busfahrt kommen mir meine Eindrücke von vor sechs Jahren, wieder in den Sinn: Ich war für eine Woche in einem Ferienlager angestellt und zwar „au pair“. Das heißt : ich gab ein ein Konzert und bekam den Flug, Unterkunft und Verpflegung am Ufer des Mittelmeers umsonst !

Die Küstenstraße ist hässlich und größtenteils ziemlich mörderisch. Aber es genügt, den Blick nach rechts zu richten, um von den kleinen Dörfern entzückt zu sein, die sich unter dem weiten blauen Himmels an den Berghang klammern. Die Häuser sind mit Oleanderbüschen überwachsen und je weiter wir nach Süden kommen, desto mediterraner wird die Landschaft.

Die Zikaden zirpen wie verrückt, als ich aus dem Bus steige. Ich finde mich auf der Landstraße wieder, die nach CONCA führt, verfluche die Sonne und segne den kleinen Wind, der sie erträglich macht. Oh Zufall, oh Glück, eine nette Dame nimmt mich mit ihrem Auto bis zum Beginn meines Wanderweges mit. Nachdem ich meine Wasserflasche im „Salon de Coiffure“ (lustige kleine Baracke mit zwei Haartrocknern) aufgefüllt habe, bin ich also an Ort und Stelle.

Die erste Stunde ist wie immer grässlich. Der Rücken muss sich erst an den Rucksack gewöhnen und umgekehrt. Witziges Detail: Ich schimpfe mit einer süßen grauen Katze, weil sie eine Eidechse jagt: Die Katze ist beleidigt, die Eidechse erfreut. Fünf Minuten später spüre ich etwas Weiches und Seidiges hinter meinem linken Bein: Es ist die Miezekatze, die mir ein entschuldigendes „Miau“ zuwirft. Später in der Hütte erfahre ich, dass sie dem Schäfer von BLAVELLA gehört und dass sie nach Conca ausgebüxt ist. Ich begegne Wanderern in großer Zahl : zwei wunderschönen, muskulösen und gebräunten Französinnen, nicht wenigen Italienern und vor allem vielen Deutschen jeder Art. Die Regel ist : zwei Männern oder zwei Frauen. Ich bin offenbar einmalig, denn ich sehe weder einen Mann noch eine Frau für sich alleine gehen.

Während ich wandere, denke ich an die Tage, an denen ich mich auf diese Reise vorbereitet habe. Nachdem ich den GR20-Führer mehrmals gelesen hatte, beschloss ich, den Weg umgekehrt zu gehen. Nicht, um mich interessant zu machen, sondern aus zwei logischen Gründen: Wenn ich von SÜD nach NORD gehe, habe ich die Sonne im Rücken, statt sie die ganze Zeit in den Augen zu haben. Und vor allem werde ich den schwierigsten Teil des Weges, nämlich die Etappe des ach so berühmten « Cirque de la solitude », am Ende gut trainiert zurücklegen. Ich habe mir alle Quellen notiert, denn Wasser ist lebenswichtig. Ich bin gut mit Karten ausgestattet – und mit den unzähligen Ratschlägen von Freunden, die diese Expedition natürlich viel zu gefährlich für eine Frau allein finden !

Aber ich weiß, was ich will, denn wenn ich das Gegenteil von allen tue, werde ich eben alle treffen. Wenn ich mir auch nur eine Verstauchung zuziehe (was Gott bewahre), werde ich innerhalb einer Stunde gefunden ! Zudem bin ich gerade sechs Tage im Gers gewandert, um zu trainieren. Und ich bin gut im Klettern.

Momentan ist die Landschaft um mich herum größtenteils verbrannt, mit einigen wunderschönen roten Felsformationen. Ich mache keine Fotos, weil das Wetter bedeckt ist, aber hier und da gibt es Ausblicke auf Ostgipfel von Korsika. Froh und überrascht bin ich, als ich nach nur fünf Stunden (ohne Rast) die PALIRI-Hütte erreiche, denn mein Führer hatte mir 1 Stunde und 15 Minuten mehr Zeit gegeben !

Die Berghütte ist überfüllt, aber eine nette Gruppe bietet sich an, mir Platz zu machen. Da es drinnen schwülheiß und draußen kühl ist, lehne ich das freundliche Angebot dankend ab und richte mir ein Biwak mit der Rettungsdecke im Schlafsack neben der Hütte ein. Leider bin ich nicht die Einzige, denn viele Gruppen verbringen hier ihre letzte Nacht, bevor sie morgen den GR „beenden“. Nachdem ich verzichtet habe, mich zum Waschen anzustellen (morgen früh ist dafür auch noch Zeit) und nachdem ich meine köstliche chinesische Suppe als Abendessen intus habe, hülle ich mich mit einem Buch (zum Vergnügen) und Backpflaumen (zum Verdauen) in meinen Schlafsack ein.

Der Abend bricht langsam herein und alle paar Minuten hebe ich die Nase von meinem Buch, um die Farben des Himmels und der Berge ringsum zu bewundern. Während ich an diesem frühen Abend die klassische Musik genieße, die von der Chefin der Unterkunft ausgestrahlt wird, wettere ich etwas später gegen eine Gruppe junger Leute, die draußen ein Radio mit Hip-Hop Musik einschalten. An anderer Stelle zündet wiedrum eine andere Gruppe ein Gegenfeuer an und grölt den Schlager : „Es tut mir leid, aber ich muss leider gehen“. Wenn das nur wahr wäre ! Aber nein, sie stören bis zur Sperrstunde (22 Uhr) und ich frage mich, wie die Menschen angesichts dieses Wunders von Himmel mit seinen Tausenden von Lichtpunkten nicht schweigen können. Nie war der Ausdruck „unter freiem Himmel schlafen“ wahrer ! Selbst in der Nacht öffne ich ab und zu ein Auge, um zu überprüfen, ob dort oben noch alles hängt.

MITTWOCH, 29. Juli

Oh Gott, das darf doch nicht wahr sein! Muss das sein, dass ich von nun an jeden Tag von den ersten Wanderern geweckt werde, die um 5.30 Uhr morgens losgehen… Die Spinner ! Ist das denn vernünftig? Seufzend krabbele ich aus meinem Schlafsack. Mir ist überhaupt nicht kalt, obwohl wir uns auf tausend Metern Höhe befinden. Aber der Tau hat die Oberdecke und all die Dinge, die ich außerhalb des Schlafsacks gelassen hatte, ordentlich durchnässt. Das wird mir eine Lehre sein ! Da es am Brunnen immer noch eine Schlange gibt, beschließe ich, bis zu einer nächsten passenden Gelegenheit schmutzig zu bleiben. Diese wird sich im Laufe des Tages mehrmals ergeben, denn es ist wahr, dass ich nicht ohne Grund auf dem Kamm der Wasserscheide wandere.

Um Punkt 6.25 Uhr mache ich mich auf den Weg in den jungfräulichen Morgen. Wie schön es hier ist ! Die Felsen der Berge sind rosa angehaucht. Als ich mich kurz vor Sonnenaufgang in einer Kurve umdrehe, glaube ich, einen japanischen Holzschnitt zu betrachten : eine Kiefer, Wolken, die aus dem Tal aufsteigen, und die Spitze eines Berges … Ich bin hin und weg vor Bewunderung und wieder einmal sehr froh, dass ich allein unterwegs bin. Es ist seltsam, gestern hatte ich den ganzen Nachmittag die Zähne nicht auseinander bekommen, und am Abend in der Hütte blieb ich, anstatt mich einer Gruppe von Franzosen oder Deutschen anzuschließen, nach zehn Minuten höflichen Plauderns mit der Wirtin allein zurück.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in den letzten Tagen viel zu viel über mich und alle möglichen Themen gesprochen habe, weil ich einen Mann kennengelernt habe, der – wie auch immer, ich muss unbedingt alleine meditieren! Zum Beispiel darüber, dass mich das Wandern im Allgemeinen und das Bergwandern im Besonderen viele Dinge lehrt. Erstens: „Du wirst wandern ODER du wirst bewundern“, aber niemals beides gleichzeitig, denn je schöner das Panorama, desto härter der Fall. Zweitens: „Du musst nicht wie ein Bulldozer durch die Gegend rasen, wichtig ist, dass du ankommst und nicht, dass du die Erste bist“. Aus der Ferne betrachtet ähnelt mein Tempo sicherlich dem einer Schnecke, und doch ist es wichtig, in seinem eigenen Rhythmus zu gehen, ohne falsche Scham! Daher kommt auch meine Abneigung gegen das Gehen in Gruppen. Seltsamerweise bin ich fast immer in der Zeit oder sogar schneller als der Durchschnitt, den mein Reiseführer angibt. Drittens: „Sich die Zeit nehmen, um zu bummeln, wenn sich die Gelegenheit bietet“ – wir sind nicht hier, um abzunehmen! Und das Wichtigste ist der Genuss. Vierte und letzte Weisheit: „Voll und ganz hinter dem stehen, was man tut“, denn die Berge sind anspruchsvoll.

All diese Überlegungen haben mich zum COL DE BAVELLA geführt, wo ich die „Zivilisation“ mit Autos (was für ein Lärm und Gestank), einem kleinen Laden und „Fast-Food“ mit unerschwinglichen Preisen wiederfinde! Aber ich finde dort auch – – die Vögel wieder. Mir war aufgefallen, dass sie besonders an diesem strahlenden Morgen fehlten. Ich frage mich, ob die Vögel nicht dieselben geworden sind wie der Mensch, der das ganze Jahr über in einer Sozialwohnung in St. Denis (oder anderswo) lebt und sich für seinen Urlaub nach „La Grande Motte“ (oder anderswo) verzieht.
Bloss weg hier!

Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich kann dem normalen GR 20 durch das Tal des Ruisseau d’Asinao folgen oder die „etwas sportlichere“ Variante nehmen, die die AIGUILLES DE BAVELLA, auch PICS oder CORNES D’ASINAO genannt, erklimmt. Ein bisschen sportlicher? Von wegen! Meine einzige Ablenkung, wenn es wirklich zu steil ist und der Rucksack soviel wie ein Sack Steine wiegt, besteht darin, zu fluchen, ohne dass es jemanden stört, außer den Eidechsen, die immer größer und schöner werden. Aber die kleinen Berggötter verschleiern ihr Gesicht und bestrafen mich, indem sie mir die Sicht von oben auf die Aiguilles vernebeln. Aua!

Diese drei Gipfel sehen schon aus der Ferne fürchterlich gezackt aus, aber aus der Nähe betrachtet ist es noch schlimmer. Glücklicherweise führt der Weg auf der anderen Seite in einen wunderschönen Wald aus Kiefern, Birken und Erlen. Wie gut das hier riecht. Neben den Farnen, die mich von Anfang an begleitet haben, gibt es Wacholder mit kleinen blauen Kugeln und Buchsbaum, der seinen ganz besonderen Duft verströmt.

Aber der Abstieg ist steil. Bald zittern mir die Knie. Es stimmt, dass bei gleichem Höhenunterschied der Abstieg immer härter für die Muskeln ist als der Aufstieg. Und BUMS ! Ich stürze, schlage fast einen Purzelbaum, denn das Gewicht meines Rucksacks zieht mich mit. Das tut meiner Haut weh, aber zum Glück ist nichts Gefährliches passiert. Ach, diese unter den Schuhen rollenden Steine – ich hasse sie herzlich ! Humpelnd verdopple meine Vorsicht und komme am Bach ASINAO an. Nach dem Mittagessen mit einer Tomate, Roggenbrot mit Käse, Wasser und einem Pfirsich lege ich mich zu einem wohlverdienten Nickerchen nieder. Dabei werde ich vom Bach und den Erlenblättern über mir in den Schlaf gewiegt.    

Aus meinen angenehmen Träumen gerissen werde ich von dem Geplapper der Wandergruppen. Dieser GR ist doch wirklich eine Autobahn Wieder finde ich, wenn ich an ihnen vorbeiziehe, Germania an der Spitze, dicht gefolgt von Frankreich, dann Italien. Von Briten oder Amerikanern ist noch keine Spur zu sehen. Ich gehe einen sehr bequemen Weg hinauf, der sich durch junge Kiefern und Birken schlängelt und wo ich von einem leichten Wind gestreichelt werde. Als ich zum REFUGE D’ASINAO aufsteige, kann ich in Ruhe mein „Werk“ betrachten, d. h. den Weg, den ich heute zurückgelegt habe, und das nicht ohne eine gewisse Befriedigung.

Aufgrund meiner Erfahrung von gestern Abend, halte ich ein paar Schritte unterhalb der Hütte an, den „alten Schäfereien“, die ein wenig aufpoliert wurden. Derzeit beherbergen sie zwei Schäfer, einen kleinen Jungen und den vorgeschriebenen Hund. Wunderbar rekonstruierte Mauern umgeben mehrere Terrassen. Bei einer Tasse Nescafé, die mir einer der Hirten freundlicherweise anbietet, erzählt er mir : „Früher haben wir hier Kartoffeln und Gemüse für den Eigenbedarf und zum Verkauf in QUENZA angebaut. Jetzt lassen wir hier die Wanderer zelten.“ Auf meine Frage: „Wann war das ‚früher‘?“ antwortet er lächelnd: „Als wir jung waren, pardi! Jetzt gehen wir in Rente, und ich habe meine Schäferin nicht gefunden, sonst würde ich noch mal von vorne anfangen!“

Er ist ein liebenswerter Mensch, dieser Monsieur Jean-Paul, der mir den Brunnen zeigt, in dem das Wasser so kalt ist, als käme es aus dem Kühlschrank. Er lädt mich zum Abendessen ein, freut sich sichtlich, jemanden zum Plaudern zu haben. Er erzählt mir, dass er die Kuhherde nicht mehr selbst hütet, sondern sie von seinem Stall aus mit einem Fernglas überwacht. Sogar hier ist der Fortschritt nicht aufzuhalten ! Dieselbe Klage hier wie in den Pyrenäen oder in den Alpen: Die Jungen wollen nicht übernehmen, und so wird es hier keinen Hirten mehr geben, sobald Jean-Paul in Rente geht. Dominique, seine Nichte, die die Hütte 50 m oberhalb der Schäferei betreibt, kommt zum Abendessen herunter. Köstlich der Tomatensalat, die korsische Pastete, der korsische Käse und als Nachtisch die selbstgemachte Heidelbeermarmelade. All das vor dem Hintergrund der PICS/AIGUILLES/CORNES/ TORRE D’ASIANO und dem Nachthimmel darüber: Es sieht aus wie in einem Tausend-Sterne-Restaurant…

DONNERSTAG, 30. Juli

Um 7 Uhr 30 komme ich in der Sonne an : 1 Stunde und 59 Minuten, nachdem ich die Hütte verlassen habe, stehe ich am KREUZ des MONTE INCUDINE. Das Panorama raubt mir den Atem! Und ich beschließe, mir selbst ein großes Kompliment zu machen, denn 300 m Höhenunterschied pro Stunde mit einem 15 kg schweren Rucksack sind nicht für die Erstbeste zu bewältigen. Meine vorbereitende Wanderung im Gers hat sicherlich dazu beigetragen.

Welch eine Belohnung, die Aussicht von diesem Gipfel ! Korsika nennt man nicht umsonst die „Insel der Schönheit“. Vor mir liegen die drei Spitzen, die mich gestern so sehr gequält haben, und hinter ihnen sehe ich fast den ganzen Weg, den ich in zwei Tagen und zwei Stunden zurückgelegt habe – bis hin zum Meer ! Auf der anderen Seite glitzert AJACCIO. Im Norden winken ein paar Wolken. Ich genieße meinen Pfirsich und die Aussicht gleichermaßen und bin glücklich, in diesem Moment allein auf der Welt zu sein. Dann steige ich zu den ehemaligen Schafställen PEDINIELLI hinab, die offiziell 83 niedergebrannt und inoffiziell nach einer Schlägerei abgefackelt wurden… Als ich meinen Durst an einer Quelle lösche, tauchen drei kräftige Männer mit ihren Hunden auf und begrüßen mich herzlich. Einer von ihnen trägt ein etwa 60 kg schweres Wildschwein auf dem Rücken, das er vor sich fallen lässt.

Als ich darauf hinweise, dass man mir versichert hatte, die Jagd würde erst am 15. September eröffnet, erklären sie mir mit einem breiten Grinsen, dass dieses Wildschwein einen Hund getötet und einen der Herren angegriffen hat. Ich will nicht weiter darauf eingehen, aber mal sehen : die standen also „spontan“ um 1 Uhr morgens auf und nahmen ein Gewehr mit, hmmm… Es folgen ein Familienfoto und die Verkostung des „hausgemachten und garantiert nicht manipulierten“ Weins. Na gut.

Sie ermutigen mich, bis zum REFUGE D’USCIOLU weiterzugehen, und ihr Kompliment „für eine gute Wanderin wie Sie ist das nichts“ gehen mir runter wie Olio Sasso. Ich gehe also los, und die nächsten zweieinhalb Stunden sind eine reine Wohltat  für die Augen: Man könnte meinen, man sei auf den grünen Almen der Schweiz oder in den Pyrenäen.

Mein Reiseführer sagt mir, dass tatsächlich „diese von Gletschererosionen gehobelte Region mit ihren weichen Wellen eine für Korsika ungewöhnliche Landschaft bietet.“ Buchen statt Korkeichen. Es gibt riesigen Fingerhut und Asphodelia, außerdem tauchen die ersten schwarzen Schweine auf, die so typisch für Korsika sind. Es folgt ein erquicklicher Spaziergang unter Bäumen mit einem sehr angenehmen Lüftchen, und ich denke ein wenig an die „armen“ Menschen auf dem Festland, wo das schlechte Wetter anhält.

In BOCCA DI AGNONE halte ich an und widme den Nachmittag dem Waschen, Lesen, Sonnenbaden und Schreiben. Das Wetter ist wunderbar schön, ich bin glücklich, schlafe ein….Und werde von einer schwarzen Erscheinung mit riesigen Ohren aus dem Schlaf gerissen, die sich sehr für meine Tasche interessiert. Hey, Kumpel, das ist Sperrgebiet ! Aber danke, dass du mich geweckt hast. Es ist 17 Uhr 30 , ich fühle mich gut ausgeruht und werde versuchen, die USCIOLU-Hütte zu erreichen. Auf geht’s !

Nicht ohne zu murren, denn der GR 20 folgt zwar dem Kamm – aber keineswegs eben und in einer durchgehenden Linie. Es ist jetzt ziemlich kühl, der Wind hat aufgefrischt und die Wolken ziehen auf. Beeilung ! Ich beschleunige meine Schritte so gut ich kann und um 19 Uhr 45 bin ich am Ziel, nach insgesamt fast 8 Stunden Wanderung an diesem Tag. Stolz wie Bolle !

Der Hüttenwart bietet mir ein Glas schwarzen Johannisbeerschnaps an, wir fangen an zu plaudern und essen schließlich gemeinsam in seiner kleinen Kammer zu Abend, abseits von den Deutschen und Holländern, die seine Küche belegt haben. Er ist nicht glücklich, Baptiste ! Dieses Jahr findet er die Zeit sehr lang und die Saison, die sich im Juni noch gut angekündigt hatte, ist es nicht mehr. Ich denke aber, er möchte einfach so schnell wie möglich SEINE Pension wiederfinden, von der er mir stolz ein Foto in Postergröße zeigt. Hier ist jemand, der nicht auf „die Behörden“ gewartet hat, um Ideen und Mut zum Umsetzen zu haben ! Er verdient 5000 F pro Monat und hat 25 Tage bezahlten Urlaub. Aber der Regionalpark von Korsika zahlt nicht in die Arbeitslosenversicherung ein. Neben seiner Tätigkeit als Hüttenwart baute er also – eigenhändig und mit Hilfe seines Vaters! – eine Etappenunterkunft mit 36 Plätzen in seinem Dorf COZZANO. Er nennt sie BELLA VISTA und öffnet sie vom Frühling bis zum Herbst.

Ich bewundere ihn, wie es sich gehört. Er erzählt mir vom GR20 – den er NICHT vollständig kennt, ebenso wenig wie die anderen Hüttenwarte, die ich getroffen habe! – und er bedauert, dass die Parkleitung den Wärtern nicht erlaubt, in den Hütten Proviant zu verkaufen: „Davon könnten zehn Familien auf dem GR leben“, beklagt er sich und lässt mich eine entsprechende Petition unterschreiben. Ich bin mir der Nachteile bewusst (d. h. „Sonntags-Spaziergänger“, die ihre Autos „irgendwo“ stehen lassen, um den GR „als Tourist“ zu begehen). Ich unterschreibe trotzdem und denke an meine Schmerzen, was das Gewicht des Rucksacks betrifft. Baptiste ist begeistert und bietet mir als Geschenk – gegen eine Zigarette – noch ein wenig von seinem guten korsischen Wein an. Aber es ist 21 Uhr – ab in die Federn!

FREITAG, 31.Juli

Die Bergziege hat gegenüber mir den großen Vorteil, dass sie vier Beine und keinen Rucksack besitzt! Das denke ich mir, als ich über die riesigen Felsblöcke um die PUNTA DELLA CAPPELLA (2000 m) herumkraxle, während ein unangenehmer, kühler und feuchter Wind mich dazu bringt, meine Schritte zu beschleunigen. Um mich herum Nebel ! Dabei hatte der Morgen gut begonnen: Kein Schnarcher und der Erste war erst nach 6 Uhr aufgestanden – ich hatte das Gefühl, verschlafen zu haben.

Draußen ist es nicht so schön wie gestern, aber das macht nichts. Der Aufstieg zum COL DU BROUILLARD? Ein Kinderspiel, meine Beine scheinen wie von selbst zu laufen, und selbst die Wolken stören mich nicht allzu sehr, da sie vom Wind schnell vertrieben werden. Das führt dazu, dass ich weit unten die Bergkämme zwischen mir und dem Meer sehen kann, das in der Ferne glitzert. WAS KOSTET DIE WELT? Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück…!

Ich steige in der Sonne bis zum COL DE LAPARO hinab und treffe immer wieder auf meinen einsamen italienischen Kollegen, der genauso wortkarg ist wie ich. Wir gehen ungefähr im gleichen Tempo, außer dass er einen Walkman auf dem Kopf und einen Verband um sein Knie hat. Die Dinge werden beim Aufstieg zur PUNTA CAPELLA wegen des Windes, des Nebels und der „kleinen Gymnastik“ zwischen den Felsen – siehe oben – etwas schwieriger…

Erschöpft, aber glücklich, dass ich wieder einmal 1,5 Stunden gegenüber der Zeit des Reiseführers eingespart habe (5 Stunden gegenüber 6,5 Stunden!), bin ich die Erste, die die PRATI-HÜTTE erreicht, und genieße eine halbe Stunde lang die Sonne ganz allein an der Schwelle des Gebäudes, mit einer kleinen Herde friedlich grasender Kühe im Vordergrund.

Leider holt mich das schlechte Wetter schnell ein und ich muss zurück zur Hütte, wo mein Kollege gerade erst angekommen ist (ha!) und natürlich die Deutschen. Ein trauriger, trüber und kalter Nachmittag. Außerdem habe ich kein Brot mehr, meins hat Schimmel in der Tüte bekommen. Also schlechte Laune. Nichts ist schöner als die Berge bei gutem Wetter und nichts ist trauriger, wenn das Wetter hässlich ist. Ich verbringe meine Zeit damit, Tee zu trinken, zu essen, zu lesen – und alle 5 Minuten aus dem Fenster zu schauen, ob „es nicht aufklart“, weil ich weiter möchte. Im Gegenteil, es wird schlimmer: Nebel, noch mehr Regen und in der Ferne sogar Donner. Erst am Ende des Nachmittags, als eine Gruppe netter Franzosen (Vater, Freund und 3 Teenager) eintrifft, sehen wir in der Ferne einen Regenbogen aufleuchten, der gutes Wetter für morgen ankündigt. Hoffen wir’s!

SAMSTAG, 1. AUGUST

Eine heiße Dusche!!! Mein Gott, die Zivilisation hat wirklich ihr Gutes, und sei es nur wegen dieser Freude! Ich bin blitzsauber und bereue meine NEUN EINHALB Stunden Wanderung nicht – mein absoluter Streckenrekord! Heute Morgen war das Wetter tatsächlich herrlich und ich habe wieder einmal die Schönheit und Gelassenheit genossen, alleine zu laufen und dabei eine Sicht zu haben, die weit, weit reicht … Pif, paf! Schon bin ich unten am COL DE VERDE. Die Informationstafel ist von Schrotkugeln durchsiebt, wie es auf Korsika leider üblich ist. Eine nette Person erlaubt mir, „den Kontinent“ anzurufen, um dem Mann, der mir am Herzen liegt, zu sagen, wie es mir geht.

Wie mir der Hüttenwart gestern Abend gesagt hatte: „Von hier an ist es ein Spaziergang“. Tatsächlich ist es ein Weg, der fast die ganze Zeit auf derselben Höhe verläuft, von Erlen und Buchen beschattet wird und den MONTE RENOSO umrundet. Ich gehe immer schneller. Als ich an den BERGERIES DES CAPANELLE vorbeikomme, gefällt mir das, was ich sehe, so wenig – ein Skilift, Autos, Touristen -, dass ich nur kurz anhalte, um Wasser zu trinken. Außerdem beginnt sich der Himmel zu verdunkeln, sodass es heute nichts wird mit dem Sonnenbaden. Umso besser, so schaffe ich es doch noch!

Tatsächlich erreiche ich um 18 Uhr das MAISON FORESTIERE DE VIZZZAVONA und bin ziemlich überrascht, es dort zu finden, wo ich es nicht mehr erwartet hatte, weil ich mich auf dem Weg verirrt hatte. Oder besser gesagt, ich war so sehr in meine Gedanken vertieft (erstaunlich, wie wenig ich mich mit mir selbst langweile !), dass ich den Imperativ Nummer EINS vernachlässigt habe: Achte auf den Weg und auf das, was du gerade tust!

Plötzlich werden die rot-weißen Signale des GR20 durch rot-gelbe und dann durch komplett gelbe ersetzt. Ich beginne, mir Sorgen zu machen. Ich schaue auf die Karte – doch ich bin zu faul, wieder nach oben zu gehen, um meinen Weg zu suchen, da ich nur noch eine Stunde vom Ziel entfernt bin – und stelle fest, dass das Schlimmste, was mir passieren kann, der COL und nicht der GARE de Vizzavona ist. Also widme ich mich ganz einem Teppich aus Walderdbeeren, der urplötzlich vor meinen Füßen liegt. Ich müsste schon halbtot sein, um keine Walderdbeeren zu essen!

In VIZZAVONA angekommen, sind alle Hotels ausgebucht, aber EIN Haus ist gleichzeitig eine Berghütte, und für 5 F mehr darf man die Dusche benutzen! Das mache ich ausgiebig, bevor ich Proviant für die nächsten Tage einkaufen gehe: Ein Ei 1,50 FF, Tomaten 10 FF pro Kilo, Pfirsiche 12 FF, aber ein rundes Roggenbrot 7,60 FF – das ist angemessen. Es folgt ein üppiges korsisches Essen : Suppe, Omelett mit Bruccio und Minze, Steak mit Pommes frites, Käse und Pfirsich; das alles für 70 F plus 20 F für eine halbe Flasche Wein. Sauber und satt geht es um 21 Uhr ins Bett.

SONNTAG, 2. August

Strahlend ist der Morgen und strahlend auch die Berg, die entschieden mehr und mehr dem Berg gehört, wie die Berg zu ihr. Sehr höflich bleibe ich bis halb sieben im Bett, um nicht den ganzen Schlafsaal zu wecken. Dann setze ich mich zum Frühstück in den Garten und stelle wieder einmal fest, dass die deutschen Wanderer tatsächlich ALLE Müsli essen. Mich kann man damit jagen, weil ich es während meiner ganzen Kindheit essen musste.

Hopp, los geht’s auf einem schönen Wanderweg entlang des Flusses AGNONE, der von riesigen Kiefern, Tannen und Buchen gesäumt wird. Es summt auf der Seite der Hummeln und singt lautstark auf der Seite der Jungvögel.

Ich komme gut voran und erreiche den WASSERFALL DER ENGLÄNDER (was hatten die denn hier zu suchen?) in Rekordzeit. Danach wird es schwieriger, denn ich beginne den langsamen Aufstieg des Tages. Zunächst ist alles gut. Der Fluss gluckert nebenan und der Anstieg ist nicht allzu hart. Aufgrund meiner gestrigen Erfahrung und weil ich laut Reiseführer insgesamt „nur“ sechs Stunden unterwegs bin, beschließe ich, ein paar Stunden in diesem schönen AGNONE-TAL zu verweilen, das sich an den Rücken des PUNTA MURATELLO anlehnt, den ich überwinden muss. Das hat aber Zeit.

Der Fluss hat hier überall kleine Becken ausgehöhlt – und als ich abseits des Weges aufsteige, um meine Ruhe zu haben, finde ich eine Art privates Schwimmbad, das ganz nach meinem Geschmack ist, wo ich mich mit meinem Buch und meiner Sonnencreme als einziger Bekleidung niederlasse.

Zwei Stunden später sehe ich, wie unter mir ein lächelnder Mann auftaucht. Er ist splitternackt, abgesehen von seinen Sandalen! Ich ziehe mich a Tempo an. Höflich fragt er mich erst auf Englisch und dann in einem lustigen Französisch: „Combien de temps pour sommet“? Um mich für meine gestörte Ruhe zu rächen, vergesse ich sofort mein gesamtes Englisch und halte ihm eine strenge Rede auf Französisch, in der ich ihm sage, dass man mit Sandalen nicht auf einen Berg klettern kann und dass es vielleicht auch noch ein Gewitter geben wird – kurz, dass es besser wäre, dorthin zurückzukehren, wo er hergekommen ist !

Denkste ! Stur wie ein Maulesel ist er wenig später, diesmal angezogen, auf dem GR wieder da. Tatsächlich sind Wolken unterwegs und damit auch ich. Er gibt ein Stück weiter oben auf und tut gut daran. Die verbleibenden zwei Stunden Aufstieg – von insgesamt 4,5 Stunden – sind wirklich anstrengend und der Abstieg auf der anderen Seite ist auch nicht vvon Pappe. Ich bin müde und schlecht gelaunt, als ich in der ONDA-Hütte ankomme, und habe nur einen Wunsch: mich in meinem Schlafsack auf eine Liege zu legen. Leider ist die Hütte völlig überfüllt. Ein „Biwak-Camping-Platz“ wurde freundlicherweise nebenan eingerichtet, aber auch dort ist es schon voll.

Schiet, Mist! Das bedeutet, das Zelt aufzubauen, denn in 1400 m Höhe ist es am Abend zu kalt zum Biwakieren. Hier muss die Erzählerin ein Geständnis machen: Sie hat noch nie ihr Zelt aufgebaut! Bisher hatten das talentierte liebe Männerhände für sie erledigt. Vor zehn Tagen hatte ich versucht, es in meinem Pariser Wohnzimmer aufzustellen, aber die „Sardinen“ weigerten sich hartnäckig, in den Teppichboden zu passen…

Also mühe ich mich eine halbe Stunde lang ab, um ein sehr ungewisses Ergebnis zu erzielen, denn das Ganze ist ziemlich wackelig, wie ich zugeben muss. Aber dann kommt ein Herr, schaut sich das „Werk“ an, ohne etwas zu sagen (das gefällt mir!), holt zwei, drei Sardinen aus dem Boden, um sie anders einzupflanzen – und, oh Wunder, plötzlich steht mein kleines Iglu-Zelt perfekt! Der Mann schaut mich an, lächelt und sagt „Ecco Signora“! Ich bewundere und bedanke mich gebührend. Und wie durch Zauberhand – ich hatte mich doch in die entfernteste Ecke des Campingplatzes geflüchtet – schiebt er 4,5,6 weitere Italiener heran, die sich sehr für dieses seltsame Zelt interessieren.

Da sie nett sind, schließen wir Bekanntschaft. Sie haben gerade erst mit dem GR 20 in Vizzavona begonnen und haben an diesem ersten Tag ziemlich gelitten. Außerdem haben sie ihren Wanderführer vergessen – ein Unding! Ich breite meine Karte und meinen Führer auf dem Rasen aus und erkläre ihnen, dass sie für den nächsten Tag zwischen zwei Wegen wählen können: entweder den kürzeren, aber auch anstrengenderen über den Bergkamm oder den leichteren, aber längeren durch das Tal. Sie laden „Maria, la giornalista“ (ich spreche im Urlaub nie über meinen Beruf und gebe mich oft als Journalistin einer Berliner Zeitung aus) auf einen Kaffee vor ihrem Zelt ein, das sehr schick aus Alu und rund ist, wie es die Mode verlangt. Sie bieten mir Weintrauben und kleine Kekse an, ganz reizend. Alle sind aus Bologna und haben von ihren Frauen eine einwöchige Erlaubnis für diese Junggesellen-Wanderung bekommen. Wir beobachten, wie die Sonne in diesem hübschen Talkessel untergeht – aber es ist doch recht kühl und ich begebe mich in meine Gemächer.

MONTAG, 3. August

Ein anderes Tal, ein anderer Fluss und eine andere Atmosphäre. Meine Begegnung am Morgen ist die eines Schäfers mit seiner Herde von 150 Ziegen vor seinem Schafstall. Er sieht aus wie ein korsischer Räuber, hat einen roten Schal als Gürtel und wenn es im Tal genug Licht gäbe, würde ich ihn gerne fotografieren. Es ist halb neun, ich bin schon seit eineinhalb Stunden unterwegs, und frage ihn nach Ziegenkäse. Aber er will nicht : „Du hast doch Zeit, oder?“ Äh, im Prinzip ja, aber ich habe immerhin 900 Meter Kletterei vor mir und es wird heute hart zur Sache gehen. Was soll’s, dann müssen wir eben etwas trinken – und zwar keinen Kaffee, sondern Brandy und nicht nur ein bisschen..!

Ich gehorche und als Belohnung gibt es ein schönes Stück Frischkäse gratis und seine  Bewunderung für diese Touristin, die den Mut hat, ganz allein zu wandern. Er erklärt das seinem Cousin, der von der oberen Schäferei herübergekommen ist. Sie haben es sich hier wirklich gemütlich gemacht. Zum ersten Mal sehe ich in einem Schafstall Hühner und einen Hahn. Es gibt eine Gartenlaube und sogar einen kleinen Kirschbaum, der schon zwei Kirschen getragen hat, wie man mir stolz erklärt. Dieses Tal ist wirklich hübsch, mit seinem großen Wald aus Kiefern und Farnen, die locker 1,50 m hoch werden. Aber es geht nun sehr steil bergauf entlang des MANGANELLO und ich bin froh, dass ich so früh losgegangen bin.

Ich bin bald völlig durchgeschwitzt, als ich zwei Mädchen treffe, die von der nächsten Hütte BERGERIE DE PUZZATELLI kommen. Sie erzählen mir, dass es dort oben eine „natürliche Dusche und einen natürlichen Pool“ gibt. Also schnell weiter, bevor der Großteil der Truppe kommt. Dieser Anstieg ist wirklich sehr hart, und ich bin außer Atem und durstig, als ich die Hütte erreiche. Aber die Dusche tut mir wirklich gut und ich stürze mich hungrig auf mein Mittagessen. Rainer, der Holländer, schließt sich mir an und erzählt mir von seiner zweiwöchigen Wanderung durch die Pyrenäen und dass er nach Korsika zwei Wochen in Österreich verbringen wird, bevor er nach Utrecht fliegt. Sein Rucksack wiegt 22 Kilo!!! Davon sind mindestens 7 Kilo Essen: riesige Stücke holländischer Käse, süße Milch und Honig in Tuben, gefriergetrocknetes Gemüse – es ist unglaublich, er hat genug, um mindestens einen Monat durchzuhalten! Und er findet noch die Kraft, zum MONTE d’ORO aufzusteigen, 900 m höher als die Hütte…! Bewundernswert, aber ich lehne dankend ab. Nächstes Jahr.

Ich gehe mich sonnen, nicht ohne vorher die Hüttenwirtin zu begrüßen, mit der ich ein Buch und unsere Eindrücke vom morgigen Wetter austausche. „Es wird schön werden“, sagt sie, „endlich!“ Am frühen Abend gibt es nur ein paar Wolken. Sie lösen sich übrigens auf eine sehr merkwürdige Weise auf: Es sieht so aus, als würde sie jemand über die Lücke des Berges in unserem Rücken blasen. Aber kaum sind sie vor der Hälfte des Panoramas angekommen, das uns umgibt – NICHTS anderes als Berge, so weit das Auge reicht! – werden sie schon wieder eingesogen, ins Tal gezogen. Ich beobachte dieses faszinierende Schauspiel von meinem Zelt aus, eingemummelt in meinen Schlafsack, denn mir ist kalt. Aber ich kann mich nicht satt sehen an dem überwältigenden Film des Abendhimmels.

DIENSTAG, 4. August

Derselbe Himmel, der eben noch in allen Farben des Regenbogens leuchtete, verwandelt sich nun regelrecht in ein Ziegelrot, bevor er aufklart und der Sonne Platz macht. Es ist herrlich, ein solches Bild vor Augen zu haben beim Aufwachen. Und nur diesen Farbwechsel im Vergleich zu gestern Abend zu bemerken. Was für ein Glück, diese Morgen, an denen mir die Welt gehört ! Das ist wahrscheinlich das Schönste, was mir von dieser Wanderung bleiben wird.

Trotzdem ist es kalt, als ich um halb sechs aus meinem Zelt krieche und versuche, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Das ist leichter gesagt als getan! Alle meine Sachen sind in Plastiktüten verpackt, um sie vor Regen zu schützen, und ich habe das Gefühl, einen Heidenlärm zu machen, wenn ich sie wieder in meinen Rucksack stopfe. Ich hasse es, andere zu stören – genauso wie ich es nicht mag, von anderen gestört zu werden. Das erkläre ich freundlich zwei laut sprechenden französischen und deutschen Jungen. Hinter einem großen Steinblock nehme ich mein Frühstück ein und wärme mich mit Tee und Gas auf, das ich ein wenig brennen lasse. Schnell baue ich mein Zelt ab (ha, ich hab’s gelernt!) und um 6 Uhr 15 mache ich mich auf den Weg, ganz froh, dass es kühl ist, denn so kann ich schneller klettern.

Aber als ich oben auf dem Pass bin – Mamma mia, was für ein Wind ! Er fegt mich trotz meines schweren Rucksacks mehrmals fast weg. Einmal kann ich mich nur durch einen großen Felsbrocken retten, der ziemlich hart mit meinem linken Knie in Berührung kommt, mich aber davor bewahrt, einen Purzelbaum zu schlagen. Es folgt ein Schub von Adrenalin und ich komme immer rascher voran – heute Morgen habe ich Flügel ! Und da mir die ganze Welt bis 8 Uhr gehört – denn bis dahin ist mir noch nie jemand auf diesem GR entgegengekommen –  genieße ich dieses Vergnügen jeden Tag aufs Neue. Zugegeben, die Aussicht von hier oben ist wieder einmal so UMWERFEND, dass ich alle sechs Schritte stehen bleiben muss, um sie zu bewundern (und mich dabei an einem Felsen festhalte, um nicht zu fallen). Die Kulisse ist einfach atemberaubend !

Aber der Weg ist bei weitem nicht einfach, und meine „kleine Morgengymnastik“ zwischen den Felsen endet erst um zehn Uhr, als ich endlich die letzte Lücke erreiche. Der Abstieg ist ebenfalls hart, aber dann geht es zum Wasserfall und zur morgendlichen Dusche. Das Wasser ist so eiskalt, dass es mir den Atem raubt – aber es ist belebend und ich nehme den Rest des Weges mit neuem Elan in Angriff. Ein Zauber anderer Art erwartet mich : Nach den Augen kommen endlich mal die Füße zu ihrem Recht. Ich wandere drei Stunden lang durch ein wunderschönes, mit dichtem Gras bewachsenes Tal, auf dem ich förmlich hüpfe! Alles um mich herum ist Ruhe, Gchönheit und Genuss – was für ein Glück! Der strahlend blaue Himmel, das grüne Gras, das von kleinen Bächen und Seen durchzogen ist, und die Berge ringsum – einzigartig !

Zwei Stunden später befinde ich mich am LAC NINO. Es ist eine Art Paradies mit wilden (oder zumindest frei lebenden) Pferden, Kühen, Kälbern, Schweinen in allen Farben – die sehr neugierig auf meinen Rucksack sind! – und Vögeln aller Art. Ich halte an und den ganzen Nachmittag lang berausche ich mich buchstäblich an der brennenden Sonne auf meiner Haut, dem Flock-Flock der Wellen im See, dem Bimmeln der Kuhglocken … Als der Abend langsam hereinbricht und die „Tagestouristen“ abziehen, bleibe ich noch eine Weile allein in dieser friedlichen Welt zurück. Ich bin wunschlos glücklich – und mir sicher, dass nichts auf dieser Reise jemals wieder die Schönheit dieses Augenblicks erreichen wird !

Als meine netten Italiener auftauchen, tut es mir fast leid, aber auch sie sind glücklich, hier zu sein. Während ein Ingenieur einen gebrochenen Reif an meinem Zelt repariert, erzählen wir uns gegenseitig vom Tag. Dabei kochen wir und besprechen unseren Weg für morgen. All dies geschieht mit leiser Stimme und so unauffällig wie möglich, da wir hier nicht zelten dürfen. Wir haben also unsere Zelte im Schutz der Büsche aufgebaut und zünden kein Feuer an, wir werden nicht den kleinsten Abfall zurücklassen. Wir steigen zu einer Quelle hinauf, um Trinkwasser zu holen. Natürlich wollen wir nicht im See baden. Er droht leider bereits, durch die Umweltverschmutzung zu einem schlammigen Tümpel zu werden. Unser deutsch-italienisch-französisches Essen ist sehr lustig, wir tauschen Parmeggiano und Mortadella gegen chinesische Suppe und Bananen …. eben so richtig fröhlich! Natürlich werde ich nach Bologna eingeladen und es werden unzählige Fotos gemacht. Dann gerade, im letzten Licht des einbrechenden Abends, als wir den See umrunden, sieht es plötzlich aus wie in Irland, so blau-grün sind die Farben, und ein wunderschöner Halbmond ist auch noch zu sehen. Und ich denke daran, dass es erst acht Tage her ist, seit ich zum ersten Mal draußen in Palari geschlafen habe. Das scheint schon so lange her…

MITTWOCH, 5. August

Ein außergewöhnlicher Morgen : Ich bin schon VOR dem Frühstück mit Fohlen herumgezogen! Wie kann man sich so eine unerwartete Freude entgehen lassen? Natürlich sind sie schüchtern, aber sie sind auch so komisch! Der Morgen verspricht herrlich zu werden, trotz des starken Windes, der die ganze Nacht über an meinem kleinen Zelt gerüttelt hat. Ich bin sehr froh, dass ich heute keine Bergkämme bewältigen muss. Der Weg, der dieses Paradies verlässt, ist sehr schön. Ich muss zugeben, dass es mir schwer fällt, mich von diesem gesegneten Tal loszureißen, aber die Seele einer Wanderin ist so beschaffen, dass sie immer noch neugieriger auf das ist, was sie erwartet….

Leider ist es das Hotel CASTEL DE VERGIO, das mich erwartet. Dort bin ich mit Rainer, dem Holländer, und meinen italienischen „ragazzi“ verabredet, die immer länger schlafen als ich. Ich stelle fest, dass dieser Rhythmus, mit der Sonne aufzustehen und bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett zu gehen, letztendlich sehr angenehm ist. Manchmal schaffe ich es bis 22 Uhr mit einer Taschenlampe, um zu lesen, aber das ist wirklich das Äußerste.

Das Hotel hat angeblich einen kleinen Laden, in dem man sich mit Lebensmitteln versorgen kann. SEUFZ – nicht genug, dass ich mich auf einem eigentlich einfachen Weg verlaufe und zur gleichen Zeit wie die anderen ankomme, was schon mal kränkend ist. Als ich aber um viertel VOR 12 erfahre, dass der Laden erst um 15 Uhr öffnet, dass die Telefon-Minute nach Deutschland 10 Francs kostet, zum „Kontinent“ 6 F, dass der Tomatensalat (im August!) 17 F kostet, das Stück (!) Brot 2 F und dass man auf einer Liste die Dinge ankreuzen soll, die man kaufen möchte – da kommt mir doch die Suppe hoch !

Alle schimpfen über diese „Organisation“, denn als wir um viertel NACH drei endlich losgehen können, ist es heiß und wir müssen hart klettern! Wenigstens konnten wir uns alle diskret am Waschbecken mit heißem Wasser waschen – das ist zwar verboten, aber es ist angenehm. Und die Farben der Landschaft sind absolut herrlich. Keines dieser Täler gleicht dem anderen und alle haben ihren ganz eigenen Charme. Das tröstet heute !

Meine Kletterpartie wird durch die Begegnung mit drei Korsen – zwei Männern und einer Frau – mit zwei Pferden und einem ganzen Berg komplettem Kochgeschirrs unterbrochen. Auf meine Frage antworten sie mir fröhlich, dass sie sich für zwei Tage am Lac de Nino niederlassen würden. Und auf meinen gespielt empörten Ausruf: „Aber es ist doch verboten, dort zu zelten!“ antworten sie lakonisch: „Bah, wenn wir nur das täten, was erlaubt ist, Madame …“. Ach nee – wenn die Einheimischen den See nicht respektieren, wie kann man das dann von den Touristen erwarten???
Ich komme voran, aber nur langsam, denn seit zwei Tagen habe ich eine hässliche Blase am rechten Fuß und ein Knie, das ein bisschen schmerzt. Trotzdem erreiche ich um 18 Uhr 40 die Hütte CIOTTULI DI I MORI und freue mich, die Erste zu sein, denn ich kann mir mein Bett aussuchen! Ich bin heute Abend wirklich zu kaputt, um mein Zelt aufzustellen – und außerdem ist diese Hütte mit 2000 m Höhe die höchstgelegene auf Korsika.

Es kommt also nicht in Frage, draußen zu schlafen, da mir zu kalt wäre. Ich beschließe, am nächsten Morgen auf die PAGLIA ORBA zu steigen, also auf die „Königin Korsikas„, denn sie ist der zweite Gipfel nach dem MONTE CINTO und liegt nur 500 m oberhalb der Hütte. Danach werde ich es mir unten gut gehen lassen, um mich ein wenig zu erholen, bevor ich in guter Form den schwierigen CIRQUE DE LA SOLITUDE in Angriff nehme.

„Meine“ Italiener sind mir seit dem See gefolgt, aber heute Abend ist endgültig „l’addio“ angesagt und sechs stachelige Gesichter umarmen und küssen mich heftig: „Ciao, a l’anno prossimo!“ Ich lasse sie gehen, ein wenig gerührt, wie eine Entenmutter ihre Kücken in die große weite Welt hinausschwimmen lässt.

DONNERSTAG, 6. August

Um Punkt 8 Uhr10 erreiche den Gipfel der Paglia Orba auf 2525 m nach einem anderthalb Stunden langen Aufstieg – ohne Rucksack deutlich einfacher! Von oben habe ich eine fast 360-Grad-Rundsicht! Wie soll ich das Unsagbare in Worte fassen? Im Norden der CINTO, im Osten der Staudamm der CALACCIA SEGNIOR, im Westen die Golfe von PORTO und GALERIA. In der Ferne kann man CALVI erahnen – und von hier aus gibt es nur noch Berge, Berge ! Kleine, dicke, spitze, runde, kraterartige Berge – es ist atemberaubend, überwältigend, magisch!

Aber, oh Schreck, plötzlich finde ich mich zwischen zwei Felswänden eingeklemmt, wo ich niemals hätte landen dürfen, wenn ich demselben Weg wie auf dem Hinweg gefolgt wäre. Ich wollte doch nur meinen Kopf durchsetzen, aber das wird nun gründlich bestraft, denn ich werde von Panik ergriffen. Ich brauche mehrere kleine Gebete, um mich dazu zu entschließen, meine Wanderschuhe, meine tapferen Begleiter, auszuziehen und sie in den „Schornstein“ zu werfen, wo sie beim Herunterfallen ein schrecklich unheilvolles Geräusch machen. Meine kleine Marotte hätte mich fast einen hohen Preis gekostet und ich brauche all meine Kraft, die ich in diesen zehn Tagen erworben habe, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien.  Als ich unten ankomme, zittere ich am ganzen Körper. Doch als ich wieder in meine Schuhe schlüpfe, bin ich auch stolz darauf, der Gefahr getrotzt zu haben. Mein Schutzengel hat heute Überstunden gemacht und ich danke ihm mit Inbrunst von ganzem Herzen dafür.

Den Rest des Tages nehme ich gelassen: nur drei Stunden Wanderung, unterbrochen von zwei langen Pausen an den Flussufern. Es tut so gut, sich auf den warmen, flachen Steinen auszuruhen und mit den Eidechsen zu wetteifern…! Ich habe eine schöne Pfefferkuchenfarbe angenommen.

Als ich aber den COL DE FOGGIALE überquere und während des gesamten harten Abstiegs zu den BERGERIES DE VALLONE, ist es eine wahre Parade von Leuten, die hinaufsteigen, und ich beginne, das überhaupt nicht zu mögen. Man spürt die Nähe der Straßen von CALASIMA und HAUTES ASCO. In der Schäferei gibt es weder Schäfer noch Käse, aber – erstaunlich für einen GR – einen Ausschank mit Bier (!), Cola und Snacks… Etwas weiter oben befindet sich die „neue Hütte“, die so hellhörig ist mit vielen lauten Menschen, dass ich sofort umkehre, um ein Stück weiter unten zu zelten. Und plötzlich, als ich meinen Proviantbeutel inspiziere, habe ich die Nase voll! Ich habe es satt, meine Brotscheiben zählen zu müssen, ich habe es satt, nicht wenigstens eine Tomate oder einen Pfirsich pro Tag zu bekommen, ich habe es satt, entweder auf hartem Boden oder mit dem Geschnarche in den Hütten schlafen zu müssen, ich habe es satt, auf der „Autobahn GR“ zu wander – ich habe es einfach satt! Also Programmänderung: Der CINTO kommt nächstes Jahr dran und morgen gehe ich so weit wie möglich, vielleicht bis BONIFATOU.

FREITAG, 7. August

Äh – vielleicht habe ich doch etwas zu hoch gegriffen mit 1000 Metern Aufstieg und noch mehr Abstieg. Und vor allem mit dem « Talkessel der Einsamkeit », der äußerste Aufmerksamkeit erfordert.

Ich erreiche – nach 8 Stunden Wanderung – nur die Hütte von CAROZZU, noch anderthalb Stunden von Bonifatou entfernt. Das war’s. Es war ein eher harter als schöner Tag, aber ich bin trotzdem sehr zufrieden, denn der „Cirque de la Solitude“ ist durchaus machbar, wenn man trainiert ist. Am Anfang der Wanderung würde ich das ganz sicher nicht tun, und ich frage mich wirklich, warum alle wie kleine Schäfchen diesem Führer folgen, anstatt den GR von Süden nach Norden zu nehmen!

Es ist nicht so sehr, dass der Aufstieg von der BOCCA MINUTA (auf 1218 m) bis zum Ende des Kessels (auf 1980 m) und der Wiederaufstieg auf der anderen Seite bis zum COL PERDU (auf 2183 m) vom Höhenunterschied her so schwierig ist. Es sind nämlich jedes Mal nur zwei- bis dreihundert Meter zu bewältigen. Aber der Weg ist steil, SEHR steil! Und man muss sehr vorsichtig sein, auch wenn man von Greifstangen unterstützt wird. Heute Morgen habe ich zwei Italiener in Skistiefeln (!!) gesehen und traute meinen Augen nicht. Jetzt verstehe ich besser, warum es auf diesem GR so viele Unfälle und Todesfälle gibt – die meisten sind auf schlechte Ausrüstung und oft auf Unvorsichtigkeit zurückzuführen (wie ich gestern). Also, das Foto von mir ist ehrlich gesagt nicht so toll, aber ich war so glücklich und stolz auf meine Leistung, dass ich es einfach stehen lasse.

Auf jeden Fall bin ich sehr froh, als ich mich erschöpft am ehemaligen REFUGE d’ALTORE wiederfinde. Er ist für immer geschlossen. Ich blicke mit einer gewissen Rührung auf das VALLE HAUTE DE L’ASCO. Es ist genau sechs Jahre her, dass ich mir dort oben versprochen habe, eines Tages den GR 20 zu gehen. Heute war der schwierigste Tag des gesamten Weges – und nicht unbedingt der schönste, denn selbst die Umgebung der PUNTA CURAGHIA und der MUVRELLA (2148 m) ist kahl und trocken.

Zwischen zwei Felsen erblicke ich CALVI von dort oben und weiß somit, dass sich meine Reise dem Ende zuneigt. Weiter unten befindet sich die Brücke von SPASIMATA und dort, vielleicht wegen des langen und schwierigen Weges, habe ich eine Art Schwindelgefühl, das mich mit gallertartigen Knien darüber gehen lässt… Wie glücklich bin ich, diese Hütte von CAROZZU erreicht zu haben, die sehr schön in einem Birkenwald gelegen ist. Es gibt sogar eine „Dusche“, d. h. zwei Schläuche mit kaltem Wasser, die mich gut reinigt. Hier unten ist es deutlich wärmer.

Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen und strecke mich nach Katzenart, weil mir alles ein bisschen weh tut. Ich bin wirklich sehr müde und lege mich nach dem Essen sofort ins Bett. Der Hüttenwart versucht, mich zu überreden, am nächsten Morgen ein Stück vom „neuen“ GR zu nehmen. Der alte Weg, den ich vor sechs Jahren genommen hatte, ist ein Jahr später verbrannt. Aber er muss zugeben, dass der neue GR „halsbrecherisch“ ist und ich mindestens sechs Stunden brauchen werde, bevor ich in BONIFATOU ankomme. Ich möchte aber viel lieber in Ruhe in CALENZANA meine Wanderung beschließen, in meinem kleinen Hotel ankommen und morgen früh Tomaten-Marmelade essen.

SAMSTAG, 8. August

Nun ist es soweit, ich bin angekommen. Es ist vorbei – und wie immer bin ich ein wenig benommen und traurig, denn „das Baby ist ja da“.

CALENZANA, das aus der Ferne so malerisch aussieht, ist eine Enttäuschung. Es ist wahnsinnig voll, viel voller als noch vor sechs Jahren. „Mein“ Hotel ist voll, das andere auch und die Herberge, die sich direkt neben der lauten Hauptstraße befindet, die Calenzana mit Calvi verbindet (blöde Idee), hat nur 18 Plätze. Es gibt keinen Rasen, um das Zelt aufzustellen, keinen Schlüssel für die kalten Duschen. Dafür aber einen herzlichen Empfang durch den Hausmeister Jean-Claude mit seiner Liebenswürdigkeit, seinem Glas Rosé und seinem Satz: „Es gibt keine unlösbaren Probleme!“

Nach zwölf Tagen Stille kommt mir der Verkehr in der Kleinstadt genauso laut und heftig vor wie der auf den Champs-Elysées. Aber es gibt auch Entschädigungen : Es ist 20 Uhr und ich sitze in Shorts und Bluse draußen statt mit Jeans, zwei Pullovern und Windjacke ! Ich habe gerade „le grand menu“ im Restaurant bestellt: 107 F mit einer halben Flasche Wein, Bedienung nicht inbegriffen. Nebenan wird Boule gespielt, die Leute kommen vom Strand herauf, das Glockenspiel der Kirche läutet den Sonntag ein und der Abend bricht langsam herein. Da ist Kindergeschrei, da sind alte,schwarz gekleidete korsische Frauen, die bereits auf der Türschwelle saßen, als ich ankam. Sie beobachteten sehr genau, WER mir folgen würde, denn natürlich konnte ich ja nicht allein wandern. Die Eine von ihnen fragte mich ungläubig: „TOUTE SEULE??? Und wie lange schon ?“ „13 Tage, Madame.“ Respektvolles Schweigen begleitete meinen Abgang.

Ich genieße den korsischen Wein und die letzten vier Zigaretten aus der Schachtel, die ich auf der „Napoleon“ gekauft habe. Ich beobachte die Wanderer, die am Brunnen ihre Feldflaschen für den nächsten Tag auffüllen. Ich betrachte die Ocker- und Rosatöne der Häuser, ich entspanne mich, mir geht es gut. Morgen früh werde ich zum ersten Mal wieder ein Kleid anziehen. Bevor ich dann ins Flugzeug steige, um zu meinem Freund zu fliegen, nehme ich aber noch einen Bus zum Meer und mache dann eine kleine Bootstour – als Kontrastprogramm !

Heute Morgen stand ich um 6 Uhr 15 auf, wie es sich gehört, und ging ausnahmsweise sofort in T-Shirt und Shorts gegen Bonifatou los. An der Abzweigung des alten und des neuen GR hatte ich plötzlich große Lust, noch einmal zu würfeln. Anstatt ganz brav zu sein, wollte ich den alten GR wiederfinden – und ich fand ihn sofort ! Wieder einmal gehörte der Weg nur mir ALLEINE, auch wenn meine „Abkürzung“ mich gelinde gesagt vier Stunden mehr Zeit und eine Menge Kratzer an den Beinen kostete. Die Macchia ist seit dem Brand im Jahr 82 gut gewachsen, sie kratzte an meinen Armen und piekste meine Oberschenkel.

Aber ich bin ein letztes Mal glücklich auf diesem GR20. Als ich über den CHEMIN DES FACTEURS, dem Postbotenweg, in Calenzana ankomme, finde ich, genau wie ich es mir vorgestellt hatte, die Mauern rechts und links mit den ersten Brombeeren bedeckt. Das ist eine Abwechslung zu meiner Diät der letzten Tage, denn heute Morgen hatte ich nach dem Frühstück nur noch ein paar Kekse, etwas Zucker und Salz übrig.

Ein älterer Herr bietet mir netterweise eine Handvoll Brombeeren aus seiner Tasche sowie Mandeln an. Die unvermeidliche Kuh – Enkelin der Kuh, die ich vor sechs Jahren traf? – erschreckt mich nicht mehr. Ich gebe ihr einen kräftigen Klaps auf den Hintern und rufe „Hau ab, la vacca !“ Sie ist beleidigt. In der Ferne grüßen mich der Golf von Calvi und seine Segelboote. Das Gewicht des Rucksacks (welcher Rucksack ?) spüre ich nicht mehr, als ich das letzte Stück des Weges nach Calenzana zurücklege.

GLÜCK-LICH !

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